Werbung
  • Kultur
  • Buchmesse Frankfurt am Main

Soziales Handeln

PIERRE BOURDIEUS ALGERIEN-SKIZZEN

Bei uns droht die ABOkalypse!

Wir brauchen zahlende Digitalleser/innen.

Unterstütze uns und überlasse die Informationsflanke nicht den Rechten!

Mach mit! Dein freiwilliger, regelmäßiger Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

Mit dem Satz »Soziologie ist ein Kampfsport« beschrieb Pierre Bourdieu (1930 – 2002) in einem Radio-Interview sein Selbstverständnis als Wissenschaftler. Kaum ein Soziologe hat sich so eingehend mit der öffentlichen Rolle der Intellektuellen und der Rolle der Massenmedien in der modernen Gesellschaft auseinandergesetzt wie er, kaum ein Theoretiker hat so klar zu politischen Fragen Stellung bezogen.

Mit 25 Jahren – er war gerade Philosophielehrer geworden – nahm er als Soldat Mitte der 50er Jahre des vorigen Jahrhunderts am Algerienkrieg teil und führte dort nach Abschluss seines Militärdienstes erste Feldforschungen im wissenschaftlichen Grenzraum zwischen Ethnologie und Soziologie durch, die zwangsläufig auch zu einer politischen Abrechnung mit dem Kolonialismus führten. Jetzt liegen alle seine Algerien betreffenden Texte versammelt in deutscher Übersetzung vor – eine kaum zu überschätzende Fundgrube, ein Schlüssel zum späteren Gesamtwerk Bourdieus, ein Wegweiser zu seiner Forderung nach einer »teilnehmenden Objektivierung« in den Gesellschaftswissenschaften, zugleich eine weitsichtige, feldforschungsbasierte Prognose der Zukunft Algeriens.

Man muss sich das einmal vorstellen: Mitten im blutigen Algerienkrieg untersucht der junge Philosophielehrer gegen alle Widerstände der ganz Algerien beherrschenden französischen Militärführung die Lage in den autoritär erzwungenen Umsiedlungslagern, in denen etwa ein Viertel der algerischen Bevölkerung fern von ihren Heimatdörfern konzentriert wurde. Zu seiner Gruppe zählten arabische und berberstämmige Algerier, Studenten zumeist, mit denen er die Interviews gegen den Argwohn der französischen Kolonialbehörden und gegen das Misstrauen der befragten algerischen Bevölkerung durchführte. In den fast 20 Beiträgen, meist unmittelbar nach den Untersuchungen niedergeschrieben, setzt sich Bourdieu kritisch mit dem Kolonialismus in Algerien, seinen Auswirkungen auf die Gesellschaft und den Rückwirkungen dieser Folgen auf die französische Haltung auseinander. Die frühe Vernichtung der kollektiven Eigentums- und Bewirtschaftungsformen, die Vertreibung algerischer Landbewohner von den fruchtbarsten Gebieten, die zwangsweise Einführung von kleinteiligem Privateigentum, die Installation kapitalistischer Geldwirtschaft anstelle einer bis dahin funktionierenden, auf persönlichen Beziehungen und traditioneller Solidarität beruhenden Gemeinschaftsordnung zerstörten die algerische Gesellschaft nachhaltig. Die bereits seit der Mitte des 19. Jahrhunderts eingeleitete Entwurzelung der Menschen, die »soziale Vivisektion« durch diese »Modernisierung« von oben, fand in den Umsiedlungslagern ihren fatalen Höhepunkt.

Die umfangreiche Einleitung von Tassadit Yacine weist auf die Bedeutung von Bourdieus Algerien-Skizzen, die das Problem, Beobachter oder Handelnder zu sein, verdeutlichen, also Praxisbezogenheit von Wissenschaftlern einfordern.

Pierre Bourdieu: Algerische Skizzen. Hg.v. Tassadir Yacine. A. d. Franz. v. Andreas Pfeuffer, Achim Russer u.a. Suhrkamp. 523 S., geb., 32,90 €.

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!