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Konzerte zwischen den Stühlen

Das Festival »Piano City« möchte Salonkultur und Hausmusik wiederbeleben

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Andreas Kern an seinem Instrument
Andreas Kern an seinem Instrument

Johannes Kersthold hat aufgeräumt, den Notenstapel in die Ecke geschoben und seine Bücher wagemutig auf die Regale getürmt. Der Pianist braucht Platz, denn er tritt in seinem eigenen Wohnzimmer auf. Rund 20 Leute sind gekommen, meist Freunde und Nachbarn, die Knie an Hintern sitzen; die Vorderen können den Stutzflügel mit den Händen greifen.

Das Festival »Piano City« hat am Wochenende mit 70 so genannten Wohnzimmerkonzerten die gute alte Hausmusik wiederbelebt. Die Barrikaden zwischen Laien und Profis wurden dabei eingerissen: Hobbypianisten, Abiturienten oder Musikstudenten öffneten ihre Wohnstuben ebenso wie Konzertpianisten oder Klavierlehrer. Bach in Neukölln oder Free Jazz in Charlottenburg – auch die Trennung zwischen E und U ging flöten. Jazz und Pop sind ebenso im Angebot wie Klassik, Improvisationen und Eigenkompositionen.

Johannes Kersthold bietet Selbstverfertigtes und begleitet sein Spiel durch Computer-Sounds. Die Stücke entstanden während einer einjährigen Einkehr im Oderbruch. Sie tragen Titel wie »Jazz-Hasen« oder »Am See«, sind meist lyrisch und reich an Wiederholungen und erzeugen eine ruhige, versonnene Stimmung.

Initiator und künstlerischer Leiter des neuen Festivals ist der 35-jährige Pianist Andreas Kern, dem es grundsätzlich ein Anliegen ist, »klassische Musik einem neuen, jungen Publikum zeitgemäß zu präsentieren« – so verrät es das Programmheft. Unter anderem liefert sich Kern Tastenduelle mit seinem Kollegen Paul Cibis. Ihre »Piano Battle« führten die beiden Musiker am Samstag im Radialsystem auf, wo eine zum Festival gehörende Lange Nacht der Klaviermusik stattfand.

Die Schlachtordnung ist einfach: Die zwei Pianisten spielen in mehreren Runden jeweils ein- und dasselbe Stück; das Publikum entscheidet den Sieger per Handzeichen. Kurzweilig ist das Ganze vor allem, weil die Beiden echtes komödiantisches Talent besitzen und sich fortwährend verbal beharken. Kern kann eine Runde klar für sich verbuchen, indem er sich in eine »One Man Band« verwandelt. Er spielt dann auch mit Kinn und Füßen, traktiert den Flügel als Schlagzeug und greift in die Saiten, um einen Bass zu imitieren.

Dennoch hängt das Duell-Format eigentümlich zwischen den Stühlen. Weder handelt es sich hier um richtiges Kabarett noch um einen echten Klavierabend. Unter dem Kugelfeuer leiden die Interpretationen. Kern und Cibis spielen recht unkonzentriert. Bei Chopin benutzen sie großzügig das Pedal, so dass die Tongirlanden verwischen und Nuancen unter den Tisch fallen.

Höhepunkt der Langen Nacht war die Solo-Improvisation von Uri Caine. Der amerikanische Pianist verzwirbelte Melodien von Mozart, Mahler oder den Beatles mit unterschiedlichen Jazz-Stilen. Der Pianist besitzt eine ebenso bescheidene wie charismatische Ausstrahlung und spielt wunderbar transparent und swingend. Die Idee der »zeitgemäßen Präsentation« zeigte hier allerdings ihre Nachteile: Wenn die Besucher fortwährend kommen und gehen, reden oder fotografieren, ist das nicht fortschrittlich, sondern einfach nur nervend.

»Piano City« zeigt, dass es eine Gratwanderung bedeutet, neue Hör- und Sehweisen in die eher konservative Welt der Klassik einzuschleusen. Sie gelingt in der Neuauflage der Salonkultur in den Wohnzimmerkonzerten. In der Langen Nacht hingegen blieb beim Bemühen um Zerstreuung und Unterhaltung zuweilen die Musik auf der Strecke: Beethoven-Sonaten gehen kaputt, wenn der Pianist per Leinwand in eine gläserklirrende Lounge übertragen wird. Und eine auf zwei Spieler aufgeteilte Chopin-Etüde ist eher ein akrobatisches als ein musikalisches Erlebnis.

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