Von Hans-Dieter Schütt

Das Schreiben und das Schweigen

Im Kino: ein Film über Friederike Mayröcker

Würde Einsamkeit gefragt, wie und wer sie denn sei, so bräuchte Einsamkeit nur auf diesen Film zu zeigen: Da, sieh, so bin ich, so traurig, ja, aber auch so schön und stark. Würde freilich der Tod gebeten, von sich zu erzählen, er sähe sich zwar erwähnt, geahnt, gefühlt in diesem Film, aber er bleibt zwischen den Bildern ein Ungeliebter, Hinweggelebter. Als sei ausgerechnet er, auf den doch alles zuläuft, chancenlos.

Carmen Tartarotti porträtiert in diesem neunzigminütigen Kinofilm die österreichische Dichterin Friederike Mayröcker. Seit fünfzig Jahren lebt und schreibt sie in der Wiener Zentagasse, ein Leben lange Tür an Tür mit dem »Hand- und Herzgefährten« Ernst Jandl, der vor zehn Jahren starb. Die Wohnung ist ein Treibhaus aus Papier, das schlägt aus, das wuchert; Papiergebirge, Notizzettel, Bilder, Bücher, Plakate; Wäscheklammern fixieren beschriftete Blätter an Wandborden und Türen. Übereinander gestellte, überquellende Wäschekörbe stehen da, mit Briefen, Mappen. Auch gibt es zwar Tablettenstapel, Alltagsutensilien, aber die türmen sich schüchtern, gepfercht, umzingelt von allem Papier.

Und die Mayröcker inmitten: groß, schlank, blass, ganz in Schwarz, die Haare, auch schwarz, im Cleopatra-Schnitt. Wie ein seltsam einsam prunkendes Insekt bewegt sich die Dichterin; ein geheimer Bauplan der besonderen Natur hält hier alles zusammen, diktiert jede Bewegung – für die Filmemacherin wird mit Mühe ein Stuhl freigemacht, und kaum hat sie sich erhoben, ist der Stuhl schon wieder überwachsen. Ein Filmteam? Das käme einer Wohnungssprengung gleich, und so zeigt eine Szene die eher schmächtige Frau Tartarotti, wie sie sich allein mit allem Film- und Tongerät ins Haus schleppt.

Dieser Film ist Anverwandlung. Es ist, als gehe er über in die Mayröcker. Oder sie nimmt ihn in Besitz, aber so, wie man eine Selbstverständlichkeit verrichtet. Dieser Mensch ruht derart tief in sich selbst, dass im Kinosessel Hoffnung sich neben dich setzt: Das schaffst du auch.

Das Schreiben zu filmen, ist unmöglich. Und langweilig Die Mayröcker erzählt ihr Schreiben, aber so, als wolle sie eigentlich nur immer schweigen, so spricht sie für sich hin, und ein Leben offenbart sich. Sie zieht, wenn die Sonne scheint, Vorhänge zu, wie man einen Schluss-Strich zieht. Regen ist schön. O Hilfreichtum, »wenn's tröpfelt« und die Welt grau wird.

Was ein Gedicht werden will, kann in seinen Anfängen schnell hingekritzelt sein, dann aber wird hineingetaucht in die Massive aus Zetteln, diesen eigentlichen Hauptbewohner der Behausung, dort liegen die so ganz anderen Sätze verborgen, in Jahrzehnten gesammelt, das Gedankenbergwerk, die poetischen Substanzen, die Metaphern, die Sprengsel, die nun eingearbeitet werden ins grob Angedichtete; so gelangt »das Surreale« in den Vers. Und die Mayröcker zieht sanft die Tücher von den zwei uralten Reserveschreibmaschinen, Tücher wie Wärmedecken, Winterschlafmitgift fürs Schreibgerät, als sei es ein Atemgerät, und von den noch in Arbeit befindlichen Gedichten erzählt sie, die hängen manchmal »halb ohnmächtig auf der Maschine rum«.

Behutsam in den Film gesetzt: Albumfotos aus ihrem Leben, mit Jandl; Szenen von Lesungen; die Scheu der Dichterin, und ihre Hartnäckigkeit, sich Podiumsgesprächen zu verweigern. Erinnerung ist auch komisch, rührend – auf den Südbahnhof geht sie, wo sie sonntags mit Jandl oft zu Mittag aß, im hässlichen Bahnhofsrestaurant mit dem Namen »Rosenkavalier«; die Beiden stellten sich dann immer vor, sie seien gerade von einer Reise gekommen,

Zu den faszinierendsten Momenten gehört der Gang durchs Wiener Archiv, wo der Nachlass von Ernst Jandl liegt und wohin die Mayröcker ihren Vorlass gibt. Mit welch nahezu sakraler Ruhe sie entlang der Pappkartons geht, neben sich den jungen Archivar, sympathisch, aber berufsbedingt seelenlos, naturgemäß ein Todesbote; wie die geliebten Papiere daheim hingegeben werden ins Fremde, an die Abholerin aus dem Archiv: als gingen da Kinder ins Kinderheim oder Tiere ins Tierheim. Die Mayröcker: in Bedrücktheit doch frei, unantastbar durchs Vergängnis der Dinge und doch im Einverständnis mit aller Aufhörlichkeit – wenn sie nur ihre Poesie dagegen setzen kann. Wenn sie durch grauen Stadtwinter geht, den Asphalt mit keinerlei Hast berührt, wenn Vögel auffliegen, Kinder den Bürgersteig lautmalen, dann geht da eine wache Müde, »ich muss nicht sterben, um außerhalb der Welt zu sein, ich bin es schon.« Diesen Satz erzählt der Film. Keine Biografie, ein bewegendes Bilder-Hör-Buch vom tief dunklen Fluss einer besonderen Existenz.

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