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Der Erbe des doppelten A

Im Geburtsort des Bandoneons hat Robert Wallschläger die Tradition des Instrumentenbaus wiederbelebt

  • Von Hendrik Lasch, Carlsfeld
  • Lesedauer: 8 Min.
Robert Wallschläger, 26-jähriger Bandoneonbauer aus Carlsfeld im Erzgebirge, in dem einst weltberühmte Bandoneons hergestellt und größtenteils nach Südamerika exportiert wurden
Robert Wallschläger, 26-jähriger Bandoneonbauer aus Carlsfeld im Erzgebirge, in dem einst weltberühmte Bandoneons hergestellt und größtenteils nach Südamerika exportiert wurden

Es muss nicht immer Tango sein. Auch Bach und Bandoneon offenbaren eine verblüffende Nähe, wenn Robert Wallschläger und seine Musikerkollegen zu den Instrumenten greifen. Auf den Notenständern liegt »Jesus bleibet meine Freude«, ein feierlicher Choral aus der Kantate BWV 147 von Johann Sebastian Bach. Wo sich sonst Trompete und Streicher jubilierend emporschwingen, tönen hier sechs Bandoneons. Der Kontrast könnte größer kaum sein: Das Bandoneon, erfunden erst knapp 100 Jahre nach Bachs Tod, gespielt von Wirtshausmusikern und in Arbeiterorchestern, zu seiner wahren Berufung geführt in den Tangobars am Rio de la Plata, trifft den Meister der barocken Kirchenmusik, dessen Kantaten tiefe Gottesfurcht und mathematisch-musikalische Präzision vereinen. Kann das gutgehen?

Klaus Wallschläger, Chef des Carlsfelder Bandoneon-Vereins
Klaus Wallschläger, Chef des Carlsfelder Bandoneon-Vereins

Es kann. Unter den geschickten Händen der Musiker erweist sich das Bandoneon als erstaunlich passend für Bachs Choral – und das, obwohl sie an diesem Tag im beengten Probenraum spielen und nicht unter der weißen Kuppel der Trinitatiskirche von Carlsfeld, einem barocken Bau mit drei Emporen, den man in dem kleinen Dorf im Erzgebirge nicht vermutet hätte. Das Bach-Stück sollte dort am Freitag beim Eröffnungskonzert der Bandoneon-Festtage erklingen. Mit dem dreitägigen Festival wird seit ein paar Jahren an eine großartige, lange aber fast vergessene Tradition des Ortes erinnert. Schließlich galt Carlsfeld einst als Nabel der Bandoneon-Welt; hier wurden Instrumente gebaut, auf denen die Meister des Fachs spielten. Dann kam die Produktion zum Erliegen, Instrumente verstaubten auf Dachböden. Erst spät hat man sich daran erinnert. Heute entstehen in Robert Wallschlägers Werkstatt wieder Bandoneons, und das

von ihm geleitete kleine Orchester spielt auch in der Dorfkirche.

Auch jene Zuhörer, die eher der Kirchenmusik als dem Bandoneon zugeneigt sind, dürften von den Konzerten angetan gewesen sein. Das Instrument offenbart eine klangliche Vielfalt, die in tiefen Lagen an ein Cello erinnert und in hohen Tönen an Klarinetten denken lässt; eine Intonation, die mal zart perlt, mal wuchtig anschwillt. Zugegeben: Makellose Brillanz ist nicht das Markenzeichen des Bandoneons, dessen Tasten manchmal leicht klappern und dessen Balg ab und an schnauft. Bach hätte das womöglich nicht gestört. Von dem zu seiner Zeit gespielten Cembalo war bis zur Perfektion eines Flügels schließlich auch noch ein gutes Stück Weg zurückzulegen.

Als Carl Friedrich Zimmermann das Bandoneon vor 150 Jahren in Carlsfeld erfand, hatte er weder Bach noch Tango im Ohr, sondern Polkas, Märsche und Volkslieder. Derlei Stücke wurden auf den kleinen Konzertinas gespielt, deren Bau der Arbeitersohn in Chemnitz erlernte: einfache Instrumente mit nur einer Reihe Knöpfe, die ausreichten, um zum Tanz aufzuspielen. Zimmermann gab sich damit nicht zufrieden, erzählt Klaus Wallschläger, Vater von Robert Wallschläger und emsiger Erforscher der Geschichte des Bandoneonbaus in Carlsfeld. Zimmermann, erzählt er, habe dem Instrument eine größere Anzahl von Stimmen verliehen, die Tastatur spielfreundlicher angeordnet, die Klangfarbe veredelt. Um das Jahr 1849 herum, sagt Wallschläger, schlug in Carlsfeld die Geburtsstunde des Bandoneons. Der Satz klingt lapidar, birgt aber Sprengkraft. Schließlich ist die Urheberschaft in Sachen Bandoneon unter Historikern umstritten. In Lexika gilt nicht Zimmermann als Erfinder, sondern der Instrumentenhändler Heinrich Band aus Krefeld. Von dessen Namen, gepaart mit einer Anspielung auf das Akkordeon, leitet sich zweifellos der Name des Instruments ab. Gestritten wird, wer die technischen Voraussetzungen für dessen spätere enorme Popularität geschaffen hat, darunter ein System, das es auch musikalischen Laien ermöglichte, darauf zu spielen. Eigentlich ist das Bandoneon schwer zu beherrschen: Viele Knöpfe lassen zwei Töne erklingen, je nachdem, ob der Balg aufgezogen oder zusammengedrückt wird. Abhilfe schuf ein System, bei dem die Knöpfe nummeriert wurden. Spieler mussten nun keine Noten mehr lesen, sondern folgten den auf dem Notenblatt angegebenen Zahlen.

Klaus Wallschläger, ganz erzgebirgischer Lokalpatriot, ist sich sicher: »Nach unseren Unterlagen ist Zimmermann der Erfinder des Bandoneons.« Die Behauptung belegt er mit alten Inseraten und anderen Dokumenten. Sie sind Teil einer bemerkenswerten Sammlung, die Wallschläger zusammengetragen hat: 70 Instrumente, Werkzeuge für die Herstellung von Bandoneons, Fotos, Plakate. Eines davon zeigt den Argentinier Astor Piazolla, wohl der größte Bandoneonspieler aller Zeiten. Es kündigt ein Konzert an: »Tristezas de un doble A«, also etwa: die Schwermut des doppelten A.

Nur wenige würde darin eine Reverenz an Carlsfeld vermuten – und den Beleg dafür, dass der Gebirgsort unabhängig von der Frage der Urheberschaft für Bandoneonspieler noch immer als der Nabel der Welt gilt. Hinter dem Kürzel AA verbirgt sich Alfred Arnold, der 1911 eine Bandoneonfabrik in Carlsfeld gründete und in den 30er Jahren zu Weltruhm gelangte. In den 20er und 30er Jahren wurden von rund 100 Beschäftigten jeden Monat 600 Instrumente hergestellt; 85 Prozent wurden nach Südamerika exportiert. Dort hatte man das vermutlich von Seeleuten mitgebrachte Bandoneon für den Tango entdeckt, zu dessen Seele das Instrument mit dem melancholischen Klang bald wurde. Die wirklich Großen des Fachs, sagt Wallschläger, »spielten ein Instrument von Alfred Arnold«. Das AA wurde zum Gütesiegel.

Das Carlsfelder Musikwunder war indes von kurzer Dauer. 1948 wurde Arnold enteignet. Die Bandoneonproduktion lief noch 15 Jahre weiter – eher halbherzig, sagt Wallschläger. »Für Polkas und Märsche hat das Akkordeon gereicht«, erklärt er, »für den Tango hatte man kein offenes Ohr.« 1964 schlief die Produktion ein, »obwohl das ein Instrument der Arbeiter gewesen war«, sagt er mit Blick auf die Hunderten Bandoneon-Orchester, die einst in Deutschland existierten. Wallschläger, dessen Großvater als Stimmer in der Bandoneonfabrik gearbeitet hatte und

der in dessen Fußstapfen hatte treten wollen, wurde der Berufswunsch ausgeredet: So etwas, habe es geheißen, »braucht heute keiner mehr«.

Dass die Carlsfelder Bandoneonherstellung dann doch noch eine späte Wiederauferstehung erlebte, verdankt sich einem nicht vorhandenen Schafbock. Wallschläger, der als Dreher arbeitete, zog in seiner Freizeit Schafe groß; die Zuchttiere erhielt er von einem Bekannten. In einem Jahr habe ihm dieser jedoch keinen Bock abgeben können – und ihn dafür mit einem Bandoneon entschädigt, sagt Wallschläger. Im arbeitsarmen Winter habe er auf dem Instrument herumzuspielen begonnen. Sein damals sechsjähriger Sohn Robert wollte ebenfalls in die Tasten greifen. Er wurde abgewiesen. Erst als er ein Jahr später erneut drängte, gab der Vater nach: Er ging auf die Suche nach einem zweiten Instrument und einem Lehrer. Die Saat war gelegt.

Knapp 20 Jahre später steht Robert Wallschläger in einem kleinen Raum im Erdgeschoss des elterlichen Hauses, der bis unter die Decke mit Instrumenten, Kistchen voller Metall- und Holzteilen, mit Werkzeug und Maschinen vollgestopft ist. Es ist die Werkstatt, in der die große Tradition von Zimmermann und Arnold weiterzuleben begonnen hat. Wallschläger, der schon als kleiner Junge in einer Bastelecke unter der Treppe gewerkelt hatte, wurde »Handzuginstrumentenmacher«, wie die offizielle Berufsbezeichnung lautet. Er lernte drei Jahre in Klingenthal, wurde Geselle in einer Werkstatt – und fragte nebenbei alte Carlsfelder, die noch in der Bandoneonfabrik gearbeitet hatten, nach ihren Betriebsgeheimnissen. »Einem von außerhalb hätten sie das wohl

nicht erzählt«, sagt er verschmitzt: »Einem Carlsfelder haben sie es

verraten.«

Wallschläger hat offenbar gut zugehört. Seine Instrumente jedenfalls gelten unter Fachleuten als exzellent. An seinem 2006 angefertigten Meisterstück fand die Prüfungskommission keinen Makel. Dabei ist die Fabrikation eines wirklich guten Bandoneons eine diffizile Angelegenheit. Bis zu 900 Teile sind zusammenzufügen, darunter eine sehr komplexe Mechanik aus Hebeln und Federn, Ventilklappen und Tasten, die nicht zu schwer- und nicht zu leichtgängig sein dürfen. Der 26-Jährige, der alle Teile von den Kipphebeln aus Erlenholz über die verzierten Metallbeschläge bis zu Intarsien aus Perlmutt selbst herstellt, scheint nicht nur ein akribischer Handwerker zu sein; er perfektioniert die Konstruktion auch weiter. Einer von ihm erfundenen raffinierten Mechanik ist es geschuldet, dass an seinen Instrumenten alle Tasten mit dem gleichen Druck zu betätigen sind – was Virtuosen ein noch gleichmäßigeres Spiel erlaubt. Alfred Arnold hätte vermutlich seine helle Freude an diesem Nachfahren.

Über Mangel an Kundschaft kann sich Wallschläger bislang nicht beklagen – auch wenn ein handgefertigtes Bandoneon alles andere als eine preiswerte Angelegenheit ist. Neben vielen Reparaturen hat er voriges Jahr neun neue Bandoneons gefertigt, dieses Jahr bislang fünf. Dass er in Carlsfeld produziert, »ist mein Glück«, wie er sagt: Musiker, die eines der legendären AA-Instrumente spielen, kommen auf der Suche nach dessen Wurzeln ins Gebirge – und stoßen dort auf die Werkstatt des Mannes, dessen Bandoneons im filigranen Lochmuster ihrer Holzgehäuse ein R und ein W aufweisen. So mancher erfüllt sich dann den Traum vom maßgeschneiderten Instrument. Nur südamerikanische Tangomeister kann Wallschläger bislang nicht beglücken. Sie seien zwar begeistert von den Instrumenten; deren Preis jedoch sei für die Verhältnisse des von Wirtschaftskrisen gebeutelten Landes zu hoch. Als aus Carlsfeld noch die AA-Instrumente an den Rio de la Plata reisten, war das Erzgebirge Billiglohnland. Nun wollen zwei Monate Handarbeit angemessen entlohnt sein.

Lohn für den Instrumentenbauer ist es freilich auch, Bandoneons gespielt zu hören: bei melancholischen Tangos und jubilierenden Bach-Chorälen, bei Schunkelliedern und Seemannsballaden. Das kleine Festival an diesem Wochenende bietet dazu Gelegenheit. Zu drei Konzerten kommen ein argentinisches Ensemble, drei Orchester aus Taucha, Planitz, Halle sowie die Gastgeber vom Bandoneonverein Carlsfeld. Schließlich, sagen Klaus und Robert Wallschläger, sollen am Geburtsort der weltberühmten AA-Bandoneons nicht nur Instrumente gebaut, sondern auch zum Klingen gebracht werden. Dafür, dass die Tradition nicht so bald wieder erlischt, bestehen gute Aussichten: Zum 19-köpfigen Orchester gehören auch mehrere Kinder. Unzufrieden ist Robert Wallschläger nur, was deren musikalische Perspektiven angeht: Studieren kann man das Fach Bandoneon in Rotterdam und Paris sowie in Argentinien, aber nicht in Deutschland. Ob sich das nicht ändern ließe, fragt der junge Instrumentenbauer – jetzt, wo das Bandoneon sogar seine Bach-Tauglichkeit unter Beweis gestellt hat?

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