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Ein schönes Nebeneinander

DEUTSCHE GEDICHTE der letzten zwanzig Jahre

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An Lyriksammlungen besteht kein Mangel. Eine neue Anthologie muss sich also legitimieren, sei es durch ein überzeugendes Konzept, sei es dadurch, dass sie dem Wichtigsten unter dem Bekannten das Entdeckenswerteste des noch Unbekannten vorstellt. Entsprechen die gut 400 zwischen 1990 und 2010 entstandenen Gedichte, die Michael Lentz und Michael Opitz für ihr Buch »In diesem Land« ausgewählt haben, diesen Maßstäben?

Die zeitliche Begrenzung erweckt zunächst ein wenig Skepsis: Soll aus dem zwanzigsten Jahrestag der staatlichen Vereinigung verlegerisches Kapital geschlagen werden? Tatsächlich hebt das Nachwort der Herausgeber mit Gedanken darüber an, dass Deutschland seit langem schon deutschen Dichtern als Problem gelte, »Heimat und Trauma zugleich«.

Dies nun lässt eine Sammlung von Gedichten erwarten, die sich mit der Einheit und ihren gesellschaftlichen Folgen auseinandersetzen. Doch versichern die Herausgeber gleichzeitig, vor allem Gedichte ausgewählt zu haben, die »in ihrer eigenwilligen sprachlichen Gestaltung besonders gelungen erschienen«.

Der inhaltliche Schwerpunkt hier, die ästhetische Wertung dort – das geht nur schwer zusammen. Dass es sich um eine Deutschland-Anthologie handeln soll, zeigt sich allein dadurch, dass Autoren aus Österreich und der Schweiz ausgeschlossen bleiben. So fällt etwa Raoul Schrott, einer der wirkungsmächtigsten Lyriker dieser beiden Jahrzehnte, dieser seltsamen Systematik zum Opfer. Tatsächlich lässt sich die deutschsprachige Literatur kaum ernstlich im Rahmen des Nationalstaats betrachten und sind die Literatursysteme Deutschlands, Österreichs und der Schweiz eng aufeinander bezogen.

Das Konzept der Anthologie überzeugt also nicht – tun es die Gedichte, vier pro Autor und Autorin? Insgesamt ja. Die Auswahl dokumentiert, wie viele beachtenswerte Arbeiten in den letzten zwanzig Jahren entstanden sind. Wenn der Rezensent ein paar Dutzend der Gedichte unsäglich findet, so hat das mit seiner Ästhetik zu tun – und Lentz und Opitz haben dagegen ganz richtig daran getan, für einen Überblick die ganze Spanne heutiger Möglichkeiten lyrischen Schreibens zu dokumentieren.

Dokumentationscharakter hat die Sammlung auch, indem – soweit möglich – Entstehungsdaten angegeben sind und bio- und bibliographische Angaben eine weitere Orientierung erlauben. Freilich, weit kommt man damit nicht. Das liegt an der Sache: Übers Gedicht wird weniger öffentlich gestritten als über den Roman oder das Theaterstück. Folge ist ein Nebeneinander-herarbeiten, eine Fülle von Möglichkeiten, damit aber auch eine gewisse Beliebigkeit. Die Anthologie zeigt Entwicklungen einzelner Autoren, aber keine Entwicklung der Gattung Lyrik innerhalb der letzten zwanzig Jahre. Lässt man ein paar neumodische Wörter beiseite, schreiben die Jüngsten nicht grundsätzlich anders als die Älteren. In der Tendenz, nicht im Einzelfall, dichten Autoren mit DDR-Erfahrung geschichts- und damit welthaltiger als manche der sprachspielverliebten Westler. Doch lassen sich leicht Gegenbeispiele anführen.

Das einzelne Gedicht, soweit es zählt, hat sein Gesetz. Die Mehrzahl der ausgewählten Autoren bringt über die Jahre hinweg eine individuelle Stimme hervor. Diese Freiheit aber ist die einer marginalisierten Gattung, die nicht mehr ästhetisch umkämpft ist. Alles zu dürfen (sogar: sich wieder auf traditionelle Muster zu beziehen), das ist die luxuriöse Position der Dichter heute. Doch ist dieses Nebenein-ander nur eine Notlösung und könnte ein Streit um Schreibweisen die Autoren dazu zwingen, ihre Ästhetik zu präzisieren.

Die Anthologie demonstriert, was auch heute noch an Gedichten entsteht. Ein geschichtliches Bewusstsein kann sie nicht herbeizaubern. Als Gattung kann die Lyrik nur dann wieder zu einer Geschichte finden, wenn die Gesellschaft wieder geschichtliches Bewusstsein gewinnt.

Michael Lentz, Michael Opitz (Hg.): In diesem Land. Gedichte 1990 – 2010. S. Fischer. 637 S., geb., 18 €.

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