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Ich muss dich töten, Maria

Ernesto Sábato: Ein Klassiker ist wieder zugänglich

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Ernesto Sábato, Jahrgang 1911, ist eine eigenwillige Figur der argentinischen Kulturszene. Der Sohn italienischer Einwanderer studierte Mathematik und Physik, promovierte, mit 28 war er Universitätsprofessor. Als Atomphysiker forschte er am Institut Curie in Paris und am gleichermaßen berühmten Massachusetts Institute of Technology. 1945 beendete er die Karriere – um zu schreiben und zu malen.

Eigenwillig verlief auch Sábatos politische Entwicklung. In der Jugend war er ein militanter Linker; 1933 führte er am Río de la Plata den Kommunistischen Jugendverband. Die KP schickte ihn nach Moskau auf eine Kaderschule – für den Stalin-Anhänger, der er damals war, eine offenbar prägende Erfahrung: »An diesem Ort«, schrieb Sábato irgendwann, »wurde man kuriert oder man endete im Gulag oder in der Psychiatrie.« Später verehrte er die Populistin Evita Perón (eine »authentische Revolutionärin«), noch später, Mitte der Siebziger, speiste der Ex-Kommunist mit dem Chef der Militärdiktatur, Jorge Rafael Videla. (Kollege Borges war auch dabei; die Herren äußerten sich anschließend höflich anerkennend über den Putschgeneral.) Nur ein paar Jahre danach leitete Sábato Argentiniens »Wahrheitskommission« – just jene Kommission, die nach den Opfern der Diktatur forschte.

Gleichermaßen eigenwillig ist Sábatos Rolle in der Literatur. Er schrieb nur drei Romane, den letzten 1974. Zehn Jahre später bekam er den renommiertesten Preis der spanischsprachigen Literaturwelt, den »Premio Cervantes«. Und bis heute wird der längst verstummte, mittlerweile knapp hundertjährige und fast blinde Literat als einer der ganz großen Erzähler verehrt.

Um Sábatos Frühwerk »Der Tunnel«, erschienen 1948, ranken sich Mythen. Alle Verlage in Buenos Aires sollen das Manuskript abgelehnt haben; der Verfasser publizierte es schließlich in einer Zeitschrift. Andere Erzähler waren begeistert. Albert Camus schrieb: »Ich bewundere die Nüchternheit und Intensität dieses Romans», und er empfahl eine rasche Übersetzung ins Französische. Erst der Ruhm im Ausland öffnete dem Autor auch daheim die Türen.

»Der Tunnel« ist ein kleines Buch, nicht einmal 160 Seiten stark, ein formal und ästhetisch makelloses Werk. Der Lebensbericht eines Egozentrikers, zur Zeit der Niederschrift ist er Patient einer geschlossenen Anstalt von Buenos Aires. Gleich im ersten Absatz schockt der Ich-Erzähler den Leser: »Es genügt, wenn ich sage, daß ich Juan Pablo Castel bin, der Maler, der Maria Iribarne getötet hat. Ich vermute, daß sich jedermann an meinen Prozeß erinnert.« Haarklein, mit Lust am quälenden Detail, schildert Castel die Vorgeschichte und den Mord. Wie er diese Maria eines Tages in einer Ausstellung seiner Bilder entdeckte. Wie er dort den Eindruck gewann, sie sei das einzige Wesen, das ihn, den introvertierten Künstler, verstand. Wie er die Seelenverwandte im Stadtmoloch suchte und fand und wie ihr Verhältnis begann, obwohl sie verheiratet war.

Die Beziehung stand unter keinem guten Stern: Er glaubte ihr die Zuneigung nicht, er verfolgte und verdächtigte sie, rasend vor Eifersucht; um jeden Preis wollte er ihre »Untreue« beweisen. Sprach sie nicht allzu freundlich mit anderen Männern? Im Haus eines Verwandten drang er in ihr Zimmer ein. »›Ich muß dich töten, Maria. Du hast mich allein gelassen.‹ Weinend stieß ich ihr das Messer in die Brust.«

Das Buch erlaubt verschiedene Interpretationen. Man kann es als Krimi lesen. Als fiktives Fallbeispiel einer Psychose. Als Verbeugung vor Kafkas Parabel »Im Tunnel«. Oder als Hommage an zwei Geistesströmungen, die in den Vierzigern gerade hoch im Kurs standen: Psychoanalyse und Existenzialismus. Freuds Lehre wird im Buch mehrfach genannt; Maria erwähnt einen Roman von Jean-Paul Sartre, und die Hauptfigur, Juan Pablo Castel, trägt – in hispanisierter Variante – sogar denselben Vornamen wie der französische Philosoph.

Der Leser fühlt sich gepackt, in den Text gezogen – nicht durch die Darstellung des Verbrechens, sondern weil der Erzähler ihn vereinnahmt, dieser arrogante, einsame und depressive Maler. Nur aus seinem Blickwinkel sehen wir Maria und die Welt. Der Mann ist unfähig zur Kommunikation, unfähig zu Bindungen, er macht eine unheilvolle Reise (und der Leser muss mit): Immer stärker werden Wahn und Realitätsverlust, immer ausgeprägter der Tunnelblick. Am Ende ist nur Schwärze.

Das Buch wurde bereits zweimal ins Deutsche übersetzt, 1958 und 1976, ein Klassiker der lateinamerikanischen Literatur; in neuer Übertragung liegt er nun endlich wieder vor.

Ernesto Sábato: Der Tunnel. Roman. Aus dem argentinischen Spanisch von Helga Castellanos. Wagenbach Verlag. 153 S., brosch., 9,90 €.

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