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Unser Bauch

DT: Barbara Schnitzler

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 3 Min.

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Auf dem weißen Klavier drei Papierschiffchen. Barbara Schnitzler hat sie gefaltet. Auf weiter Reise mit »leidvollem Herz«. Die Welt ein »unbefreundeter Kosmos«. Es geht nach Palästina. Hinter fliehenden Juden ein Europa, das zertreten wird von Hitler.

Die Schauspielerin las im überfüllten Rangfoyer des Deutschen Theaters Berlin Texte von Gabriele Tergit (1894 bis 1982), aus deren Essayband »Im Schnellzug nach Haifa«. Faszinierend leuchtende, dichte Texte vom Jüdischen; bittersüße Anteilnahme am Schock biografischer Brüche nach 1933, zugleich: souveräner Abstand zur Existenz auf neuer uralter Erde.

Palästina: das Blühen und Verdorren als landestypische Gleichzeitigkeit; der Einbruch des ordinären »peinlich lauten« Berlinischen in ein dortiges Gemüsegeschäft; die Viel-Welt Jerusalem; der Vergleich arabischer und jüdischer Effizienz bei der Landbewirtschaftung. Ein Pessachfest bei den Samaritanern – seit gleichsam ewig die einzigen Sesshaften in Palästina, Ahasver seit langem also am Ziel, wie aber essen sie das Opfertierfleisch? Traditionell und bewusst »in ängstlicher Hast«, so bleiben selbst die Ungestörtesten unerbittlich rituell im Volksschicksal: immer zur Flucht bereit zu sein. Eine Verhaltenspflicht noch in ruhigster Feier des Lebens. Auch werden die Vorläufer des Kibbuz vorgestellt – radikaler Kollektivismus, der ein Kind dazu bringt, bei Magenschmerzen zu sagen: »Unser Bauch tut mir weh.«

Barbara Schnitzler findet eine kluge Mischung aus Zurücknahme und feiner, mitunter ironisch-spitzer Formgebung. Den Charme der Übertreibung setzt sie ebenso ein wie eine melancholische, aber nie sentimentale Getragenheit. Das Versunkene nicht zu dunkel, das Sprühende nicht ausufernd. So überträgt sich die kühle, freche, lustvolle Distanz der Autorin – auf einnehmende Weise bleibt sie verbunden mit innerer Beteiligung; das alles in einer blitzsicheren Sprache aus Präzision und Pointe.

Die Schauspielerin steht, sitzt, verschränkt die Arme, doziert augenzwinkernd, singt, trägt frei vor, bleibt lesend die Entdeckende. Braust der Sturm durchs Wüstenland, schickt sie ihre Stimme quasi ersterbend in den Untergang – im aufpeitschenden Klavierwerk. Oder sie schaut gelöst hinüber zum Pianisten, Michael Abramovich. Musik des 20. Jahrhunderts: Töne wie tätiger Schmerz, wie ein kräftiges »Trotzdem!«; das Ja zum Leben kennt die Klage, das Nein zur Welt nimmt Leben nicht um einen Deut zurück. Dies macht Wort und Musik zum gemeinsamen Klang. Ein lang nachklingender Abend.

Am Ende die Geschichte eines armen polnischen Juden, der bei Arabern, in wüstenheißer Gegend, Straßen baut. Eine fremd anmutende Arbeit, fremdes Essen, mühevoller Schlaf in Zelten. Aber man gewöhnt sich. Wie wenig Leben braucht, um Leben zu bleiben. Du hörst das und hörst also, wie eine kleine Erzählung bittet: Komm runter, moderner Mensch, vom Ross deiner Anmaßungen.

Wer Israel sehen, fühlen, riechen, schmecken will, möge Gabriele Tergit lesen. Barbara Schnitzler und Michael Abramovich haben eine Schriftstellerin neu entdeckt.

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