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Lust am Widerspruch

THOMAS BRASCH in einer Studie von Insa Wilke

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Allein schon bei dem Gedanken, seine deutsch-deutsche Lebensgeschichte aufzuzeichnen, verspürte Thomas Brasch (1945-2001) Unbehagen. In seinem Tagebuch notierte er, er wolle sein Leben nicht literarisch »verwursten oder sensationalisieren«. So zu lesen in Insa Wilkes Studie, die weniger eine Biografie, sondern eher eine Werkinterpretation mit biografischen Elementen ist. Die Autorin nähert sich dem Dichter über dessen Texte und, daraus resultierend, über die intertextuellen Bezüge zu anderen Autoren. Im ersten Kapitel zeigt sie Verbindungen zu den Dichtungen Brechts und Babels auf. In der ebenso ausführlichen wie subtilen Analyse der Gedichte »Im Garten Eden, Hollywood genannt« und »Babels Tod« findet sie einen gemeinsamen Kern in Form der Frage, »wie Schreiben als politisches Handeln in einer existenziell bedrohlichen, politisch extremen Situation möglich ist«.

An späterer Stelle, beim Thema Heiner Müller und Thomas Brasch, die »übereinander und aneinander geschrieben« haben, macht die Autorin auf ein Desiderat aufmerksam: Beider Werke gegenüberzustellen, sei ein lohnendes Thema. Diesen Ball spielt Insa Wilke aber ganz uneigennützig den Germanistenkollegen zu. Weitere, zum Teil umfangreiche Ausführungen gelten u.a. der Georg-Heym-Montage »Lieber Georg« und dem Drama »Stiefel muß sterben« über August von Kotzebue. Hier arbeitet die Autorin sehr deutlich heraus, was Brasch an einer Figur wie Kotzebue reizte. Theatertexte verstand Brasch, im Sinn Einar Schleefs, als »Gebrauchsgegenstände«, die »produktive Ratlosigkeit« erzeugen sollten. Kaum etwas erregte seinen Unmut mehr als, wie er im Tagebuch notierte, die Bühne bzw. die Sprache für »kostümierten Journalismus missbraucht« zu sehen. Ob er hier an die späten Stücke Rolf Hochhuths dachte?

Thomas Brasch, der, ähnlich wie Franz Fühmann, eine Schwäche für Zahlenmystik hatte, wurde 1945 in England geboren, wo seine Eltern im Exil lebten. Vater und Mutter waren später in der DDR Funktionäre. Ihrem Sohn wollten sie den Weg in die Politbürokratie ebnen, indem sie ihn in die Kadettenschule nach Naumburg schickten, die 1956 als Kaderschmiede für den NVA-Offiziersnachwuchs gegründet, aber 1960 bereits wieder geschlossen wurde. Rückblickend gab Brasch zu Protokoll, die vier Jahre in der nach preußischem Vorbild geführten Drillanstalt hätten ihn zum Schriftsteller gemacht. Das Verhältnis zu den Eltern war schwierig und wurde nicht einfacher, nachdem Brasch, als er 1968 gegen den Einmarsch sowjetischer Truppen in der Tschechoslowakei mit einer Flugblatt-Aktion protestierte, verhaftet worden war. Die familiären Verwerfungen werden von Wilke nicht detaillierter behandelt. Wohl aber wird Braschs Schwester mit den Worten zitiert, dass die jüdische Verwurzelung der Familie »permanent verdrängt (wurde), gerade von meinem Vater«.

Brasch, das zeigen auch die mit ihm geführten und 2009 bei Suhrkamp unter dem Titel »Ich merke mich nur im Chaos« erschienenen Interviews (1976-2001), wollte, im Gegensatz zu Wolf Biermann, nach seiner Übersiedlung in die Bundesrepublik 1976 kein Dissident sein, sondern allein als Künstler wahrgenommen werden. Das ist eine Parallele zu Uwe Johnson, der 1959 die DDR verließ, und Einar Schleef, der 1976 im Westen blieb. Den Westen betrachtete Brasch nicht als beste aller Welten. Seine Kapitalismus-Kritik hat er ebenso geharnischt formuliert wie die am real existierenden Sozialismus. Seine Lust am Widerspruch zeigte sich öffentlichkeitswirksam in seiner Dankrede bei der Verleihung des bayerischen Filmpreises für den Streifen »Engel aus Eisen« im Jahr 1981. Den erhielt er aus den Händen des Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß. Dass sich Brasch kritisch äußerte und auch noch der Filmhochschule der DDR Dank sagte, wuchs sich zum Skandal aus. Strauß rief Brasch süffisant hinterher, dass er der »liberalitas bavariae« Gelegenheit zum Glänzen gegeben habe. Richtig ist, dass die bayerische Staatskanzlei tief beleidigt war und sich weigerte, dem Preisträger das Hotel zu bezahlen.

Insa Wilke bietet einen anregenden Einblick in das Werk von Brasch, der auch da noch Bedeutendes geleistet hat, wo er, wie mit dem monumentalen Prosa-Projekt »Brunke», gescheitert ist. Der knapp 100 Seiten umfassende Band »Mädchenmörder Brunke« von 1999 ist nur ein Extrakt aus dem mehr als 15 000 Blatt umfassenden Textkorpus. Dieses gewaltige »Brunke«-Kon- volut, das Insa Wilke im Brasch-Nachlass, der im Archiv der Akademie der Künste verwahrt wird, gesichtet hat, sei, so die Autorin, »eines der wenigen literarischen Werke, die die Wende als historische Zäsur und poetisch reflektieren«. Heute mag diese Textmasse noch weniger eine Chance auf Publikation haben als vor einem Jahrzehnt.

Insa Wilke: Ist das ein Leben. Der Dichter Thomas Brasch. Matthes & Seitz. 317 S., geb., 26,90 €.

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