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300 Jahre Wissen in Berlin

Sehenswerte Ausstellung im Martin-Gropius-Bau würdigt Forschung

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Der Anblick ist imposant. In einem bis zur Decke strebenden leicht gewölbten Großregal sind auf sechs Ebenen zahlreiche Skelette und Plastiken, technische Geräte und wissenschaftliche Apparaturen angeordnet. Der Künstler Mark Dion hat Objekte und Instrumente verschiedenster Wissenschaftsdisziplinen und Epochen zusammengetragen und in einer dem menschlichen Auge angenehmen Krümmung präsentiert. Vielfalt, Ordnungswillen und die Erkenntnis normierender Blick sind Charakteristika dieser Großinstallation, die das Entree zu der Mammutschau »Weltwissen. 300 Jahre Wissenschaften in Berlin« im Martin-Gropius-Bau bildet.

Leider gelangt der Besucher nur durch die Hintertür dorthin. Steht er am Eingang, sieht er lediglich die Schatten der Objekte. Man mag dies als Hinweis auf Platons Höhlengleichnis nehmen. Aber die Ausstellung, die die Geschichte Berlins als Wissenschaftsstadt feiern soll, verschenkt mit dieser Anordnung den großen Auftritt.

Verwirrend ist auch der Beginn des Rundgangs über zwei Etagen. Im 18. Jahrhundert sei Berlin »wissenschaftliche Provinz« gewesen, vermerkt der Einleitungstext. Die damals bereits bestehende und namhaft besetzte Akademie der Wissenschaften, der prägende Aufenthalt Voltaires, des »Leitwissenschaftlers« der damaligen Zeit, am preußischen Hof: dies alles soll Provinz gewesen sein? Ein Zimmer weiter wird der Fehler korrigiert und auf die vom damaligen Kurfürsten 1697 erlassene Akademie-Gründung verwiesen. Exponate, die von Eulers Berechnungen zur Himmelsmechanik über anatomische Forschungen bis hin zu frisch entwickelten Verfahren der Zuckergewinnung aus heimischen Runkelrüben künden, demonstrieren die Spannbreite seinerzeitiger wissenschaftlicher Anstrengungen. Das 2,12 Meter messende Skelett eines »langen Kerls«, eines preußischen Paradesoldaten, signalisiert, dass Forschung auch zu jener Zeit militärisch orientiert war.

Die nächste wissenschaftliche Boomepoche wird mit der Gründung der Berliner Universität im Jahr 1810 eingeleitet. Die Fächervielfalt nimmt zu. Aus von den Launen der Monarchen abhängiger Elitenförderung wird bildungsbürgerliches und demokratisch geprägtes Engagement. Als weiteres Schlüsseljahr kondensiert die Ausstellung das Jahr 1871 heraus. Die blutige Reichseinigung von oben zieht die Gründung kaiserlicher Forschungsinstitute nach sich. Angewandte Forschung befördert die junge Elektro-Industrie. Die Basis für die wenige Jahrzehnte später die Welt umkrempelnde theoretische Physik (Einstein, Planck, Helmholtz usw.) wird geschaffen, aber auch auf den Ausbau der Marine und der kriegswichtigen Nachrichtenübermittlung Wert gelegt.

Die Rückschau auf diese ersten 200 Jahre der Wissenschaftsstadt Berlin zeigt deutlich: Wissensproduktion ist von den Rahmenbedingungen, die die Politik setzt, abhängig. Forscher forschen immer, signifikante Durchbrüche können durch eine intelligente Infrastruktur aber befördert werden. Lohn dieser anhaltenden Investitionspolitik waren allein in den Jahren 1919 bis 1932 zehn Nobelpreise Berliner Wissenschaftler.

Für die folgende Epoche verlassen die Ausstellungskuratoren leider den bis dahin eingeschlagenen Weg. Forschungsleistungen während der Nazizeit – oft rüstungsrelevant und daher zu Recht kritisch zu sehen – werden weitgehend ignoriert. In den Mittelpunkt werden ideologische Kämpfe in der als »weitgehend politisch rechts radikalisierten Studentenschaft« gerückt. Großes Thema sind auch furchtbare Entgleisungen wie Eugenik und Rassenkunde. Dass Konrad Zuses grundlegende Arbeiten zur Entwicklung des Computers gar nicht erwähnt werden, ist aber Zeichen für eine sehr fragwürdige Gewichtung.

Wissenschaft nach 1945 wird in einer ebenfalls politisch forcierten Retrospektive als zerbröselt dargestellt: Zwischen ideologischer Beeinflussung im Osten einerseits, Insellage im Westen andererseits und kulminierend in den rebellischen Aktivitäten von Kommune 1 und SDS. Die Lederjacke des Studentenführers Rudi Dutschke ist das exponierteste Ausstellungsstück der Jahre 1945 bis 1989. Das ist doch sehr gewagt.

Bei soviel gesellschaftspolitischem Engagement verwundert es, dass die weithin umstrittene Bologna-Reform (Häppchenwissen statt Bildung) nur kurz erwähnt, nicht aber kritisiert wird. Interessant hingegen ist der durch kontroverse Interviews mit einigen Protagonisten der damaligen Zeit sehr lebhaft vermittelte Rückblick auf die Evaluierung der Wissenschaftslandschaft Ost in den frühen 90er Jahren. Die heutige Infrastruktur wird lediglich durch eine bunte Auswahl von Projekten repräsentiert.

Elf weitere Räume schließlich stellen Methoden der Wissensgewinnung wie Entwerfen und Experimentieren, Rechnen und Interpretieren vor. »Weltwissen« ist eine Ausstellung zu einem wichtigen Thema. Sie ist sehenswert. Etwas mehr analytische Eigenleistung bezüglich der letzten 100 Jahre Wissenschaft hätte sie allerdings zu einer hervorragenden Ausstellung gemacht.

Bis 9.1.2011, Martin-Gropius-Bau, Niederkirchner Str. 7, Mi.-Mo. 10-20 Uhr

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