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In Deutschland unerwünscht

Türkische Väter-Gruppe diskutiert Seehofers Äußerung zum Zuwanderungsstopp

  • Von Nissrine Messaoudi
  • Lesedauer: 3 Min.

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Sarrazin scheint eine Lawine losgetreten zu haben. Seit er seine Thesen von der genetisch vererbbaren Verdummung von Arabern und Türken verkündete, wird nun alle drei Tage eine neue Äußerung publik, die Migranten diffamiert. Diese Woche ist es der bayrische Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU), der einen Zuwanderungsstopp für Araber und Türken fordert.

Wie fühlt man sich angesichts der anhaltenden »Integrationsdebatte« als arabisch- oder türkischstämmiger Mensch in Deutschland, fragt Kazim Erdogan am Montagabend die Mitglieder der ersten türkischen Väter-Gruppe im Bezirk Neukölln. Normalerweise besteht der Gesprächskreis aus rund 20 oder 30 Männern türkischer Herkunft. An diesem Abend sind es zwölf. Tabus gibt es keine. Thematisiert werden bei Tee und Gebäck Gewalt in der Ehe, Probleme bei der Erziehung, Geschlechterrollen und Alltägliches, das die Väter belastet. Aber auch aktuelle politische Debatten, so wie an diesem Montag.

»Seehofers Äußerungen führen dazu, dass sich auch die integrierten Menschen mit Migrationshintergrund nicht mehr erwünscht fühlen«, lautet eine Antwort. Angst mache sich breit, denn die Ablehnung gegenüber Migranten komme nicht vom rechten Rand, sondern von der Mitte der Gesellschaft. Erdogan selbst kenne türkischstämmige Akademiker, die nach ihrem Studium lieber nach Istanbul ziehen, weil sie dort bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben. Doch mit den Jobchancen allein habe die Auswanderung nichts zu tun. »Ständig abgestempelt zu werden, als hätte man nichts erreicht – das belastet«, so der Psychologe und Kursleiter Erdogan.

Die gemischte Gruppe – es sind Unternehmer, Studenten, Arbeiter, angehende Rentner und auch ein Gefängnisinsasse auf Freigang dabei – diskutiert das Sujet sehr kontrovers. Er teile zwar Seehofers Auffassung nicht, dennoch dürfe man nicht verschweigen, dass es nun einmal Migranten gibt, die seit 20 Jahren in Deutschland leben und beispielsweise kaum Deutsch sprechen, wirft einer der Väter ein. Man müsse der Gesellschaft, in der man lebt, mit Respekt begegnen, meint ein anderer. Jugendliche, die deutschstämmige Mitschüler beschimpfen, das dürfe man ebenfalls nicht hinnehmen, fordert ein weiteres Mitglied des Gesprächskreises.

Der 65-jährige Süleyman, der sich die Debatte ruhig anhört und dabei sein Sudoku-Heft mit Zahlen versieht, macht sich vor allem Sorgen um die Zukunft seiner Enkel. »Ich kann ruhigen Gewissens sagen, dass ich als sogenannter Gastarbeiter 36 Jahre für dieses Land gearbeitet habe, ich habe Steuern gezahlt und mich an die Grundgesetze gehalten. Alles was ich in meinem Leben aufgebaut habe, scheint auf meine Enkel niederzufallen, denn meine Leistungen sind nie anerkannt worden«, sagt der Mann mit weißem Haar und Schnurrbart.

Die Frage, die in der aktuellen Migranten-Debatte bisher keiner gestellt habe, sei: »Was wurde mit der Art und Weise erreicht, mit der über Einwanderer gesprochen wird?« fragt Erdogan. Konstruktive und sachliche Vorschläge, wie man mit Integrations-Problemen umgehen soll, gebe es kaum. Stattdessen würden Ängste geschürt und Migranten das Gefühl vermittelt, kein Teil der Gesellschaft zu sein, so Erdogan. Um so wichtiger sei es, Initiativen wie die Väter-Gruppe weiterzuführen. Anfangs war der 2004 gegründete Gesprächskreis unbekannt. Jetzt wird europaweit über die Väter berichtet. Dass ihre Meinung etwas zählt, beweist die Einladung von Grünen-Fraktionschefin Renate Künast. Am heutigen Mittwochabend sollen ihr sechs Väter im Bundestag ihre Sicht auf die Integrationsdebatte schildern.

www.initiative-neukoelln.de

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