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MESSE I: Da ziehen wir andere Seiten auf!

Frankfurt am Main: WAS hat ein Buch wirklich zu sagen? WAS macht David Grossman zum Friedenspreisträger? WAS erlebte Herr Mosekund?

Nun läuft die Buchmesse. Sie hat viele Protagonisten im Gedränge und Geschiebe. Es gibt ein einziges Wesen, das dies alles über sich ergehen lassen muss. Tapfer, tausendfach gepfercht, befingert, aber auch bestaunt. Ein Gespräch mit dem BUCH.
»Verdammt, wer liest denn da schon wieder?!« Zeichnung: Archiv
»Verdammt, wer liest denn da schon wieder?!« Zeichnung: Archiv

Welche Menschen mögen Sie gar nicht?
Buchmacher. Oder diese Klassenprimus-Typen, die voll Beflissenheit nur immer so leben wollen, wie es im Buche steht.

Weil es Bücher gibt, müssen Bäume sterben.
Ach Gott, die Natur … Sie lieh sich sogar meinen Namen: Buche, Buchweizen. Und die Weinlese gibt es auch. Im Zusammenhang mit mir lässt sich der Mensch sogar als Leseratte und Bücherwurm bezeichnen.

Wovon träumt ein gutes Buch?
Vom Unerreichbaren. Dass man bei Buchmesse an Buch-Messe denkt, also an Gottesdienst.

Was ist das, Leserschaft?
Nicht die, die im Kaffeesatz lesen oder aus der Hand lesen. Botho Strauß hat es schön radikal gesagt: »Mein Leser ist mir zum Verwechseln ähnlich. Er ist nicht die Frau des Vorstandsvorsitzenden. Er gehört nicht zur Elite. Es wird jemand sein, der völlig spiegelbildlich dem Autor entspricht. Einsamkeit plus Einsamkeit.«

Aber es gibt doch auch Konflikte zwischen Buch und Leser.
Ja, das Buch möchte, indem es gelesen wird, das Leben des Lesers interpretieren; der Leser duldet diesen Zugriff nicht und interpretiert statt dessen das Buch.

Wie findet man einander?
Noch ein Zitat. Hanns Cibulka: »Jahre lang habe ich als Bibliothekar gearbeitet. Wie oft habe ich den Leser beobachtet, wie er ein Buch durchblättert, so recht in Eile, und wie oft habe ich die Redewendung gehört: Ich brauche etwas zum Einschlafen. Es gab aber auch Leser, die kämpften sich von Buch zu Buch, durch den ganzen Thomas und Heinrich Mann, durch die Gesamtausgabe der Anna Seghers, durch Proust. Auch diese Leser haben das Lesen missverstanden, sie wollten alles, was in den Regalen steht, in sich aufnehmen, sie haben nicht gewusst, dass man auch warten muss, bis ein Buch den Menschen ruft.«

Mögen Sie Kritiker?
Sie leben von mir. Viele Kritiker, viele Journalisten kommen irgendwann auf die Idee, selber Romane zu schreiben. Schön.

Was ist daran schön?
Wer den Kritiker in sich abzutöten versucht, der beweist, dass er also doch ein Herz für die Literatur hat. Hoffentlich schreibt auch Denis Scheck bald einen Roman.

Der TV-Literaturkritiker?
Unsäglich, der Kerl. Schlechte Bücher liest man nicht, das ist Urteil über sie genug, aber man wirft sie nicht auf ein Transportband in den Müll, vor der Kamera. Soll er Autoren in die Sendung holen und prügeln, nicht die Bücher. Diese Unform von Typ sähe ich auch mal gern aus einer Mülltonne gucken. Und dann den Deckel zu. Nee, das nicht, er ist schon gestaucht genug.

Worin sollte der Ehrgeiz eines guten Schriftstellers bestehen?
Arthur Koestler: »Der Ehrgeiz soll darin liegen, hundert zeitgenössische Leser gegen zehn Leser zehn Jahre später einzutauschen, und diese zehn nach hundert Jahren gegen einen.«

Welche Bücher sind überflüssig?
Grundbuch, Hausbuch, Fahrtenbuch. Die Buchstabensuppe.

Was nervt?
Das andauernde, ganze Literaturen beleidigende Gerede, es gäbe tatsächlich das Buch der Bücher.

Hat das Buch eine Zukunft?
Der Leser hat Zukunft. Denn gelesen zu haben, hilft nicht. Nur Lesen hilft. Und Hilfe hat der Mensch immer nötig.

Hilfe wobei?
Viertes Zitat: »Sinn finden, wo keiner ist, erfinden, das ist des Lesers Spezialität.« Martin Walser. »Das ist ein Vermögen, das einen in Stand setzt, der Welt mit einer Gegenwelt standzuhalten. Es ist ein Vermögen, das jeder selbst geschaffen hat. Alles, was uns von uns selbst abbringen will, was uns beherrschen, über uns Macht ausüben will, hat es schwerer, weil wir dieses Vermögen haben. Nein, wir haben es gar nicht, wir sind dieses Vermögen. Aber sagen kann man das nur jemandem, der es schon weiß: einem Leser eben.«

Wo empfindet ein Buch totale Ohnmacht, in welcher Gestalt ist es völlig hilflos?
Im Kondolenzbuch, das man einem Menschen nach dessen Tode auslegt.

Was bedeutet der Tod eines Dichters?
Dass sie nun wieder größer wird: die große geheimnisvolle unsterbliche Bibliothek der ungeschriebenen Bücher.

Was müsste geschrieben werden?
Fünftes Zitat: »›Barmherzigkeit als Waffe des Fortschritts‹, ›Über die Ähnlichkeiten von Glück und Schmerz‹ und, in Versen, ein ›Lob des Erbarmens‹, vorzutragen von Schutzengeln mit leicht entzündeter Stimme.‹« Michael Krüger.

Er hat auch geschrieben, als Verleger müsse man heutzutage 200 Bücher verkaufen, um jene Gewinnsumme erwirtschaftet zu haben, für die es in Frankfurt ein Würstchen mit Senf gibt.
Messe heißt: Würstchen geben ihren Senf dazu! Wenn man TV-Talkshows anschaltet – welche Autoren welcher idiotischen Bücher da alles reden dürfen! Demokratie ist nichts für ängstliche Menschen.

Man sagt, auf jeden Topf passe ein Deckel …
... jaja, ich weiß: Und das, was man stammeln und stottern kann und was einem einfach mal so durch die Rübe rauscht – das passt heutzutage, ohne jedes Maß, zwischen zwei Deckel.

Ein Wort zur Freiheit des Buches.
Freiheit hin und her. Es gibt eine Fessel, die nicht genug zu loben ist: die Buchpreisbindung.

Was macht des Buches Selbstbewusstsein aus?
Es steht für gewöhnlich nie mit dem Rücken zur Wand. Und wenn die Welt böse und blöd ist, dann zieht unsereins ganz einfach andere Seiten auf.

Was hat das E-Book, im Gegensatz zu Ihnen, nicht?
Das, was mir ein Leben lang weh tat, was ich aber nun, da es dieses kühle digitale Ding gibt, geradezu liebe: Eselsohren.

Das Interview »führte« Hans-Dieter Schütt

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