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Ikonen des Alltags

ARNO FISCHER erhielt Hannah-Höch-Preis

Obenstehende Fotografie trägt den Titel »Besuch Chruschtschows, Friedrichshain 1957«. Sie ist keineswegs inszeniert, sondern der festgehaltene Augenblick, da die große Politik in Nebenstraßen biegt. Arno Fischer bleibt auch als Flaneur immer Teil jener Szenerie, in der seine Bilder ruhen, so verblüffend würdig wie Ikonen des Alltags.

Der Friedrichshain, zwölf Jahre nach Rosselinis Film »Deutschland im Jahre Null«: ein blumenloser Hain mit Betterzäunen wie auf einem russischen Dorf. Dahinter – nichts als jener Sand, auf dem Berlin einmal gebaut wurde. Immerhin, die Trümmer sind bereits fortgeräumt, und die vier Menschen – zwei junge Männer und ein alter, dazu eine auf schlichte Weise gut gekleidete junge Frau – wirken nicht wie Besiegte, die nun auf den Repräsentanten der Sieger warten. Es ist keine Szenerie der Demütigung, keine bloße menschliche Beifallskulisse (wie später dann oft), sondern man zeigt sich selbstbewusst bei einer nicht unwillkommenen Pause mitten in der großen Arbeit des Wiederaufbaus einer zerstörten Stadt.

Jeder geringere Künstler hätte das Pathos des Auftritts des sowjetischen Generalsekretärs gesucht, aber Fischer findet in der Stille des Augenblicks davor die Wahrheit über Ost-Berlin im Jahre 1957. Skeptisch, aber nicht feindlich. Ernst, aber nicht deprimiert. Bescheiden, aber nicht ärmlich.

Ein erstes Foto des sechzehnjährigen Arno Fischer zeigt 1943 das brennende Berlin. Es atmet bereits jene Stille, die zu dem, was da zu sehen ist, in einem schmerzlichen Kontrast steht. Und so fotografiert er bis heute: vorsätzlich unspektakulär die Anachronismen der Geschichte freilegend, doch nie mit dem Willen, sie aus- oder bloßzustellen. Fischers Fotografie ist zweckfrei, sie dient dem Fotografen als erweiterte Dimension des Sehens, mehr nicht.

Aus dieser Beschränkung seiner Absichten erwächst Kunst. Selbst das bombardierte Berlin behält schattenrissartig seine Identität, liegt da wie eine Stadt zur Feierabendzeit daliegt – nur mit einigen verräterischen Rauchschwaden mehr, als sie die zahlreichen Schornsteine sonst in den Himmel schicken. Man muss genau hinschauen, um die Jahreszahl mit dem in einen Zusammenhang zu bringen, was man sieht. Diese Fotos sind diskret, drängen sich nie auf. Immer wieder gelingen so Symbiosen mit der Umwelt und sei diese noch so schroff und unwirtlich wie die Trümmerstadt Berlin. Die Anwesenheit von Menschen macht fast jede Brache zu einer Gegend mit Perspektive.

Fischer fotografiert auch die Feiertage mit der Nüchternheit von jemandem, der die Wochentage bevorzugt, wenn es darum geht, die Gesichter von Menschen zu zeigen, wie sie eigentlich sind. Picasso hat einmal gesagt, er erfinde nicht, er finde. Arno Fischer macht die Fotografien zu diesem Satz.

So wie er zum Chronisten des Nachkriegsberlin geworden ist, der das Symbolische nie aus dem Umfeld, aus dem es erwächst, herauslöst, so ist er prägend für eine ganze nachfolgende DDR-Fotografengeneration – von Roger Melis bis zu Sibylle Bergemann, seiner Frau – geworden und war immer auch ein Importeur des fremden Blicks auf den eigenen Alltag. Von New York über Äquatorialguinea nach Moskau – immer interessieren Fischer die Menschen in ihrem Alltag. Alltag, der ihnen jenen besonderen Ausdruck gibt, dem Fischer nicht als rasender Fotoreporter nachjagt, sondern als Mitwisser, und er vertraut darauf, dass die Bilder von ganz allein zu dem kommen, der auf sie zu warten versteht.

Und sie kommen! Legendär seine Porträts, die niemals Starporträts sein wollten – und gerade darum liebte Marlene Dietrichs besonders jenes Bild, das Arno Fischer von ihr gemacht hatte.

»Arno Fischer. Fotografien 1953 bis 2006«, Berliner Landesmuseum für moderne Kunst, Fotografie und Architektur, Alte Jakobstraße 124-128, bis zum 28.02.2011

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