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Mama Partei, Papa Stasi

In »Transit« erzählt Angela Zumpe die Geschichte von DDR-Übersiedlern

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Eine Spurensuche kann eine heikle Angelegenheit sein. Wenn der eigene, vor 40 Jahren gestorbene, Bruder zum Gegenstand eines Dokumentarfilms wird, jagt man einem Phantom hinterher. So verhält es sich jedenfalls mit Angela Zumpes sehr persönlichem Dokumentarfilm »Transit«.

Die Filmemacherin spürt darin ihrem älteren Bruder Reinhard nach, der Ende der 60er Jahre Selbstmord beging. Vom Geist der Studentenbewegung beseelt, hatte der junge Westberliner aus bürgerlichem Hause einen Antrag auf Übersiedlung in die DDR gestellt. Kurz darauf ereilte die Familie die Nachricht seines Todes. Richtige Trauerarbeit konnte seine Schwester damals jedoch nicht leisten. Für den Vater, einen Pfarrer, war Reinhard ab sofort ein Tabu. Er löschte fast alle seine Spuren, auch den Abschiedsbrief: Konsequent für einen Patriarchen, unter dessen autoritärer Fuchtel die ganze Familie stand und gegen den der Sohn folgerichtig rebellierte.

Geblieben sind von Reinhard Aufnahmen von Super-8-Familienfilmen, die der (inzwischen verstorbene) Vater gedreht hat. Dieses Material erweist sich als großes Plus in Angela Zumpes Unterfangen, lernt der Zuschauer den Bruder so wenigstens optisch kennen. Das Einholen von Informationen über die Motive des jungen Idealisten, in die DDR zu ziehen, erweist sich dagegen als weitaus schwieriger. »Aktenkundig« ist er beim MfS nicht und in den Archiven der DDR-Aufnahmelager nur unvollständig.

Also greift die Regisseurin zu einem Trick: Sie porträtiert Menschen, die den Schritt von der BRD in die DDR getan haben und blättert damit ein Kapitel relativ unerforschter Zeitgeschichte auf. So lernen wir Salomea Genin kennen, die als jüdisches Kind aus Nazi-Deutschland nach Australien floh und in den 50ern voller Idealismus in der DDR den Sozialismus aufbauen wollte. Henriette Schulz-Molon kam dagegen als Rock’n’ Roll-begeisterte Jugendliche nur widerwillig mit ihrer Mutter, einer späteren Miterbauerin des Palasts der Republik, in die DDR.

Ergänzt werden diese Biografien von Archivbildern aus West- und Ostberlin oder von Stasi-Überwachungsfilmen, was 20 Jahre nach der Wiedervereinigung eindrucksvoll an die einstige Spaltung der Stadt erinnert. Eine Gespaltenheit empfindet auch die Filmemacherin. Mangels Informationen spekuliert sie ständig, wie ihr Bruder in der DDR klargekommen wäre. Doch mehr als der Konjunktiv bleibt der Regisseurin für ihre posthume Beschäftigung mit dem Bruder nicht. So orientiert sich ihre filmische Trauerarbeit notgedrungen an Ersatzschicksalen.

Die Realität im Arbeiter- und Bauernstaat gestaltete sich indes für Salomea und Henriette ernüchternd. Erstere war jahrelang für das MfS als IM tätig und sagt über sich: »Die Partei war meine Mama, und die Stasi mein Papa«. Aus eigener Kraft beendete sie später ihre Spitzeltätigkeit, während ihr Sohn nach einer gemeinsamen Reise nach Australien in West-Berlin blieb.

Henriette dagegen kam ihre Republikflucht in den 70er Jahren ein Jahrzehnt später teuer zu stehen. Bei einer Transitreise wurde sie verhaftet und sechs Monate in Hohenschönhausen interniert. Für Zumpe dagegen ist und bleibt die DDR verständlicherweise ein fremdes Land: Dem Bruder zuliebe hat sie sich jedoch mit ihr beschäftigt.

Am 3. 10. stellt die Regisseurin ihren Film im Kino Babylon vor.

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