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Der Pflanzenversteher

»Schamanen-Experte« Storl lebt auf einem Einödhof im Allgäu – wenn er nicht auf Kongressen spricht

  • Von Hanna Spengler, epd
  • Lesedauer: 3 Min.
Für ihn ist jede Pflanze » Ausdruck einer bestimmten Intelligenz«. Der Ethnobotaniker und Anthropologe Wolf-Dieter Storl versucht, den Menschen die Pflanzenwelt nahe zu bringen.
Mit Pferdeschwanz und Vollbart: Wolf-Dieter Storl in seinem Garten
Mit Pferdeschwanz und Vollbart: Wolf-Dieter Storl in seinem Garten

Isny. Die Augen des »Schamanen des Allgäus« leuchten, während er seinen Garten durchstreift. Fast zärtlich reibt der 67-Jährige das Blatt einer Minze zwischen den Fingern, knipst dann eine grüne Zuckerschote ab. Seit 1988 lebt der deutsch-amerikanische Ethnobotaniker und Kulturanthropologe Wolf-Dieter Storl auf einem abgeschiedenen Einödhof in 850 Metern Höhe bei Isny im Allgäu. Mit Vorträgen, Kräuterwanderungen und mehr als 30 Buchtiteln zu Pflanzenheilkunde, Gartenbau und Schamanismus ist der Idealist überregional bekannt geworden.

»Baseball war nichts für mich, aber die Wildnis war mein eigenes kleines Königreich«, erinnert sich der Mann mit dem amerikanischen Akzent an seine Kindheit. Bei den Cheyenne-Indianern in Wyoming hat er erfahren, dass Pflanzen eine geistige Energie haben, »eine spirituelle Dimension«. »Ich betrachte sie als überbewusste Wesenheiten. Jede Pflanze ist Ausdruck einer bestimmten Intelligenz«, sagt Storl.

Als Wolf-Dieter Storl elf Jahre alt ist, wandern seine Eltern von Sachsen nach Ohio aus. Der Pflanzenbegeisterte studiert dort Botanik, wechselt zur Völkerkunde. Bereits als 24-Jähriger unterrichtet er Soziologie und Anthropologie. Rund zwanzig Jahre lang lehrt Storl als Dozent und College-Professor an unterschiedlichen Universitäten in den USA, Indien und Europa. Seine Dissertation verfasst er schließlich über den Schamanismus.

Lernen vom Medizinmann

1978 lernt Storl in der Schweiz den Bergbauern und Mystiker Arthur Hermes kennen, der ihn für sein Leben prägt. »Für ihn war die ganze Natur lebendig und bewusst«, sagt Storl. »Seine Tiere konnte er praktisch mit den Gedanken rufen.« Den alten Medizinmann der Cheyenne, Bill Tallbull, trifft Storl während seiner Zeit als Dozent am Sheridan College in Wyoming. Mit dem Indianer streift er durch die Natur, lernt von ihm die Heilkraft der Pflanzen, der »grünen Verwandten«, kennen.

Seit »nunmehr 22 Wintern« lebt der Botanik-Experte mit seiner Familie im Allgäu. Im Winter ist er oft wochenlang eingeschneit, Besucher kommen selten. »In Dörfern kann man nicht zurückgezogen leben«, sagt er. »Hier oben geht es einigermaßen.«

Storls Arbeitsjahr folgt dem Rhythmus der Natur. Im Sommer ist er viel unterwegs, ist gefragter Referent bei Kongressen und gibt Kräuterseminare. Von Oktober bis zum Frühling zieht sich der Autor in sein Haus zurück, arbeitet an seinen Büchern, meditiert. »Die Zurückgezogenheit, die Stille – das ist gut für meine Arbeit«, erklärt er. »So kann ich meinen Gedanken in die Tiefe folgen.«

Storls exotisches Aussehen ist Zuschauern aus TV-Talkshows bekannt: Seine Dreadlocks sind zum Pferdeschwanz gebunden. Sein Bart kringelt sich bis zur Brust. Auch wenn Storl zum Interview barfuß erscheint, mit dem wissenschaftlichen Anspruch seines Werkes ist es ihm ernst. »Ich bin kein Schamane«, betont er mit Blick auf seinen Medienruf als pflanzenverliebter Zaubermann. »Schamanen ordnen die geistige Atmosphäre, sind mit den Geistern des Landes, den Tieren, Pflanzen und heiligen Orten verbunden – ich bin eher Schamanen-Experte.«

Zeit für die Natur

Seine Liebe zu den Pflanzen und sein umfassendes botanisches Wissen wird im prachtvollen Gemüsegarten des Hauses deutlich. Nutzpflanzen und Zierpflanzen bilden einen bunten Mix. »Das ist gut für die Harmonie, Schmetterlinge und Bienen fühlen sich wohl«, erläutert Storl.

Bei seinen Kräuterwanderungen versucht Storl, den Teilnehmern die Pflanzenwelt nahezubringen. »Man muss sich Zeit nehmen, um die Natur zu erleben, muss anhalten und lauschen«, rät der Botaniker und sagt: »Wer lässt sich heute noch inspirieren, wer läuft noch barfuß und denkt in freier Wildbahn nicht eher an Zecken und Fuchsbandwürmer? Wir müssen uns rückbesinnen, sonst sind wir wie Pflanzen ohne Wurzeln.«

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