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WERNER HEIDUCZEK: »Jeder ist sich selbst der Fernste«

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Ein Oberschlesier ist ein Oberschlesier ist ein Oberschlesier – oder anders gesagt: Ein Werner Heiduczek ist kein Deutscher, kein Vorzeige-Polter-Germane, und so eher ein (schreibender) Mann der leiseren, weiseren Töne. Nachzulesen sind die in diesem Band mit neun Essays von 1978 bis 2004. Allein sechs der Texte stammen aus den 90er Jahren, als die Nachwehen der 1989er und 1990er Ereignisse die Denkenden diesseits und jenseits der verschwundenen Grenze beschäftigten. Heiduczek trieb dieses Denken auch in die schmerzhaften Urgründe der deutschen Seele, auf die Oberfläche machtbessenen Politikgeschäfts und zum großen Wahr-oder-Nichtwahr christlichen Glaubens.

Heiduczek, geboren 1926 in Oberschlesien, gegen Ende des Krieges zur Wehrmacht eingezogen und nach Kriegsgefangenschaft erst Neulehrer, dann Schulinspektor, Kreisschulrat und letztlich glücklich in die freie Schriftstellerei entkommen, war Teil dieses sozialistisch intendierten Ländchens DDR, Teil des Parallelkosmos' im Literaturbetrieb – und war es doch nicht. 1977 erschien sein Roman »Tod am Meer«, die berührende Beichte eines Mannes, der stirbt, nachdem er sich von seinen Lebenslügen befreit hat. 1978 wurde das Buch verboten; Heiduczek schrieb fürderhin vornehmlich Märchen, Mythen, Sagen und wurde zum Kritiker eines zur Machtklammerei verkommenen Sozialismus, Observation inklusive. Das volle Programm, trotz so einiger Privilegien, mit denen Intellektuelle befriedet wurden.

Nun möchte man meinen, so einer rechnet ab, ist vielleicht gar verbittert ob gestohlener Jahre und verlorener Visionen. Gefehlt! Heiduczek geht es in seinen weisen Auseinandersetzungen um ein großes Mehr – und um sich selbst –, auch wenn natürlich die eine oder andere Enttäuschung, manche oder mancher Beteiligte Erwähnung finden, und sei es oft auch nur zwischen den Zeilen. Es scheint, als müsse er sich, über 80-jährig, schlicht einiges bleibend von der Seele schreiben: »mehrfache Häutungen«, Tod, Schuld – einfache Dinge, die (in wunderschön-wahren Sätzen) auch einfach gesagt werden müssen.

»Jeder ist sich selbst der Fernste« – Titel des ersten Essays und ebenso programmatisch Titel des Buches. Nietzsche, der dröhnende und später wirre Geist, diese ewig schwärende Wunde im allzu feingeistig-deutschen Fleisch, wird im Hin- und Herwenden seiner Gedanken hervor- und zur Seite geholt. Auch er einer, der schon die polnische Herkunft seines Namens berief, »um kein Deutscher sein zu müssen«. Aber auch er einer, der seiner Herkunft nicht entkommen konnte – nicht mal im unwürdig inszenierten schleichenden Niedergang und Tode, denn: »Niemand sucht sich den Schoß der Mutter aus, oder den Schoß des Volkes, aus dem er kriecht …

Einmal Deutscher, immer Deutscher. Du rennst vergebens weg.« Heiduczek rennt nicht (mehr) weg, sondern lächelt milde, schreibt und mahnt, sich vom Vergangenen verabschiedend, eine neue Vision an: »Deutschland ist nur ein Stückchen von Europa, und Europa ist nur ein Stückchen der Welt. Wir werden entweder mit den Menschen in ganz Europa leben … und die Europäer mit den Menschen aller Kontinente, oder wir werden in dem nun größeren Deutschland bald sehr elend leben, womöglich gar nicht mehr. Das verlangt die Vernunft.«

Werner Heiduczek: Jeder ist sich selbst der Fernste. Essays. Plöttner Verlag. 144 S., geb., 16,90 €.

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