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9. 10. '89: Herr im eigenen Haus?

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Der 9. Oktober 1989 in Leipzig. Friedrich Schorlemmer spricht vom Tag, mit dem »wir unsere chinesische Angst überwanden«. Erinnerung an Pekings Platz des Himmlischen Friedens. Auf dem Ring der Innenstadt, vorbei an der Leipziger Stasi-Zentrale am Dittrichring, demonstrierten 70 000 Menschen – die bis dahin größte Protestkundgebung gegen die Politik der SED. Eine friedliche Demonstration, aber dieser Frieden: furchtvoll. Bis heute ein Menschenzug, um den sich Legende und Lüge ranken. Die Macht griff nicht ein, und weil das so war, und weil das einen Anteil der Verantwortlichen für die Geschichte festschreibt – nämlich mit Vernunft gewirkt zu haben an der Erschütterung dieser eigenen Macht –, deshalb wird bis heute am Gerücht gearbeitet, die Vorbereitungen fürs Massaker seien schon getroffen worden ...

Dieser 9. Oktober, Stunde der Landesöffnung in den massiven Protest: »Neues Deutschland« druckt tagelang und seitenlang ausländische Glückwünsche zum eben zitternd durchgestandenen 40. Jahrestag. »Störungen der Volksfeste« wurden »erfolgreich verhindert«. Erst langsam würde man das Volk wieder Volk nennen und seine so ganz anderen Bedürfnisse wahrnehmen. Und sich ihnen beugen ... hds

FALLHÖHE

Reinhard Bernhof

Wir sind für diese Freiheit wieder zu arm.
Gehöre nun von den ehemaligen Ringmarschierern
zu den 74 000 Arbeitslosen
in und um die HELDENSTADT,
zu den Nieten in der Lotterie des Seins. (2006)

Als es anfing im Oktober 89 beim Lachen
über unsere korrumpierten Ideale
füllten wir die Kirchenschiffe. Wenngleich
wir keine Gläubigen waren, wollten wir
nicht mehr länger den Kopf verlieren, sondern frei
und gleich das Herz erproben, die Hände reichen
um den Ring:
den Brüderlichen ein Bruder
dass nun Glück und Sonne herunterkommen möge
auf das Glasdach meines VEBs, um damit etwas
selber anzufangen: Herr im eigenen Haus
Demokratie pur, zuvor noch nie gesehen
von innen, unten:
Utopie konkret
bis es plötzlich schien, als ob sie
gänzlich ruhmlos, wirklich möglich würde
Stattdessen sank eine schwere Wolke
auf uns nieder. Als sie sich hob, war alles verändert
stand ich inmitten einer Menge: Tirolerhütchen
hatte einer auf – die leichte Säbelung seiner Beine –
er schwenkte, Hohngelächter, das Ehrenbanner
unserer Arbeit vor dem Trabant-Kübelwagen
hin und her
Revolution, bevor sie begann
zerstob sie, aufgesogen von der anderen Seite
zu einer Sache, die uns die Arbeit als Würde nahm


Reinhard Bernhof, 1940 in Breslau geboren, kam 1945 ins Ruhrgebiet, siedelte 1963 in die DDR über. Studium am Literaturinstitut »Johannes R. Becher« in Leipzig Zahlreiche Bücher beim Aufbau Verlag, im Kinderbuchverlag Berlin, jüngste Veröffentlichungen im Plöttner Verlag Leipzig, dort zuletzt »Wegen Schweigen zeige ich mich an.«

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