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Braune Flecken auf den Trikots

Hamburg: Der Verein ETV stellt sich der NS-Vergangenheit. Endlich werden auch Sportstätten mit Nazi-Namen umbenannt

  • Von Volker Stahl, Hamburg
  • Lesedauer: 4 Min.
Hamburgs viertgrößter Sportverein, der Eimsbütteler Turnverband (ETV), legt seine braune Vergangenheit offen. Nach jahrelangen Diskussionen über die Verstrickung führender ETV-Funktionäre in den Nationalsozialismus und Protesten gegen das einem Hakenkreuz ähnelnden Turner-Symbol am Vereinshaus hat der ETV seine Geschichte durch unabhängige Historiker aufarbeiten lassen.
Der Schock sitzt tief: die Namen der verfolgten und ermordeten jüdischen ETV-Mitglieder auf der neuen Stele vor dem ETV-Gebäude
Der Schock sitzt tief: die Namen der verfolgten und ermordeten jüdischen ETV-Mitglieder auf der neuen Stele vor dem ETV-Gebäude

»Der Verein bedauert, sich der eigenen Vergangenheit erst nach 65 Jahren gestellt zu haben«, erklärte Geschäftsführer Frank Fechner anlässlich der Präsentation einer Studie zur NS-Vergangenheit des Eimsbütteler Turnverbandes. Ihr Titel: »... daß der alte Geist im ETV noch lebt. Der Eimsbütteler Turnverband von der Gründung 1889 bis in die Nachkriegszeit«. Autor ist der Historiker Sven Fritz, ein ausgewiesener NS-Experte.

»Versteckte Hakenkreuze«

Eine der zentralen Fragen, die Fritz zusammen mit dem Wissenschaftsautor Jürgen Bischoff zu beantworten hatte, ist die Bedeutung der Turnerkreuze, die von der Hamburger Lokalpresse als »versteckte Hakenkreuze« bezeichnet wurden. Das 1894 entwickelte Turnerkreuz, das die »vier F« von Turnvater Jahn (frisch, fromm, fröhlich, frei) grafisch kombiniert, gibt es in verschiedenen Ausführungen. Die Variante, die sich in der Mauer der Großen Turnhalle befindet, weist eine große Ähnlichkeit mit dem Symbol der Nationalsozialisten auf.

»Im Archiv des ETV fand sich dazu gar nichts«, berichtet Bischoff. »Wahrscheinlich ist aber, dass die Symbole beim Bau in den Jahren 1909 und 1910 dort angebracht wurden.« Der Hallenbau sei die »Herzensangelegenheit« von Julius Sparbier gewesen, so Bischoff: »Der damalige ETV-Vorsitzende war belesen, wortgewandt, intellektuell und hatte eine Mission: Er war bis auf die Knochen reaktionär, deutschnational und vaterländisch eingestellt.« Von Sparbier, nach dem ein Sportplatz benannt ist, sind Sätze wie »hier soll sein ein Hort vaterländischen Sinnes und deutscher Kraft« überliefert. Vor diesem Hintergrund sei es für die Granden des ETV vor 100 Jahren selbstverständlich gewesen, mutmaßt Bischoff, auch zwei spiegelbildliche Turnerhakenkreuze in die Wand einmauern zu lassen. Seit 1894 sei das Zeichen mit »völkisch-antisemitischem Gift« belastet gewesen, 1910 wurde es zum offiziellen Symbol des judenfeindlichen nordböhmischen Deutschen Turnerbundes. »Es ist sicher davon auszugehen«, so Bischoff, »dass den Männern um Julius Sparbier diese ideologischen Aufladungen bekannt waren.« Politische Initiativen aus dem Stadtteil und Kritiker wie der Musiker Peter Gutzeit sprechen sich deshalb für die Entfernung der Turnerkreuze aus. Geschäftsführer Fechner hält einen Abriss jedoch für »unhistorisch« und bekommt dabei Unterstützung von der Untersuchungskommission. »Wir haben davon abgeraten«, sagt Jürgen Bischoff. »Hier gibt es die einmalige Möglichkeit, Geschichte anhand ihrer Symbole greifbar zu machen.«

Erinnern an Zwangsarbeiter

Der Verein hat das Dilemma durch das Anbringen einer erklärenden Tafel an der Turnhalle gelöst. Eine zweite erinnert an das Zwangarbeiterlager im ETV-Gebäude, wo bis 1943 mehr als 2000 Menschen aus 23 Nationen untergebracht waren.

Die Aufarbeitung der Geschichte kostet den ETV nicht nur 30 000 Euro – sie förderte auch weitere brisante Details ans Tageslicht. Bestätigt wurde die führende Rolle des langjährigen ETV-Funktionärs Robert Finn als Direktor der Arbeitsgemeinschaft für Schmierölversorgung in der NS-Kriegswirtschaft. Das NSDAP-Mitglied war ein enger Vertrauter von Rüstungsminister Albert Speer. Von 1933 bis 1945 war Finn Zweiter Vorsitzender und nach erfolgreicher Entnazifizierung von 1948 bis 1973 Präsident des heute 11 500 Mitglieder zählenden Vereins. Die 1973 nach ihm benannte Sporthalle auf dem ETV-Gelände an der Bundesstraße wurde nach Protesten 2007 in Große Turnhalle umbenannt.

Auch die 1935 von den Nazis zu dessen 65. Geburtstag nach Julius Sparbier benannten und von den ETV-Fußballern genutzten Plätze erhalten nach Absprache mit dem Sportamt einen neuen Namen. Sie heißen künftig »Sportplätze an der Bundesstraße«. Ebenfalls umbenannt wird der vis-à-vis gelegene August-Bosse-Platz – in »Softballplatz an der Hohen Weide«. Der »August der Starke« genannte Multifunktionär hatte sich von einem deutschtümelnden Kaiser-Anhänger zu einem Bewunderer des »Führers« gewandelt. Die Nazis richteten dem ETV-Mann und aktiven Parteimitglied 1935 ein standesgemäßes Begräbnis aus.

»Der ETV hat sich früh an rechtskonservative Interessenverbände angebunden und war völkisch-nationalistisch geprägt«, lautet das Fazit von Buchautor Sven Fritz: »Der Übergang zum Nationalsozialismus verlief bruchlos.« Dieses Ergebnis habe er in dieser Eindeutigkeit nicht erwartet, erklärt ETV-Geschäftsführer Fechner: »Wir werden in drastischer Weise mit unserer Geschichte konfrontiert.«

Zwei Stelen aus Granit

Der Schock sitzt offenbar so tief, dass der Verein neben den Umbenennungen weitere Konsequenzen zog: Vor dem ETV-Gebäude wurden Anfang Oktober zwei Granitstelen aufgestellt – ein Denkmal für die verfolgten und ermordeten jüdischen ETV-Mitglieder und ein »Gegendenkmal« zum existierenden Kriegerdenkmal (»Unseren gefallenen Kameraden«). Die Inschrift lautet: »Deutschland hat den Ersten Weltkrieg mit verursacht. Es hat den Zweiten geplant und begonnen.«

»Der ETV hat nach der aufgekommenen Kritik keine Wagenburg gebildet, sondern Öffentlichkeit hergestellt«, resümierte der Historiker Hannes Heer (Wehrmachtsausstellung), der als Koordinator der Untersuchungskommission fungierte. »Ich kenne keinen Verein, der sich in so vorbildlicher Weise seiner Geschichte in dieser Form auseinandergesetzt hat«, sagt Heer.

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