Werbung

Mikrokredite kommen in Verruf

Entwicklungspolitisches Erfolgsmodell mit ersten Problemen

  • Von Stefan Fuhr, epd
  • Lesedauer: 3 Min.
Schattenseiten der Erfolgsgeschichte Mikrokredite: Renditestreben, unseriöse Verleiher und Überschuldung ramponieren den guten Ruf.

Mit einer Handvoll Dollar der Armut entrinnen: Mikrokredite gelten als Erfolgsmodell der Entwicklungshilfe. Millionen Kioskbesitzer, Handwerker und Kleinbauern in armen Ländern verdanken den Kleinstdarlehen ein existenzsicherndes Einkommen.

Die Geschichte der Mikrofinanz beginnt 1983, als der bengalische Ökonom Muhammad Yunus seine Grameen Bank gründet – und einen neuen Weg der Armutsbekämpfung einschlägt. Er vergibt Darlehen von 100 oder 200 Dollar vor allem an Frauen, die in Selbsthilfegruppen füreinander bürgen. Die Zahlungsmoral verblüfft, die Rückflussquote beträgt rund 98 Prozent. Für seine Idee erhält Yunus 2006 den Friedensnobelpreis.

Inzwischen ist der Sektor enorm gewachsen. Tausende Finanzinstitutionen tummeln sich auf dem Markt, das Kreditvolumen für 2009 wird auf mehr als 60 Milliarden Dollar geschätzt. Das Kapital kommt von Kleinsparern wie bei der Grameen Bank oder von staatlichen Förderbanken wie der deutschen KfW. Aber auch profitorientierte Institutionen haben das Mikrofinanz-Geschäft entdeckt. Sie ziehen Kapitalanleger an, die vor allem auf Rendite achten. Einige Institute sind gar an die Börse gegangen, zum Beispiel das indische Unternehmen SKS.

Da die Zahl der Akteure wächst, kommt es zu verschärftem Wettbewerb um Kunden – und zu Fehlentwicklungen. So werden Darlehen mancherorts zu leichtfertig vergeben. Etliche Kreditnehmer können das Geld nicht mehr zurückzahlen, wie Florian Grohs, Geschäftsführer der gemeinnützigen Kreditgenossenschaft Oikocredit, bestätigt: »Wir wollen nicht leugnen, dass es in manchen Ländern ein Überschuldungsproblem gibt.«

Peter Wolff, Mikrokredit-Experte vom Deutschen Institut für Entwicklungspolitik, formuliert es so: Wo die Branche stark gewachsen sei, gebe es Hinweise darauf, dass sich »die Qualität des Kreditbestandes verschlechtert hat«. Zudem würden Kredite häufig durch Aufnahme neuer Schulden zurückgezahlt. Untersuchungen zeigen darüber hinaus, dass ein großer Teil der Mini-Darlehen gar nicht in Existenzgründung investiert, sondern für den Konsum – etwa für Lebensmittel oder Schulgeld – aufgebraucht wird.

Indische Medien berichten immer wieder von tragischen Konsequenzen der Überschuldung – etwa von Kleinbauern, die sich das Leben nehmen. Zahlreiche Fälle zahlungsunfähiger Kreditnehmer werden auch aus Teilen Bangladeschs, aus Nicaragua, Peru und Bosnien-Herzegowina gemeldet. Die in der Branche üblichen Zinsen von 20 Prozent und mehr werden zur drückenden Last. Für die vergleichsweise hohen Kreditpreise gibt es aber einen plausiblen Grund: den hohen Verwaltungsaufwand.

Um Fehlentwicklungen zu stoppen, schlägt Experte Wolff vor, den Markt für Mikrokredite schärfer zu regulieren. Die Institutionen müssten besser überprüft, Kreditinformationsbüros – vergleichbar mit der deutschen Schufa – eingerichtet werden. Außerdem plädiert Wolff dafür, dass bei Kreditangeboten der Effektivzins genannt werden muss, um Darlehen zu unterschiedlichen Konditionen miteinander vergleichen zu können.

Trotz aller Kritik halten die meisten Experten die Kleinstdarlehen weiter für wirkungsvoll. »Mikrokredite sind kein Allheilmittel«, sagt Oikocredit-Chef Grohs. »Aber sie leisten einen wichtigen Beitrag im Kampf gegen die Armut.«


Lexikon

Mikrokredite sind Kleinstdarlehen unter 1000 Euro an Gewerbetreibende. Die Idee dahinter ist es, Armen beim Aufbau einer eigenen Existenz zu helfen, wodurch auch die Rückzahlung des Kredits gewährleistet wird. Weltweit wird die Zahl der Mikrofinanz-Institute auf über 70 000 geschätzt. Das Modell hat längst die Industrieländer erreicht: Die Bundesregierung hat Anfang 2010 einen Fonds eingerichtet; die GLS Gemeinschaftsbank vergibt damit Kredite an Kleinstunternehmen und Gründer. ND

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln