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Kein Engel

Elfriede Jelinek sorgte mit ihrem Stück »Würgeengel« in Düsseldorf für einen Eklat

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 2 Min.

Das Kino, ein Bild- und Reizbeschuss höchsten Grades, dessen Blutströme so real wie möglich sein wollen, hat uns stumpf gemacht. Aber im Theater, wo sich jeder Beutel Kunstblut im Vergleich zur Suggestivkraft Film doch geradezu lächerlich macht, tobt in regelmäßigen Abständen die Zuschauerwut, die Abscheu. Auch bei Texten löst die Unmittelbarkeit des Spiels sehr direkte Reaktionen aus.

Jetzt wütete das Düsseldorfer Publikum gegen Elfriede Jelineks »Würgeengel«. Es spukte nicht nur verbal, es spuckte im wahren Sinn des Wortes. Die böse und tückisch verdrängte Geschichte um einen Nazi-Mord an Zwangsarbeitern lässt Jelinek mit dem Kannibalen von Rotenburg enden. Wie Heiner Müller sein »Germania 3« mit dem »Rosa Riesen«, dem Brandenburger Vergewaltigungsmörder. Das Wesen der Geschichte und das Wesen des Menschen: Verzahnung. Und der Verdacht: Ein Mord der Nazis regt nicht auf, ein Kannibale schon. Was ist perverser?

Das Werk dieser Jelinek, so Heiner Müller, komme aus dem Jahrtausend der befreiten Frau, das noch nicht anbrach. Mit ihren wuchtigen, böse offenen, offen bösen Fantasien wider Verdrängung und Verklemmung ist sie ausgebrochen – aus jeder falschen Konsens-Kultur. Die Erzählerin, 1946 in der österreichischen Steiermark geboren, ist so auch zu einer verstörenden Autorin des Theaters geworden. Im »Sportstück«: die archetypische Abrechnung mit moderner Athletik als einer Fortsetzung imperialer Kriegführung. Das Stück »Stecken, Stab und Stangl« – Jelinek entstammt einer slawischjüdischen Familie – nahm den Mord an vier Roma im Burgenland zum Anlass einer klirrend-grotesken Abrechnung mit medial inszenierter Volksverhetzung. Oder der Fließtext »Bambiland«, entstanden unter dem unmittelbaren Eindruck des Irak-Krieges: ein Wutschrei über die Feigheit des öffentlichenGeistes und die Barbarei der Gewöhnung (»sie können unsere Häuser in Brand stecken, aber bitte nicht unseren Fernseher!«).

Das Verhältnis der Literatur-Nobelpreisträgerin zur Sprache wird von ihrer musikalischen Ausbildung (Orgel, Komposition) bestimmt; sie hat Geige gelernt, nicht das brave Leben. Und sie bestätigt, dass die wahren Rebellen im Kloster erzogen werden.

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