Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

Willstndu

Preis für Castorf

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 2 Min.

1. Castorfs Obsessionen sind nicht Ideen, sondern was davon übrigbleibt: Schrott, Ausschuss, Müll.

2. Ohne Ansehen der Stücke werden auf dieser Bühne fleißig und öffentlich Exkremente abgesondert, Genitalien hingebungsvoll und möglichst unästhetisch präsentiert. Aber wer dauernd WC-Szenen zum Besten gibt, der rechnet nicht mehr mit wirklicher Erregung.

3. Die pressen Worte raus wie Dünnpfiff, und so schnell gehen sie ab, dass keine Sau sie mehr versteht. Willstndu. Passmaauf. Haltifresse.

4. Das ist ein Schmatzen und Batzen und Kotzen und Würgen zu orgiastischem Gekreische.

5. Schauspieler werden gequält und zum Brüllen, Biertrinken und zur Nacktheit verurteilt.

6. Das mutwillig Säuische ist über viele Jahre Castorfs elementare Bewegungsphysik gewesen.

7. In der Volksbühne geht wieder mal die Post ab! Es fehlt an nix: Männer spielen Frauen, Frauen Männer, Männer Tussis und Tunten Kerle. Sie fallen übereinander her und turnen miteinander, übereinander, aufeinander, gegeneinander. Geht was schief, ist der Trost auf den Sabberlippen: »Au, Scheiße!«

8. Die eigene Resignation wird ausgekotzt. Guten Appetit!

9. Das Ingenieurbüro verwandelt sich in eine Gaskammer. Die deutschen Putzfrauen sterben schreiend. Die Szene ist eine Bankrotterklärung politischen Denkens.

10. Die sind sich nicht zu schade für Einfälle, würdig jedem Strafregister für Regieverbrechen.

11. Grauen erregende Vermählung zwischen Pornografie und Erlösungskitsch.

12. Die Schauspieler quaken wie Frösche, winseln wie Hunde, und wenn sie schreien, glaubt man endlich zu wissen, wie es in Jericho dröhnte.

13. Wo jeder Halt verloren scheint, triumphiert der wilde Haufe.

14. Plansch-, Mansch- und Suhlreize.

So. Es reicht.

In der Reihenfolge ihres mehr oder weniger entrüsteten Auftretens in zwei Jahrzehnten Castorf-Intendanz an der Volksbühne: 1. Neues Deutschland, 2. Die Welt, 3. Der Tagesspiegel, 4. Süddeutsche Zeitung, 5. Hannoversche Allgemeine Zeitung, 6. Der Standard (Wien), 7. Süddeutsche Zeitung, 8. Sächsische Zeitung, 9. Frankfurter Rundschau, 10. Theater heute, 11. Die Zeit, 12. Süddeutsche Zeitung, 13. Die Welt, 14. BZ.

Lachhafte, zum Grinsen antreibende Urteile über einen, der längst ein »Regisseur des Welttheaters« ist (Ivan Nagel). Er schrieb Berliner und auf Festivals von Wien und Salzburg und noch weiter weg in der Welt (bis Sao Paulo) internationale Theatergeschichte. Frank Castorfs Volksbühne ist manieristisch, hyperrealistisch, dekadent, nihilistisch, wütend, chaotisch, müde, ohnmächtig – und zugelcih auch genau das Gegenteil davon. Sie ist, was Fellini Rimini war: Provinzgeisterstadt – wer weggeht, hat gewonnen. Und verliert viel.

Nun bekam der Regisseur den »Golden Laurel Wreath« des MESS-Festivals in Sarajevo.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln