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Entrechtete Rechtsanwälte

Eine Ausstellung im Berliner Kammergericht zeigt die Schicksale von Juristen jüdischer Herkunft

Rudolf Olden war nicht nur in Berlin ein bekannter Strafverteidiger, er galt deutschlandweit als vorzüglicher Rechtsanwalt und Freund des geschliffenen Wortes in politischen Prozessen. Zu seinen bekanntesten Mandanten gehörte Carl von Ossietzky. Den Schriftsteller und Journalisten verteidigte er 1932 vor dem Berliner Kammergericht. Ossietzky war wegen seiner Aussage »Soldaten sind Mörder« angeklagt worden. Wenig später wurde Anwalt Olden von der so genannten Gerichtsbarkeit des Dritten Reiches in die Rolle des Verfolgten gepresst.

Über Nacht gehörte Olden zu den entrechteten Rechtsanwälten, ihm wurde die Zulassung entzogen. »Er gehörte nach Definition des Dritten Reichs zu den Menschen jüdischer Herkunft«, machte Irene Schmid, Präsidentin der Rechtsanwaltskammer Berlin, deutlich. Gemeinsam mit Kammergerichtspräsidentin Monika Nöhre eröffnete sie die Ausstellung »Anwalt ohne Recht – Schicksale jüdischer Anwälte in Deutschland nach 1933«. Hier wird auch das Schicksal von Olden geschildert, der sich zwar in Deutschland vor Hitlers Schergen retten konnte, aber auf der Flucht auf tragische Weise ums Leben kam.

Irene Schmid erzählt: »Während der ersten Entlassungswelle jüdischer Anwälte floh Rudolf Olden am 28. Februar 1933 auf Skiern übers Riesengebirge in die Tschechoslowakei, ein Jahr später gingen er und seine Frau nach Paris. 1936 erfolgte Oldens Ausbürgerung aus Deutschland, das Ehepaar floh nach London. Nach Kriegsbeginn 1939 wurde er zum feindlichen Ausländer erklärt.«

In dem im be.bra-Verlag Berlin erschienenen Buch »Anwalt ohne Recht«, auf dem die gerade durch ihre Sachlichkeit Emotionen weckende Ausstellung basiert, ist das weitere Schicksal des Ehepaars Olden nachzulesen: Als er einen Ruf der New School of Social Research New York erhielt, gingen Ika und Rudolf Olden an Bord des Dampfers »City of Benares«. Die zweijährige Tochter war bereits mit einem Kindertransport vorausgereist. Während der Überfahrt wurde das Schiff auf dem Atlantik von dem deutschen U-Boot U 48 torpediert. Mit vielen anderen Passagieren kam das Ehepaar Olden dabei ums Leben.

Monika Nöhre berichtete über die Willkür, mit der die Faschisten mit Rechtsanwälten jüdischer Herkunft umgingen: »Die SA stürmte die Gerichte und holte die Anwälte mit Gewalt aus dem Haus.« Dann verloren die ersten Juristen ihre Zulassung. Einige konnten einen neuen Antrag stellen. Voraussetzung: Entweder sie hatten ihre erste Zulassung vor 1914 bekommen und galten als »Altanwälte« oder sie waren »Frontkämpfer«.

1938 war es aber auch mit dieser perfiden Differenzierung vorbei. Auch den restlichen jüdischen Rechtsanwälten wurde die Arbeit verboten, sie durften nur noch jüdische Mandanten als »Konsulenten« beraten. Von den damals am Berliner Kammergericht tätigen 199 Rechtsanwälten waren nach Recherchen der Anwaltskammer 50 Kollegen jüdischer Herkunft. Sie verschwanden.

»Diese Wanderausstellung des Deutschen Juristentages und der Bundesrechtsanwaltskammer stieß schon auf große Resonanz«, so die Erfahrung von Hans-Joachim Ehrig, Geschäftsführer der Berliner Anwaltskammer. Wie seine Kolleginnen und Kollegen ist er überzeugt: Kollektive Trauerarbeit ist schier unmöglich. Sie ist zu abstrakt. Die Schicksale müssen wieder einen Namen bekommen, damit eine individuelle Aufarbeitung und Trauer möglich ist.

Die Ausstellung wurde 1998 erstmals im Berliner Centrum Judaicum gezeigt. Danach war sie in vielen deutschen Städten zu sehen und ging dann nach Amsterdam, Tel Aviv und Jerusalem, New York und Los Angeles, Montreal und Toronto. Im Kammergericht steht die Ausstellung vor dem Plenarsitzungssaal. Dort führte der »Volksgerichtshof« unter Roland Freisler seine berüchtigten inszenierten Schauprozesse durch.

Zu den verjagten Rechtsanwälten gehörte auch Hellmut Jacoby, der Vater der schwedischen Botschafterin Ruth Jacoby. »Sie las in dem Buch durch Zufall den Namen ihres Vaters und meldete sich bei uns«, so Hans-Joachim Ehrig.

»Anwalt ohne Recht«, Kammergericht, Elßholzstr. 30 - 33, Schöneberg, bis 22. 10., Mo. bis Do. 8 – 16 Uhr, Fr. 8 – 14 Uhr

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