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Ersatzfamilien für Erwachsene

Vermittlungsprojekt versucht, die richtigen Menschen zusammenzubringen

  • Von Annika Bünder, dpa
  • Lesedauer: 3 Min.
Andere Menschen ziehen mit Anfang 20 bei ihrer Familie aus. Pascal Coße zog mit 21 erst ein. Er ist Vollwaise und kannte bis vor kurzem kein Familienleben. Bei den Althoffs im Münsterland hat er ein neues Heim gefunden. Bundesweit gibt es immer mehr solcher Wohnprojekte.

Billerbeck/Münster. Nach 21 Jahren hat Pascal Coße gefunden, was er sein Leben lang vermisst hat: Eine Familie. Menschen, die ihm Schutz und Geborgenheit geben, mit denen er reden und rumalbern, diskutieren und streiten kann. Pascal Coße ist Vollwaise. In diesem Sommer hat die Familie Althoff aus dem beschaulichen Billerbeck ihn in ihre Mitte aufgenommen. »Das Leben hier gefällt mir super«, sagt der schlanke Mann mit strohblondem Pferdeschwanz. Er hat in seinem jungen Leben schlimme Dinge erlebt. Die neue Familie hilft ihm, seine seelischen Probleme zu bewältigen.

Coße ist einer von 420 Erwachsenen in Westfalen, die in Gastfamilien untergebracht sind. Damit ist die nördliche Hälfte von Nordrhein-Westfalen Schwerpunkt eines bundesweiten Erfolgsmodels. »Immer mehr Menschen nehmen das Angebot in Anspruch«, sagt der Referatsleiter für eigene Wohnangebote des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL), Klaus Stahl. Bundesweit haben rund 2000 Teilnehmer eine neue Familie gefunden.

Das Konzept, sagt Projektkenner Stahl, sei klassische Vermittlung: »Wir suchen sowohl Familien als auch Klienten. Und dann ist es unsere Aufgabe, die richtigen Menschen zusammenzubringen.« Die Kennenlernphase erfolgt langsam: Zunächst treffen sich Interessent und Familie zusammen mit einem Mitarbeiter vom LWL zum ersten Gespräch. Es folgen weitere gemeinsame Aktivitäten. Schließlich zieht der Gast für einige Tage zur Probe bei der Familie ein.

»Man ist natürlich erstmal unsicher. Man fragt sich: Passt das oder passt das nicht? Bei Pascal haben wir ganz schnell gemerkt: Das passt«, erinnert sich Coßes Gastvater, Heiner Althoff.

Bereits vor eineinhalb Jahren hatte sich das Ehepaar Althoff bei dem Projekt für Betreutes Wohnren beworben. Das Paar hat drei eigene Kinder, ihr jüngster Sohn wohnt noch im Haus: »Als unsere beiden Ältesten auszogen, haben wir überlegt, was wir mit dem ganzen Platz im Haus anfangen sollen.« Zunächst wurde ihnen eine junge Frau vermittelt. Damals stimmte jedoch die Chemie nicht. Pascal Coße war der Richtige.

Morgens verlässt er das Haus, um als Praktikant in einem Altenheim zu arbeiten. Am späten Nachmittag kommt er zurück. Dann gibt es Essen für die ganze Familie. Nachdem der 21-Jährige einige Aufgaben im Haushalt erledigt hat, zieht er sich auf sein Zimmer zurück, surft im Internet, spielt auf seiner Trommel oder liest. Auch seine Freundin ist oft zu Besuch.

»Wir pflegen ein freies, offenes Miteinander. Das ist genau das, was Pascal braucht«, sagt Gastvater Althoff. Denn zu feste Strukturen und zu strenge Regeln sind nichts für Coße. Der Vollwaise leidet unter Schlaflosigkeit, weil er in der Vergangenheit »einige schlimme Schicksalsschläge« hinnehmen musste. Als Kind und Jugendlicher lebte er in verschiedenen Heimen. Zuletzt kam er in einer Wohnung vom Projekt »Sozial betreutes Wohnen« unter. »Nun lief die Jugendhilfe aus, ich hatte keine Perspektive. Ich schaffe es einfach nicht alleine, Struktur in meinen Tag zu bekommen. Dafür brauche ich Hilfe, ein geschütztes Umfeld«, sagt der Gastsohn.

»Er bringt Bewegung in unser Leben. Das gefällt uns«, erwidert Althoff. »Ja«, ergänzt Coße mit breitem Grinsen im Gesicht. »Dank mir gibt es jetzt hier im Haus frische Vollmilch und Leberwurst. Auch, wenn es manchmal Auseinandersetzungen gibt, ich möchte noch ganz lange hierbleiben.«

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