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Das Leben, eine missliche Sache

Vor 150 Jahren starb der Philosoph Arthur Schopenhauer

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Jeder hat seinen Lieblingssatz, den er von einem Autor mit sich trägt, um sich notfalls daran festhalten zu können. Bei Schopenhauer ist es für mich eine Bemerkung in einer Fußnote: »Daß die Herren Professoren sind, geht die an, die sie dazu gemacht haben: ich kenne sie bloß als schlechte Schriftsteller, deren Einfluß ich entgegenarbeitete.«

Der Satz findet sich in »Über die Universitätsphilosophie«, enthalten in der Sammlung »Parerga und Paralipomena«. Der Text ist eine frühe kritische Nachfrage, was mit dem Humboldtschen Bildungsideal geschehen sei. Wie weit wirkt die Universität tatsächlich in das ganze Volk hinein, wie strahlkräftig ist der universitäre Geist?

Ein einziges Jammertal, befand Schopenhauer, als er nach Berlin kam, um Privatdozent der Philosophie zu werden und als erstes seine Vorlesungen keck zur gleichen Zeit wie der verhasste Konkurrent Hegel ansetzte. Aber der war arriviert und er bloß der närrische Sohn der Salondame Johanna Schopenhauer aus Weimar. Zu Hegel strömten die Massen, zu ihm kamen die wenigsten. Nicht schlecht für einen Philosophen, der wie er sagt, nicht die Professur, sondern die Wahrheit sucht.

Trotzdem hätte er Berlin ganz gern unverzüglich von einem der damals häufigen Sandstürme davonwehen lassen. Aber einen – makabren – Triumph erlebte er dann doch: Der ihm verhasste Philosoph des Weltgeistes wurde 1831 von der Cholera, die in seinem System der Wissenschaften überhaupt nicht vorkam, dahingerafft, während er, Schopenhauer, auf der Flucht vor ihr die Stadt längst verlassen hatte. Seine Philosophie revidiert die Aufklärungshybris, die Vernunft könne sich die Natur untertan machen. Nicht einmal dem eigenen Leib gegenüber gelingt das, siehe Hegel.

Die beiden Bände »Parerga und Paralipomena« entdeckte ich 1983 in einem Krakauer Antiquariat. Ganz unten im Koffer versteckt, fuhr ich mit diesem Schatz zurück, immer in Angst, an der Grenze könne man sie mir wegnehmen. Denn absurderweise galt Schopenauer – wie auch Nietzsche – in der DDR als nicht zum aufhebenswerten humanistischen Erbe gehörig. Das Verdikt beruht vor allem auf Georg Lukács, der in seiner Jugend einmal ein großartiges Buch, »Die Seele und Formen«, geschrieben hatte, aber alles, was er wusste, sofort vergaß, als er sich zum Parteitheoretiker machen ließ und handhabbare Ideologie für den Klassenkampf produzierte. Das so fatale Buch von Lukács heißt »Die Zerstörung der Vernunft« und trägt den Untertitel »Von Schelling zu Hitler«. Eine fatale Linie wurde da gezogen: Alles, was nicht Rationalismus sein wollte, hieß Irrationalismus, und jeder Irrationalismus führte bei Lukács direkt in den Faschismus. Schopenhauer und Nietzsche bekamen die Logenplätze in dieser traurigen Aufführung mit Namen »spätbürgerliche Dekadenz«. Also waren Schopenhauer und Nietzsche in der DDR quasi verboten.

Nun ist es interessanterweise Schopenhauer selbst gewesen, der einen ausgeprägten Sinn dafür besaß, wohin eine sich zur »Kathederphilosophie« institutionalisierende Aufklärung führen kann: in ein System des optimierten Mittelmaßes, das alle Gedanken entschärft, bis sie ungefährlich, also tot sind. In ein System, das am liebsten lauter Verbote ausspricht und sich das auch noch als pädagogische Verdienst im Namen der Moral anrechnet. Tolstoi hat darüber nachgedacht, warum Schopenhauer kaum gelesen wird: »Es gibt höchstens eine Erklärung, eben jene, die er selbst oft wiederholt, nämlich dass es auf dieser Welt fast nur Idioten gibt.«

Worum es in seinen Texten geht, hat der Philosoph selbst bündig so ausgesprochen: »Das Leben ist eine missliche Sache, ich habe mir vorgesetzt, es damit hinzubringen, über dasselbe nachzudenken.« Das ist schon unerhört, da will einer über das Leben selbst, nicht über Ideen oder Theorien nachdenken! Und das Leben hat er früh von sehr verschiedenen Seiten angesehen. Wie überhaupt Schopenhauer (der früh fast völlig ertaubt war), ein Denker des Auges war. Sein Blick geht auf den Grund, verbindet sich dort mit Reflexion. Davon zeugen seine ungewöhnlichen philosophischen Reisetagebücher.

Geboren 1788 in Danzig, wuchs er in Hamburg als Sohn eines wohlhabenden Kaufmanns auf, der ihn als Nachfolger in seinem Geschäft wissen wollte und darum den Besuch des Gymnasiums untersagte. Zum Ausgleich bot er ihm zuvor eine ausgedehnte Reise durch Europa an. Auf dieser Reise hatten ihn weniger die Sehenswürdigkeiten beeindruckt als das allgegenwärtige Leid. Dieses hat sich ihm tief eingeprägt; seine »Schwarzseherei« nervte die zur Oberflächlichkeit neigende Mutter Johanna Schopenhauer so sehr, dass sie ihm das Haus verbot. Mitleid war fortan eine feste Größe in seiner Haltung zur Welt.

Nietzsche, der über ihn lesenswert in seiner dritten Unzeitgemäßen Betrachtung – »Schopenhauer als Erzieher« – schrieb, hat ihm dieses Mitleid nebst seinem Pessimismus vorgeworfen, bis er dann selbst 1889 in Turin einem geprügelten Droschkengaul weinend (und im Wahnsinn versinkend) um den Hals fiel. Schopenhauer setzt nicht den Vernunfthebel an die Natur an, er sieht in dieser, besonders in den Tieren, immer etwas, dem auch er angehört. Es ist also mehr als eine Anekdote, wenn er seinen geliebten Pudel – jedoch nur dann, wenn er ihm böse war – mit »Du Mensch!« anfuhr.

Nur der frühe Tod des Vater erspart ihm den Weg des Kaufmanns, er kann doch noch studieren, reist viel, besonders auf den Spuren des bewunderten Goethe nach Italien, ist finanziell ungebunden, braucht sich darum vom akademischen Karrieresystem nicht verbiegen zu lassen, verliebt sich mehrmals in junge Schauspielerinnen und Sängerinnen, die ihn aber nicht heiraten wollen, was zu wunderschönen Aphorismen über die Ehe führen wird. Denn seine Lebensenttäuschungen verwandelt er immer wieder in Ausdruck.

Aber ein Misanthrop ist er darum nicht, obwohl jahrzehntelang – vor der späten »Komödie seines Ruhms« – seine Bücher fast niemand lesen will. Täglich geht er zum Essen aus, und als jemand zu ihm sagt, er esse ja für zehn, kontert er: »Ich denke ja auch für zehn.« Als er einundsiebzig Jahre alt ist, springt dieser Philosoph der Weltverachtung, ohne lange Überlegung, ins Wasser und rettet einen Jungen vor dem Ertrinken.

Das Leben ist ein Geschäft, das seine Kosten nicht deckt? Arthur Schopenhauer wusste, was wir alle wissen: Es geht nicht gut aus mit uns. Am Ende steht immer der Tod. Aber Schopenhauer kann es auch – durchaus originell – begründen und das auch noch in der Nachfolge des Philosophen der Aufklärung Immanuel Kant. Schopenhauer brach dem deutschen Idealismus seine optimistische Spitze ab, diesem abwegigen Bewusstsein, im Geiste der Freiheit immer weiter fortzuschreiten, bis dann schließlich bei Hegel der Staat als die Inkarnation des absoluten Geistes erscheint. Höchstes Wissen als höchste Freiheit – in eine vollkommene institutionelle Ordnung gebracht. Das als Sinn der Geschichte anzunehmen, erschien Schopenhauer gründlich verfehlt, dem begegnet er mit einem »skeptischen Lakonismus der Distanz«, der viel demütiger ist als Nietzsches »Pathos der Distanz«. Das fortschreitende Wissen, die Wissenschaft ändert wenig an der Situation des Menschen angesichts der Welt, die ihm immer nur in der Vorstellung gegeben ist: »Der Mensch kann zwar tun, was er will, aber er kann nicht wollen, was er will.«

Schopenhauers Pessimismus ist einer angesichts der Erkenntnis – damit stand er quer zu Fichte und Hegels Erkenntniseuphorie. Sein Hauptwerk »Die Welt als Wille und Vorstellung« erschien 1819 – aber dann passierte erst einmal dreißig Jahre lang nichts. Aber mit ihm veränderte sich der Blickwinkel, der Rationalismus bekam Konkurrenz. Er war der erste deutsche Philosoph, der bis Indien blickte – ein Weltdenker. Rüdiger Safranski, dessen soeben wieder aufgelegtes Buch »Schopenhauer und die wilden Jahre der Philosophie« immer noch das schönste, weil lebensunmittelbarste über ihn ist, schreibt: »Was er verkörpern will: die Wahrheit, die sich entzieht.«

In gewisser Weise war Schopenhauer der erste, der vom »Mängelwesen« Mensch sprach. Weil eben die Welt als Wille (eine Urkraft) niemals völlig nach Verstandesgrundsätzen zu ordnen sei, was man schon daran ersehe, dass der Geschlechtstrieb des Menschen ihn dauerhaft an die Natur kette. Wenn der Mensch also im geistigen Sinne Mensch sein wolle, dann müsse er den Willen negieren – aber dazu taugen Wissen, Religion und Technik nicht. Das Leiden, der Schmerz, die Langeweile, die Krankheit, der Tod sind nicht aus der Welt zu schaffen, es kommt darauf an, sie gleichsam im Bejahen zu veredeln.

Melancholie ist ein dem Menschen vorbehaltener Zustand – eine Brücke, über die auch die Kunst geht. Darum wurde Schopenhauer immer am meisten von Künstlern gelesen und am besten von ihnen verstanden. Heute vor 150 Jahren starb er in Frankfurt am Main.

Rüdiger Safranski: Schopenhauer und die wilden Jahre der Philosophie, Hanser Verlag, 560 S., 29,90 Euro.
Die Werke Schopenhauers sind als Suhrkamp Taschenbuch in 5 Bänden lieferbar. Abb: dpa

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