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Gedränge vorm OB-Sessel

Flensburger Stadtoberhaupt wird neu gewählt

  • Von Dieter Hanisch, Flensburg
  • Lesedauer: 4 Min.
Am Sonntag sind die Flensburger aufgerufen, einen neuen Oberbürgermeister zu wählen. Gleich neun Bewerber stehen dabei auf dem Wahlzettel – manche Kandidatur mutet etwas skurril an.

Bei der Flensburger Kommunalwahl 2008 haben CDU und SPD ordentlich bluten müssen, die neu gegründete Wählerinitiative »Wir für Flensburg« (WIF) wurde plötzlich zur stärksten Fraktion im Stadtparlament. Auch der Südschleswigsche Wählerverband (SSW), die Partei der dänischen Minderheit, überflügelte die Union und Sozialdemokraten. Da einige WIF-Abgeordnete der Wählerinitiative aber nach internen Querelen den Rücken gekehrt haben, ist die WIF nicht mehr stärkste Fraktion. Die ohnehin schon schwierige Entscheidungsfindung und Mehrheitsbildung in der Ratsversammlung ist damit noch unberechenbarer geworden. Das erschwerte die Arbeit des bisherigen parteilosen Oberbürgermeisters Klaus Tscheuschner, der auch deshalb nicht wieder kandidierte. Er war 2004 als CDU-Kandidat ins Amt gekommen.

Nun sind fünf Bürgermeisterkandidaten aus den Reihen der Fraktionen vorgeschlagen worden, dazu meldeten sich vier Einzelbewerber. Aus dem Lager der Piratenpartei kommt Matthias Nagel. Er hat nur Außenseiterchancen, ebenso wie der Unternehmer Wolfgang Brommer-Reuß und der sozial engagierte Ulrich Scholl, der gern darauf verweist, dass sein älterer Bruder bereits einmal Bürgermeister von Bad Schwartau geworden ist.

Die im Stadtparlament mit zwei Abgeordneten vertretene FDP hat keinen Kandidaten vorgeschlagen, dafür meldete sich Kay Richert als Mitglied des Kreisvorstandes der Liberalen aus eigenem Antrieb. Auch er dürfte nur anderen Bewerbern Stimmen wegnehmen, selbst aber trotz seiner Wahlkampfzeitung »Los nu« chancenlos bleiben.

Kleinwagen mit Namen

Besser dürften die Aussichten auf den OB-Sessel von Elfi Heesch, der einzigen Frau im Kreis der Kandidaten, sein. Die parteilose Juristin wurde von CDU und Grünen gemeinsam nominiert. Die SPD schickt Thede Boysen ins Rennen. Der fährt derzeit mit einem auffälligem Kleinwagen und seinem Namenszug darauf nahezu ständig durch Flensburg.

Dass der Wählerinitiative WIF mit ihrem Anwärter Jörg Klose noch einmal ein Coup gelingt, gilt als eher unwahrscheinlich. Auch wenn Klose von sich gern behauptet: »Ich kann Wirtschaft.«

Simon Faber bewirbt sich auf dem Ticket des SSW. Faber hat seinen jetzigen Arbeitsplatz noch in Kopenhagen. Dort wirkt er als Kontaktpartner der dänischen Minderheit im Parlament.

Schließlich hat Heinz-Werner Jezewski für die LINKE seinen Hut in den Ring geworfen. Der Schriftsteller ist einer von drei Ratsherren der LINKEN in der Grenzstadt und Fraktionsvorsitzender für seine Partei im Kieler Landtag. Er will nach eigenen Worten das »soziale Gewissen der Stadt« repräsentieren und betreibt quasi einen Low-Budget-Wahlkampf, indem er im Gegensatz zur Konkurrenz keine Plakate mit seinem Konterfei aushängen lässt. Optimistisch setzt der 52-Jährige auf seinen Bekanntheitsgrad. Für ihn geht es im Wahlkampf um Themen und Inhalte, nicht um Köpfe.

Rechtsradikale Aufkleber

Mit politischen Wahrheiten machen sich die LINKEN nicht nur Freunde. Kürzlich wurden die Scheiben des neuen Parteibüros eingeworfen, die Täter hinterließen rechtsradikale Aufkleber. Vor wenigen Tagen wurde dann auch der Wahlkampf-Kleinbus von Elfi Heesch beschädigt.

Wie breit und bisweilen auch skurril die Kandidatenpalette ist, sieht man unter anderem am jüngsten Bewerber: Den 30-jährigen Matthias Nagel von der Piratenpartei stört, dass man Mülltonnen nicht online bei der Stadt Flensburg abmelden kann. Im Nachtleben fotografiert er Partyvolk in Diskotheken.

Für den Unternehmer Brommer-Reuß, der schon mal Mitglied bei FDP und CDU war, ist die Wahl in Flensburg übrigens schon der zweite Versuch, an die Spitze einer Kommunalverwaltung zu kommen. Der auch gern mal als Querdenker titulierte 58-Jährige kandidierte im Vorjahr bereits im rheinischen Lengerich – und bekam dort gerade mal 3,9 Prozent der Stimmen.

Angesichts des Kandidatenandrangs geht man in Flensburg davon aus, dass es am 21. November zu einer Stichwahl kommen wird.


Der Dirigierende

An der Spitze der Stadt Flensburg standen lange Zeit zwei Bürgermeister, je einer für die Nordstadt und einer für die Südstadt. Beide wurden vom Rat bestimmt. Nach 1742 wurde der Bürgermeister des Nordens zum »Dirigierenden Bürgermeister« und vom damaligen Landesherrn, also dem König von Dänemark, ernannt. Aus dem »Dirigierenden« wurde später der »Erste Bürgermeister«. Nach dem Übergang der Stadt an Preußen wurden ab 1870 die Bürgermeister von den Bürgern der Stadt gewählt, wobei der Erste Bürgermeister meist den Titel »Oberbürgermeister« erhielt.

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