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Fremd im Revier

  • Von Charlotte Noblet
  • Lesedauer: 7 Min.

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Zwei Dutzende etwas ältere Interessierte und ich lassen sich durch das Revier fahren. Das Bild vom "Schmelztiegel Ruhrgebiet" wird ein Tag lang geprobt: Es geht um die Arbeitsmigrationen im Ruhrbergbau, aber vor allem um die Frage "Wer sind denn die Fremden und vor allem warum sind sie fremd?"
Die Arbeitersiedlung Hochlamark im Recklinghäuser Süden
Karte aus den Stadtarchiven - 1905
Die Arbeitersiedlung Hochlamark im Recklinghäuser Süden Karte aus den Stadtarchiven - 1905

Los geht's früh morgens im Stadtarchiv - Bochumer Zentrum für Stadtgeschichte. Unter der Leitung von Dr. Ingrid Wölk wird durch die Exponate des Stadtarchives in Bochum erzählt, wie Fremde und Einheimische sich gegenseitig durch die Geschichte immer wieder definieren. Oft bleibt die Frage der Ausgrenzung oder Aufnahme, ob es um die Kaufleute, die Pilger oder auch die Bettler in der mittelalterlichen Bürgerschaft geht, oder später um die Arbeitsmigranten in den Bergbausiedlungen.
Mal faszinieren die Fremden, wie den Dr. Carl Arnold Kortum. Der Bochumer Arzt zeichnete im aufgeklärten XVIII. Jahrhundert lauter exotische Fremde aus der ganzen Welt. Mal verunsichern die Fremden, wie zum Beispiel die Ruhrbergmänner in der Zeit der Industrialisierung, als die Vertrautheit im Arbeitsfeld verschwand und die Großstädte um das "schwarze Gold" zügig wuchsen.
Mal wollten sich die Fremden selbst ausgrenzen, um Heimweh zu vermeiden oder Identität bzw. Orientierung in dieser neuen Welt zu finden, wie die Polen mit ihrem katholischen Gottesdienst auf Polnisch. Mal wollten die sogenannten Fremden sich integrieren und manche wurden als deutsche Soldaten in den Krieg geschickt. Immer wieder werden die Karten neu gemischt und die Grenze zwischen Fremden und Einheimischen neu gezogen. Ein paar Schritten weiter ging die Führung um die in der NS-Zeit im eigenen Land gnadenlos verfolgten Juden. Und auf einmal um Sarrazins Aussagen um das Gesundheitserbe Deutschlands. Nicht nur einmal wird Berlins ehemaliger Finanzsenator im Laufe des Tages erwähnt.

Eine Arbeitersiedlung als Brennpunkt der Migrationsgeschichte

Bei der Vorstellung seiner Archiv-Ausstellung über die Arbeitersiedlung Hochlamark im Recklinghäuser Süden, macht Dr Matthias Kordes auch eine Anspielung auf das störende Buch Sarrazins: "Die höhen Reproduktionsquoten von Migranten haben damals wie heute nicht gestört. Viele kamen aus Polen, es waren sozusagen homogene Migranten und sie waren Teil der unglaublich schnellen Veränderungen zu Beginn des 20. Jh. während der Industrialisierung."
Im Vestischen Museum erklärt der Archivar das Wie und Warum der Dreiecks-Zechenkolonie Hochlamark. Wie viele Arbeitersiedlungen im Ruhrgebiet ist sie aus dem Nichts Anfang des 20. Jh entstanden. Im Hochlamark sind viele Bergleute mit dem Zug angekommen. Vom Bahnhof Recklinghäusen-Süd wie von der Siedlung sehen wir nur Fotos von damals. Leider reicht die Zeit nicht für einen kleinen Umweg. Die Tour ist "à la minute" getaktet, was manchen Senioren nicht ganz gefällt.

Auf der A42 durch die Ruhr Geschichte reisen

Neun Ausstellungsorte haben sich mit dem Thema "Fremde im Revier" im Rahmen der Ruhr.2010 beschäftigt. Vier davon werden an diesem Tag besichtigt, erst in Bochum und Recklinghäusen, dann in Dinslaken und Mülheim. Dafür fährt der Bus immer wieder auf die Autobahn. Für die Fremde sowie die Einheimischen ist es die Gelegenheit, die beliebte A42 wahrzunehmen. Sie verlässt eine Stadt für eine Andere und zeigt skrupellos die industriellen Infrastrukturen des Reviers, im Betrieb, verrostet oder im Wandel. Eigentlich eine spannende Reise... die sowieso zum Programm mit Lesungen von den Bochumer Literaten führt.

Die vergessenen Frauen der Zuwanderungsgeschichte

Schon zieht die Karawane weiter: Im Museum Voswinckelshof in Dinslaken warten Arbeitsmigrantinnen aus der ersten Zuwanderungsgeneration mit ihren Geschichten auf unsere Gruppe. Die Leiterin des Projekts um diese vergessenen Frauen, Marianne Lauhof, beginnt damit, wie oft die Frauen in der Zuwanderungsgeschichte vergessen wurden. "Viele denken, dass die Migrantinnen erst 1973 nachgekommen sind, aber viele sind schon in den 60er Jahren in Deutschland eingereist, zum Beispiel als Pflegekräfte. Es gab Zeiten, wo die Frauen 30% der Migranten ausmachten. Interessant war auch zu beobachten, dass sie damals oft mehr als die Einheimlichen gearbeitet haben und Beruf und Familie gleichzeitig bewältigen mussten. Nicht alle sind aus wirtschaftlichen Gründen nach Deutschland gekommen. Es gab auch viel Neugier und viel Selbstbewusstsein dabei." Sehr gut können die Projektleiterin sowie die Redakteurinnen Margareta Spajic und Yasemin Yadigaroglu die Geschichten der getroffenen tapferen Frauen wiedergeben. "Viele wussten nicht mal, wohin sie fuhren. Erst hatten sie oft Bauchschmerzen mit der deutschen Ernährung aus Brot und Kartoffeln und Heimweh wegen dem grauen Wetter. Aber viele haben sich auch über mehr persönliche Freiheit gefreut und die meisten wollten in Deutschland wegen der besseren Chancen für ihre Kinder lieber bleiben."
Dreizehn Geschichten hängen wie Wäsche im Dachboden des Museums, begleitet mit wunderbaren Fotos von Rose Benninghoff an den Wänden. Eine kleine Anspielung auf die Wäsche, die man früher im Ruhrgebiet immer rein- und rausholen sollte, je nach Wind und Schicht im Bergwerk. Hier und da kann man wieder lesen, dass Deutschland mit den Jahren wie eine zweite Heimat geworden ist, das es sehr wichtig war, den Kindern die zwei Kulturen zu vermitteln, zum Beispiel sowohl Weihnachten als Zückerfest zu feiern.
Viel Kraft schwingt in den Aussagen der Arbeitsmigrantinnen mit: "Wir wurden ausgebeutet. Wir haben für die neue Generation etwas geschaffen, damit es ihnen besser geht." Viel Humor klingt auch durch: "Mal gucken wie Deutschland aussieht. Lederhose?" Eine bestimmte Nostalgie hinterlässt auch ihre Spuren und bringt zum Nachdenken: "Früher hatte ich nicht das Gefühl Ausländerin zu sein, heute fühle ich mich komisch, wenn ich Türkisch spreche."
Leider keine Zeit zu politisieren, die kleine aber sehr feine Ausstellung sollte schon verlassen werden, der Bus wartet vor der Museumstür. Noch ohne zu hupen.

Mülheim an der Ruhr : Die Geschichte im Zentrum

Es geht weiter Richtung Mülheim an der Ruhr. Dort wird die Zusammenarbeit zwischen den Stadtarchiven der Region für die RUHR.2010 gelobbt sowie die wichtige Rolle des einjährigen Medienhaus am Synagogenplatz im Zentrum der Stadt erwähnt: "Das Medienhaus belebt das Zentrum von Mülheim an der Ruhr, was viele Städte im Ruhrgebiet brauchen", sagt der Leiter des dortigen Stadtarchivs Dr. Kai Rawe. Eine Teilnehmerin erzählt gerne über die verschiedenen existierenden Varianten gegen das Veröden der Zentren: "Viele Städte haben Einkaufzentren, Arkaden, Foren oder wie auch immer sie heißen in der Peripherie bauen lassen und seitdem veröden die Zentren. Bochum versucht seinen Leerstand mit "art of residence" zu umgehen und lockt die Künstler mit niedrigen Mieten an. Essen hat zwei Einkaufszentren direkt im Zentrum gebaut. Andere Städte geben die Priorität an 1-Euro-Läden. Alles ist nicht einfach und selbst mit der Umweltzone ist Bummeln in der Stadt nicht wie früher, dafür sind viel zu viele Franchisinggeschäfte da."

Auf der Ruckfahrt nach Bochum wirkt die letzte besuchte Ausstellung und ihre Plakate: "Haben Sie Spuren von der französischen Besatzungszone (1923-1925) im Revier gefunden?" fragt mich ein anderer Teilnehmer. Er möchte auch gerne meine Meinung zu der damaligen Aktion der Regierung Poincaré hören. Nicht dass ich mich als Fremde im Revier fühle – im Gegenteil zu anderen bekommen die Franzosen anscheinend nicht die hier etwas unbequeme Etikette „Ausländer“ - aber es fällt schwer immer wieder Stellung zur Politik Frankreichs nehmen zu müssen. Ich gebe einfach den Ball zurück: Der Widerstang in der damaligen Weimarer Republik war klug organisiert. Selbst von Thyssen in Mülheim.

MEHR INFOS ÜBER DIE AUSSTELLUNGEN:

Die Ausstellung „Bochum - das fremde und das eigene „ wird im Stadtarchiv - Bochumer Zentrum für Stadtgeschichte bis Ende März 2011 gezeigt.

Die Ausstellung „Die vergessenen Frauen - Arbeitsmigrantinnen der ersten Zuwanderungsgeneration im Ruhrgebiet“ wird bis zum 10. Oktober im Museum Voswinckelshof in Dinslaken gezeigt. Sehr empfehlenswert.

Die Ausstellung "Spurensuche - Fremdheitserfahrungen und biographische Skizzen seit der frühen Neuzeit" wird bis zum 16. Oktober im Medienhaus in Mülheim an der Ruhr gezeigt.

Mülheim an der Ruhr : Blick vom Medienhaus am Synagogenplatz
Mülheim an der Ruhr : Blick vom Medienhaus am Synagogenplatz

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