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Ein »Mischka«-Konfekt

MARENTE DE MOOR kennt die »russisch-sowjetische« Seele

  • Von Irmtraud Gutschke
  • Lesedauer: 4 Min.

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Sie ist die Tochter einer Bestsellerautorin – Margaret de Moor –, und sie hat, als Holländerin, Slawistik studiert. Hat sogar für mehrere Jahre in St. Petersburg gelebt und als Zeitungskorrespondentin gearbeitet. Marente de Moor, 1972 geboren, ist ein Beispiel dafür, wie das Russische, taucht man erst einmal darin ein, in einem bleibt, wo immer man später auch wohnt. Und dennoch, man staunt, wie einer jungen Frau aus Amsterdam ein Buch über die russische Seele gelang.

Marente de Moor erzählt von Witali Kirillow, der aus Gorki – so nennt er das frühere und heutige Nishni Nowgorod noch immer – nach Amsterdam kommt, wo sich schon Cousin Ilja aufhält. Der sagt im Roman einen bedeutungsschweren Satz: »Wohnmobile zeigen den Unterschied zwischen Niederländern und Russen. Wir reisen nicht, wir emigrieren nur.« Eine Weile sieht es auch so aus, als sei Witali emigriert. Als sein Dreimonatsvisum abgelaufen ist, kann er sich nicht mehr auf die Rembrandtplein stellen, um Aquarelle an Touristen zu verkaufen, er muss sich eine unauffällige Arbeit suchen und darf keinesfalls mehr schwarz fahren, Kontrolleure könnten ihn als »Illegalen« erkennen. Aber irgendwie schlägt er sich durch, die russiche Diaspora hüllt ihn ein.

Er findet sogar eine Freundin – die Holländerin Jessie, die Slawistik studiert hat – und zieht bei ihr ein. Sie ist eine energische, lebenslustige Frau, mit der man dem Unterschied zwischen »lekker« und »vkusny« nachlauschen kann und die nachts auch mal Wodka besorgt (denn getrunken wird im Roman eigentlich pausenlos); danach ist Alkohol zum Ausnüchtern umso wichtiger. »Lieber 'nen Russen im Bette als 'ne Atomrakete«, hatte Jessie einmal gesagt.

Sie lässt sich den Traum erzählen, der Witali Nacht für Nacht quält. Versteht sie wirklich, warum? Während seiner Armeezeit an der finnischen Grenze hatte der Soldat, mit dem Witali auf Patrouille war, plötzlich auf seinen Skiern die Flucht ergriffen. In einiger Entfernung – schon im Finnischen – war er stehengeblieben und hatte ihn angeschaut. Witali hätte schießen können – befehlsgemäß sogar müssen –, aber er war wie gelähmt. Danach wurde er zu einem Strafbataillon im hohen Norden versetzt und grübelt seitdem, wie es dem Kameraden wohl ergangen war. Er wusste ja nicht mal mehr seinen Namen. Der heimliche Grund seiner Reise in den Westen war, ihn zu suchen. Ob das plausibel ist oder nicht, als fixe Idee ihrer Romangestalt müssen wir es Marente de Moor wohl abnehmen, zumal sich dadurch der Titel erklärt: »Amsterdam und zurück« – denn am Ende erleben wir die Ankunft Witalis in St. Petersburg.

Wie es mit ihm weitergeht, keine Ahnung. Ob seine Beziehung mit Jessie hält, die während der Schiffsreise – sie »inturistka«, er blinder Passagier – brüchig wird, ob er die Suche nach jenem Soldaten (er wollte bei seiner früheren Grenzeinheit den Namen herausbekommen) überhaupt noch für sinnvoll hält, nachdem er erfahren hat, dass es damals zwischen der UdSSR und Finnland ein Auslieferungsabkommen gegeben hat, ob er seine Freunde aus Amsterdam je wiedersieht, scheint auch die Autorin nicht so sehr zu interessieren. Oder will sie weitererzählen, soll es gar eine Fortsetzung geben? Erst einmal sieht es so aus, dass es ihr weniger um eine spannende Geschichte geht als um die Details, sie auszumalen.

»Nur zwei, drei Pinselstriche braucht Marente de Moor, um in ihrem Debütroman die unterschiedlichen Viertel Ams-terdams lebendig werden zu lassen und vor allem die osteuropäische Szene der Stadt zu porträtieren«, heißt es im Klappentext. Aber das ist nicht nur gekonnte Beschreibung – Marente de Moor erfasst das Russisch-Sowjetische von innen heraus. Alles, was dazugehört, rafft sie zusammen – von Puschkin bis zur Pilzsuppe, dem Mitternachtstrolleybus und der Geschichte der KPdSU. »Die Sowjetunion mag ja zerfallen sein, gut, aber sieh uns doch mal an« – Witali und die anderen Russen in Amsterdam in ihrer geistigen Welt: mit den Büchern, die sie gelesen, den Filmen, die sie gesehen haben, dem Konfekt »Mischka na sewere«, Majakowskis Versen vom Sowjetpass, Ilja Muromez, Sergej Bondartschuk, Bulat Okud-shawa und Alla Pugatschowa. Der Roman ist voller russischer Vokabeln (die allerdings leider mitunter falsch transkribiert sind). Komsomolskaja Prawda, synok, kommunalka, gastronom, inomarka, pojechali rebjata, boshe moj ...

Wer's versteht, dass sich Witalis Cousin Ilja freut, als ihm die Mutter sein Pionierhalstuch nach Amsterdam schickt, wird sich mit diesem Roman wohlfühlen.

Marente de Moor: Amsterdam und zurück. Roman. Aus dem Niederländischen von Waltraud Hüsmert. Suhrkamp Verlag. 285 S., geb., 22,90 €.

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