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Vater der Reagenzglaskinder

So etwas gab es schon lange nicht mehr: Bei der Vergabe der mit 1,1 Millionen Euro dotierten naturwissenschaftlichen Nobelpreise blieben die erfolgsverwöhnten USA hinter Großbritannien und Japan zurück. Deutschland ging erneut leer aus.

Eigentlich war es nicht anders zu erwarten: Die diesjährige Entscheidung des Stockholmer Karolinska-Instituts, dem britischen Arzt Robert Edwards den Nobelpreis für Medizin zuzuerkennen, wurde von katholischen Amtsträgern scharf kritisiert. Denn der heute 85-Jährige, der in einem Seniorenheim lebt, gilt als Begründer der Reproduktionsmedizin. Wie gewöhnlich erfolgte die Ehrung mit beträchtlicher Verspätung. Bereits in den 60er Jahren hatte Edwards den Grundstein für die künstlichen Befruchtung (In-vitro-Fertilisation: IVF) gelegt, indem er klärte, wie menschliche Eizellen reifen, welche Rolle Hormone hierbei spielen und wann ein Ei empfänglich ist für eine Befruchtung.

1969 schleuste er erstmals im Reagenzglas ein Spermium in eine Eizelle. Allerdings teilte sich die Zelle nur einmal, so dass ein neuer Organismus daraus nicht entstehen konnte. Fast zehn Jahre Arbeit waren nötig, bis es Edwards und dem Gynäkologen Patrick Steptoe gelang, die einer Frau entnommenen Eizellen im Reagenzglas zu befruchten und sie anschließend in die Gebärmutter zurück zu verpflanzen. Auf diese Weise wurde 1978 in Oldham bei Manchester das erste Retortenbaby der Welt gezeugt: das Mädchen Louise Brown, aus dem längst eine junge Frau geworden ist, die sich bester Gesundheit erfreut und selbst ein Kind hat.

Zusammen mit Steptoe, der 1988 verstarb, gründete Edward die erste Befruchtungsklinik der Welt, die Bourn Hall Clinic in Cambridge. Da die britischen Reproduktionsmediziner die Details ihrer keineswegs einfachen Methode anfangs geheim hielten, war man in der Bundesrepublik erst 1982 in der Lage, ein Retortenbaby zu zeugen. Heute gilt die IVF als medizinische Standardtechnik, der mehr als vier Millionen Menschen ihre Existenz verdanken. Bedenkt man, dass weltweit rund zehn Prozent aller jüngeren Paare aus biologischen Gründen keine Kinder bekommen können, darf man Edwards Leistung getrost als Meilenstein in der Medizinforschung bezeichnen. Dagegen wetterte die katholische Kirche schon 1978, Edwards habe »unerlaubt in die Schöpfung eingegriffen«. Zwar ist es dem Vatikan – anders als zu Galileis Zeiten – heute nicht mehr möglich, »ketzerischen« Forschern mit dem Scheiterhaufen zu drohen. Gleichwohl zog es Edwards lange Zeit vor, sein Labor durch die Hintertür zu betreten. Denn vor dem Haupteingang standen Demonstranten, die militant gegen sein »Teufelswerk« protestierten.

Kritik an Edwards gab es aber auch von medizinisch-ethischer Seite. Denn die IVF ist die Vorstufe zur Präimplantationsdiagnostik, bei der ein heranwachsender Embryo außerhalb des Mutterleibs auf mögliche genetische Schäden untersucht wird. Und sie hat letztlich die Forschung an embryonalen Stammzellen ermöglicht, welche man nutzen kann, um Ersatzgewebe für medizinische Therapien zu züchten. Nun wäre es nach allen historischen Erfahrungen illusorisch zu glauben, man könne die Entwicklung neuer Technologien durch moralische Appelle aufhalten. Das funktioniert nicht einmal durch Strafandrohung. Deshalb bleibt nur die Möglichkeit, die Anwendung solcher Technologien öffentlich zu kontrollieren, statt sie in die Grauzone des Illegalen zu verbannen. Dank der Entscheidung des Karolinska-Instituts dürfte das zumindest bei der Reproduktionsmedizin künftig kaum mehr möglich sein.

An sich gehören die Namen der Nobelpreisträger bis zu ihrer Veröffentlichung zu den bestgehüteten Geheimnissen der Welt. In diesem Jahr jedoch verriet die schwedische Zeitung »Svenska Dagbladet« den Namen schon einige Stunden vorher. »Ich bin davon total geschockt. Ich verstehe absolut nicht, wie das passieren konnte«, schimpfte Nobel-Juror Hugo Lagercrantz: »Hat da vielleicht jemand unsere Pressemitteilung geklaut?« Oder haben die Journalisten einfach nur richtig geraten? In Stockholm wird weiter kräftig spekuliert.

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