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Dunkles Geheimnis

»Bitter im Mund« – Monique Truong spürt literarisch ihrer Herkunft nach

  • Von Michael Sollorz
  • Lesedauer: 3 Min.

Das zweite Buch ist immer schwer, um so mehr, wenn der Erstling so furios einschlug wie Monique Truongs »Buch vom Salz«, erschienen 2003. Erzählt wurde darin die Geschichte des Vietnamesen Binh, Koch im Pariser Künstler-Haushalt von Gertrude Stein und Alice B. Toklas. Für diesen wundervollen Roman über das Fremdsein wurde die Autorin mit Preisen und Stipendien überhäuft.

Ihr neues Buch spielt in den Südstaaten der USA. Beschworen wird die Zauberwelt einer weißen Mittelstandskindheit in einem Kaff in North Carolina, brütend in schwerer Hitze, bevölkert von eigenwilligen, beileibe nicht durchweg liebenswerten Gestalten.

Eine davon ist die Großmutter von Linda, der Ich-Erzählerin. Gleich eingangs sagt sie auf ihrem Sterbebett zu dem jungen Mädchen: »Du würdest unter dem zerbrechen, was ich von dir weiß.« Wie es die Southern-Gothic-Tradition von Faulkner bis Williams verlangt, liegt also dem Geschehen ein Geheimnis zugrunde, dessen Aufdeckung der Leser erwarten darf.

Hat es mit Lindas Synästhesie zu tun? Wie vor ihr schon der Maler Kandinski und der große Literat Nabokov, vermag auch Linda, Wörtern einen speziellen Geschmack zuzuordnen. Ma schmeckt nach Schokoladenmilch. »Wasgrahamcracker ist denn so lusiggurke, Leopastinake?« Über diese Gabe, von der Umwelt gemeinhin zumindest als Anomalie beargwöhnt, kann das Mädchen lange Zeit mit keinem Menschen sprechen; sie bleibt mit ihrer besonderen Erfahrung allein. Wie schon im »Buch vom Salz« erfrischt der feine, zuweilen etwas fiese Humor Truongs, jene Prise Bitternis, wie sie bevorzugt entwickelt, wer mit den Fähigkeiten und Verletzungen des Außenseiters auf die menschliche Komödie blickt.

Erst ungefähr nach der Hälfte der über 300 Seiten erfahren wir, dass Linda Linh Dao heißt: ein adoptiertes vietnamesisches Flüchtlingskind. Von da an liest man natürlich ein anderes Buch. Wie fühlt es sich an, unwillkommen zu sein? Welche Überlebensstrategien entwickelt die gequälte Seele?

Jap oder Chink, sagen die andern in der Schule zu dem kleinen Mädchen, Fidschie. Erst in den Blicken seiner Umgebung erkennt das Kind sein Anderssein. Jetzt wächst die Ratlosigkeit zur Gewissheit, dass die aufgebotenen Bestandteile des Erzählten nicht zwingend der Geschichte zuarbeiten, sondern vielfach Ornament bleiben. Von der Geschlossenheit ihres Debütromans ist »Bitter im Mund« leider weit entfernt.

Das Geheimnis der Familie führt schließlich zurück in die Wirren des Vietnamkriegs und den Einmarsch von Ho Chi Minhs Streitmacht in den antikommunistischen Süden. Lindas Adoptivvater verband eine unerfüllte Liebe zu ihrer leiblichen Mutter, und so fühlte er sich in der Pflicht, dem Kind mit der Adoption beizustehen. Am Ende starke Momente, gesättigt vom lastenden Schweigen, das endlich aufgebrochen werden kann zwischen der Erzählerin und ihrer Adoptivmutter, »weil wir verstanden hatten, dass wir uns wieder voneinander verabschieden und uns für sehr lange Zeit nicht wiedersehen würden.«

»Bitter im Mund« handelt wieder vom Fremdsein. Die Autorin nähert sich ihrer eigenen Biografie. Wie ihre Heldin ist auch Monique Truong im Jahr der vietnamesischen Wiedervereinigung 1975 mit ihren Eltern in den Westen geflohen. Erst vor drei Jahren besuchte die über 40-jährige Autorin mit ihrer Mutter das unbekannte Land, das sie als Kind verlassen hatte. In einem Zeitungsartikel bekannte sie hinterher, sie habe diese tiefe Fremdheitserfahrung der Reise gebraucht, um endlich wirklich anzukommen in den USA.

Monique Truong: Bitter im Mund. Roman. Übers. v. Peter Torberg. C. H. Beck, 328 S., geb., 19,95 €.

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