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Hitler und die Historiker

Eine Berliner Ausstellung ignoriert bewusst ihr eigentliches Thema

Braune Premiere: Erstmals beschäftigt sich eine Ausstellung in Deutschland mit der Wirkung Hitlers auf die »Volksgemeinschaft«. Doch »Hitler und die Deutschen« blendet wichtige Aspekte vollkommen aus und nährt so unfreiwillig den Mythos Hitler.

Auch 65 Jahre nach seinem unrühmlichen Ende ist Adolf Hitler noch überall präsent. Egal ob in pseudowissenschaftlichen Fernseh-Dokus oder auf den Titelseiten des »Spiegel«: Mit dem Massenmörder lässt sich immer noch Geld verdienen. Während Hitler weiterhin als Untoter durch die Medien geistert, schreckten die deutschen Museen bislang davor zurück, dem selbst ernannten Führer eine eigene Ausstellung zu widmen. Als vor einigen Jahren der Vorschlag aufkam, eine Hitler-Ausstellung im Deutschen Historischen Museum (DHM) zu zeigen, da winkte die Sachverständigenkommission ab.

Die Angst vor der Verführungsmacht des Führers sitzt tief. Wohl nicht ganz zu unrecht, wie jüngste Umfragen belegen. Demnach wünschen sich mehr als zehn Prozent aller Deutschen wieder einen »starken Führer«. Um so wichtiger wäre da eine Ausstellung, die sich Hitler ohne Scheu nähert und diese Kunstfigur dekonstruiert.

Der am Freitag im Deutschen Historischen Museum Berlin eröffneten Ausstellung »Hitler und die Deutschen« gelingt dies leider nicht. Auch weil eine reine Hitler-Ausstellung nicht erwünscht war, verliert sich die Schau im Allgemeinen. Nur im Eingangsbereich der Ausstellung wird der Besucher mit Hitler konfrontiert. Auf drei überlebensgroßen Tafeln ist er zu sehen. Zum einen als Parteimensch, dann als Staatsmann und schlussendlich als Totenkopf. Dahinter sieht man begeisterte Volksgenossen. Ansonsten bietet die Ausstellung mit ihren 600 Exponaten wenig Hitler, dafür aber viele Schautafeln, Poster und kleine Filmchen. Das Ganze wirkt so eher wie eine Schau zur Geschichte des Dritten Reiches als eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Phänomen Hitler. Auf die eigentlich drängende Frage, wie dieser Sonderling und Außenseiter innerhalb weniger Jahre an die Macht gelangen konnte, gibt die Ausstellung keine plausible Antwort. Lieber präsentiert man Geschmacklosigkeiten und Monstrositäten, die zeigen sollen, wie sehr die Deutschen ihren Führer liebten. Schließlich war es erklärtes Ziel der Ausstellungsmacher Hans-Ulrich Thamer und Klaus-Jürgen Sembach, die »Wechselwirkungen« zwischen »Führerherrschaft« und dem Verhalten des Volkes offenzulegen.

Die Kuratoren versuchen dies, indem sie etwa einen riesigen Wandteppich zur Schau stellen, den Frauen aus Rothenburg an der Fulda in Heimarbeit mit Vaterunser und Hakenkreuzen bestickten. Daneben eine monströse Metallschatulle – verziert mit Adler und Hakenkreuz – die junge Reichsbahner »unserm Führer« widmeten. Dazu gibt es Fotos aus der Reichskanzlei, Kinderbriefe an Hitler und Fotos von den Opfern des Nazi-Terrors. Die Ausstellung verliert sich in der Präsentation des Offensichtlichen.

Weitgehend ausgeblendet bleiben die stillen Helfer und Einflüsterer Hitlers aus Industrie und Medien. Zwar werden Hindenburg und die deutschen Konservativen als »Steigbügelhalter« erwähnt, doch Industriegrößen wie Hugenberg Thyssen oder Borsig, ohne deren Millionen der Schulabbrecher niemals Reichskanzler geworden wäre, bleiben unerwähnt. Hitler ist kein Zufallsprodukt und kein Naturphänomen, dass über die Deutschen hereinbrach wie ein Unwetter. Von Anfang an förderten einflussreiche Kreise die Karriere ihres Kandidaten. Wie eben der Stahlbaron Fritz Thyssen, der die NSDAP bereits 1923 förderte.

Durch die Ausblendung der Persönlichkeit Hitler nährt man unfreiwillig den Mythos vom »Autodidakten« und »begnadeten Redner«. Wer Hitler, wie Ausstellungsmacher Thamer, »dekonstruieren« will, der sollte zumindest auf Hitlers Wegbereiter und Ausbilder eingehen. Hitlers Redetalent beruhte größtenteils auf Schauspiel-Training. Einer seiner Lehrer war nachweisbar der Münchener Hoftheater-Mime Friedrich Basil. Dieser Basil spielte »heroische Charaktere« und »gestikulierte wie ein Wagner-Sänger«, schrieb Bertold Brecht, der Hitler und seinem Schauspiellehrer in einem Münchener Biergarten begegnet war. Später schrieb Brecht über Hitler: »Seine Intonation war genauso männlich und heroisch, wie man das von einem Schüler des großen Basil erwarten konnte«. Leider bleiben auch diese Hintergründe unerwähnt.

Stattdessen konzentriert man sich auf die technischen Aspekte der Hitlerschen Verführungskraft wie Volksempfänger. Hitler selbst bleibt außen vor. Das ist so gewollt, wie Museumsdirektor Hans Ottomeyer noch vor Ausstellungseröffnung betonte: »Wir haben uns nicht eingelassen auf die bizarre Persönlichkeit Hitlers«. Und so hält sich der Erkenntnisgewinn dieser Ausstellung in Grenzen.

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