Stress auf dem Straßenstrich

Anwohner mit Situation an Kurfürstenstraße unzufrieden / Sexarbeiterinnen unter enormen Druck

Seit mehr als einem Jahrhundert lebt der Kiez um Kurfürstenstraße und Potsdamer Straße an der Grenze zwischen Tiergarten und Schöneberg mit der Prostitution. Eine Rentnerin, die am Dienstagabend zur Diskussion mit dem Titel »Straßenstrich, die Last mit der Lust – oder wie man Probleme lösen kann« in die Zwölf-Apostel-Kirche gekommen war, wohnt seit fast einem halben Jahrhundert Tür an Tür mit einer Wohnung mit der roten Laterne. Ohne Probleme.

Doch so harmonisch sehen es nicht alle Anwohner, die der Einladung der SPD-Tiergarten gefolgt sind, gemeinsam mit Justizsenatorin Gisela von der Aue, der Frauenpolitikerin Bilkay Öney (beide SPD) und Vertreterinnen der Prostituiertenvertretung Hydra Lösungen zu suchen. Ein älterer Mann beklagt sich, dass er beim Schrippenkaufen immer wieder von Frauen angesprochen und an seinen Geschlechtsorganen berührt werde. Eine junge Mutter sieht Probleme für ihre Kinder, wenn Prostituierte vor Schule, Kindergarten und der Moschee um Freier werben oder wenn sich Pärchen unter ihrem Fenster zum Liebesspiel treffen. Auch die Justizsenatorin zeigt Verständnis, »dass es für die Anwohner eine Zumutung ist, wenn man gezwungen ist, Tischtennisplatten abzumontieren und Bushäuschen abzubauen, weil das Orte für das Liebesspiel waren«.

Die SPD hat Grund, das Thema auf die Tagesordnung zu setzen. Eine Bezirkspolitikerin aus Tempelhof-Schöneberg hatte im September einen Antrag in der BVV initiiert, Fotos und Autokennzeichen von Freiern, die Prostituierte in der Kurfürstenstraße aufsuchen, künftig im Internet zu veröffentlichen. Der Antrag wurde mit den Stimmen von SPD und CDU angenommen.

»Der Internetpranger ist rechtlich unzulässig. Und politisch wünsche ich ihn mir nicht«, ist die klare Ansage der Justizsenatorin. Gisela von der Aue präferiert dagegen, dass die Probleme rund um den Straßenstrich gemeinsam mit allen Betroffenen diskutiert werden. Auch mit den Freiern. Die an den Pranger zu stellen, sei da kontraproduktiv. Die Wogen schlagen im Kiez um die Kurfürstenstraße seit 2007 hoch. Da sind Bulgarien und Rumänien der EU beigetreten. Seitdem dürfen sich Bulgarinnen und Rumäninnen in Deutschland niederlassen. Auch als Prostituierte. Viele bulgarische Sexarbeiterinnen leben seitdem hier und sie würden aggressiver um Freier werben, weniger Rücksicht auf die Anwohner nehmen, hieß es.

»Wir haben gemeinsam mit anderen Vereinen Aufklärung geleistet«, sagt Petra Kolb von Hydra. Zum Teil seien die Bulgarinnen davon ausgegangen, die Gegend um die Kurfürstenstraße sei ein Sperrbezirk, wie es ihn in anderen Großstädten für die Rotlichtszene gibt. »Sie wussten nicht, dass hier Familien leben und dass es nicht in Ordnung ist, um einen Mann zu werben, der mit Frau und Kind auf dem Weg zur U-Bahn ist.« Ein Verständnis behindern ihre kaum vorhandenen Deutschkenntnisse. Als EU-Bürgerinnen können sie nicht zum Integrationskurs verpflichtet werden und müssten den, falls sie freiwillig teilnehmen, bezahlen.

Aber die Frauen befänden sich auch in Abhängigkeitsverhältnissen, die erst in Berlin entstanden sind. Petra Kolb: »Manche Frauen haben schon in Bulgarien als Prostituierte gearbeitet. Aber sie hatten kein Bankkonto und haben das Geld immer bar kassiert.« Ohne Bankkonto und Einkommensnachweis findet man in Berlin keine Wohnung. Ohne Wohnung kann man kein Gewerbe anmelden. Aus dieser Notlage hätten findige Anwohner eine Geschäftsidee entwickelt und Kellerräume an drei bis vier Bulgarinnen vermietet, sagt die Hydra-Vertreterin. »Die Bulgarinnen stehen enorm unter Druck. Sie müssen ihre Freier bedienen. Sie müssen die Vermieter bedienen und ihren Familien zu Hause Geld schicken. Aus dieser Situation entsteht dann das aggressive Verhalten.« Aufklärung über die juristischen Verhältnisse in Deutschland und Hilfsangebote könnten da enorm helfen. Das würden Beispiele von Bulgarinnen zeigen, die inzwischen nicht mehr auf dem Straßenstrich, sondern in Bordellen ihre Dienste anbieten.

Eine Prostituierte erwähnt das, wie sie meint, unmenschliche Verhalten der osteuropäischen Zuhälter. »Früher waren wir hier wie eine große Familie: die Sex-Arbeiterinnen, die Freier, die Zuhälter, die Anwohner und die Polizei. Aber die Zuhälter, die jetzt hier sind, das sind keine Zuhälter, das sind Schweine«, sagt sie.

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