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Hain der Sündenböcke

Im Museum für Kommunikation kocht die Gerüchteküche

  • Von Andrea Barthélemy, dpa
  • Lesedauer: 3 Min.

Wie war das noch mit dem »Amikäfer«, der aus US-Flugzeugen über der DDR abgeworfen wurde, um die Kartoffelernte zu verderben? Oder mit der Gruselstory von der Vogelspinne, die versteckt in der Yuccapalme aus dem Sommerurlaub mit nach Hause reiste? Hörensagen und Nacherzählen, Weglassen und Hinzuerfinden: Eine spannende Ausstellung widmet sich von Freitag an in Berlin lustvoll und kritisch dem Thema Gerüchte. Die Schau »Schon gehört?...« – bis 27. Februar 2011 im Museum für Kommunikation – war schon in Bern zu sehen, wurde aber für das deutsche Publikum grundlegend umgearbeitet.

Ein Dutzend Augen und Münder, versenkt in einer unschuldig hellblauen Wand, begrüßen und locken die Besucher – sie gehören der antiken Gerüchtegöttin Fama, die raunend und wispernd sowohl den guten Ruf als auch die üble Nachrede begründen kann. »Von hier aus führt der Weg direkt in den Flüsterwald, für den rund sechs Kilometer Holzlatten verbaut wurden«, berichtet Thomas Jander, einer der Berliner Kuratoren. Dieser Flüsterwald ist ein mehrere Räume durchspannendes knallgrünes Holzkonstrukt, gespickt mit Infotafeln, Hörstationen, Monitoren und multimedialen Schaukästen. Wer ihn durchwandert, begegnet den verschiedensten Aspekten von Gerüchten.

Vom Klatsch und Tratsch im engeren Familienkreis ist es da nur ein kurzer Schritt zur Konfrontation mit weiter verbreiteten Vorurteilen: Für die Fotoinstallation »Die Europäerin« etwa fotografierte sich eine junge Künstlerin gemäß gängigen Klischees als Italienerin, Finnin oder Polin – und überlässt dem Betrachter die Aufgabe, die dargestellte Nationalität zu erraten. Man streift den Hain der Sündenböcke, die seit jeher durch Gerüchte etwa für Missernten und Seuchen verantwortlich gemacht wurden, und prominente Gerüchteopfer, wie etwa den potenziellen früheren Kanzlerkandidaten Kurt Beck (SPD).

Feldpostbriefe dokumentieren die Bedeutung von Gerüchten im Krieg. Verschwörungstheorien kommen hinzu und auch die beliebten »Urban Legends«, die etwa von besagten Vogelspinnen in Zierpflanzen berichten und meist beginnen mit Worten wie »einer Bekannten der Schwester meines Freundes ist folgendes passiert...«.

Unterhaltsamer Mittelpunkt der Schau ist die Begegnung mit dem Gerüchteagenten: Mit einem aufwendigen Verfahren ist dieser Agent als Miniaturfigur in eine Art Puppenstube hinein projiziert, tritt mit den Besuchern in Kontakt und fachsimpelt mit ihnen über alle möglichen Gerüchte – von der 9/11-Verschwörung bis zum Liebesleben von »Brangelina«.

Wie das Celebritypaar sich manchmal fühlen dürfte, ist für jeden Besucher am Gerüchtegenerator nachzuerleben: Ein paar scheinbar harmlose Fragen via Computerclick mit »Ja« oder »Nein« beantwortet, und schon prasseln maßgeschneiderte Gerüchte als Boulevard-Schlagzeile aus dem Drucker an der Decke auf den verdutzten Besucher nieder. Als Entschädigung wartet am Ende der Ausstellung eine weitere PC-Station, an der das Gerüchteabwehrdiplom zu erwerben ist.

Denn auch wenn ein Gerücht im Durchschnitt nur zwei Wochen ernsthaft kursiert – hängen bleibt meist irgendetwas. Und sei es ein ungläubiges Kopfschütteln. So wie bei der Mentholzigaretten-Verschwörung: Noch kurz vor dem Mauerfall druckte die SED-Parteizeitung »Neues Deutschland« eine Geschichte, wonach DDR-Bürger offenbar durch Mentholzigaretten vom westlichen Geheimdienst betäubt und verschleppt worden seien. So wollte die SED-Führung die hohe Zahl von Republikflüchtlingen erklären. Erst Monate später wurde die Story gerade gerückt.

1. Oktober bis 27. Februar, Museum für Kommunikation

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