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»Man kann Gedenken nicht verbieten«

Interview mit Eitan Bronstein, Direktor der israelischen Organisation Zochrot (Erinnern)

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Eitan Bronstein leitet die israelische Organisation Zochrot (Erinnern). Seit ihrer Gründung im Jahre 2002 versucht die Organisation, der jüdischen Bevölkerung Israels die Problematik der Nakba näherzubringen. Zochrot veranstaltet unter anderem Führungen zu ehemals arabischen Dörfern und Stadtvierteln und informiert über Flucht und Vertreibung der Palästinenser im Jahre 1948. Ein von der israelischen Regierung geplantes Gesetz war für Rolf-Henning Hintze Anlass, Bronstein zu befragen.
Eitan Bronstein
Eitan Bronstein

ND: Israels Regierung beabsichtigt die Verabschiedung eines »Nakba-Gesetzes«. Worum geht es darin?
Bronstein: Das Gesetz soll festlegen, dass in Israel alle Organisationen oder geförderten Institutionen, die das Gedenken an die Nakba am Tag der Unabhängigkeit Israels – dem 14. Mai – unterstützen oder an diesem Tag Aktionen veranstalten, finanziell belangt werden können. Wenn beispielsweise eine arabische Stadt in Israel eine Gedenkfeier an die Nakba organisiert oder zulässt, könnte sie dafür Strafe an den Staat zahlen müssen. Der Gesetzentwurf gehört zu einer ganzen Kampagne dieser Regierung, Angst und Furcht zu verbreiten, um die Untersuchung oder das Eingeständnis der Nakba zu verhindern. Man möchte das Thema in Israel lieber verborgen halten und nicht darüber diskutieren.

Der Gesetzentwurf ist in der Öffentlichkeit aber doch nicht widerspruchslos hingenommen worden?
Anfangs war sogar ein Gesetz beabsichtigt, das jedem, der an einer solchen Gedenkveranstaltung teilnimmt, Gefängnisstrafen androht. Das rief jedoch massive Proteste und Kritik hervor, sowohl unter israelischen Juden als auch unter Palästinensern, Viele – auch Zionisten, die sich zur Mitte zählen – hielten das für verrückt und sahen darin einen Widerspruch zu den Menschenrechten, zur Freiheit der Meinungsäußerung. Man kann das Gedenken an ein historisches Ereignis nicht per Gesetz verbieten, wenn es für den Einzelnen oder die Gemeinschaft wichtig ist.

Angesichts der Kritik hat die Regierung den Gesetzentwurf abgeschwächt. Jetzt heißt es, dass jede Organisation, die so etwas unterstützt, finanziell belangt werden kann. Das Ziel bleibt, Gedenkfeiern an die Nakba zu unterbinden.

Hat Ihre Organisation – Zochrot – solche Gedenkveranstaltungen organisiert?
Natürlich, von Anfang an haben wir hier in Tel Aviv – im Stadtzentrum und auf den Straßen – solche Veranstaltungen organisiert. Wir haben Poster aufgestellt oder an großen Gedenkfeiern teilgenommen, an denen sowohl Palästinenser als auch andere Israelis beteiligt waren. Für uns ist es sehr wichtig, das am israelischen Unabhängigkeitstag zu tun.

Zochrot ist doch aber eine unabhängige Organisation, die auf staatliche Zuwendungen nicht angewiesen ist?
Wir bekommen kein Geld vom israelischen Staat. Ich wünschte allerdings, wir bekämen welches, denn ich meine, der Staat müsste sich eigentlich an unseren Veranstaltungen und Projekten beteiligen. Ich sehe Zochrot als führende Organisation dieser Gesellschaft, die das Gedenken an die Nakba und die Verantwortung dafür wach hält. Ich wünsche mir, dass sich in nicht allzu ferner Zukunft auch der Staat und die Zivilgesellschaft an diesen Aktivitäten beteiligen.

Das bewusste Gesetz soll noch in diesem Jahr verabschiedet werden. Wird es in der Knesset durchkommen?
Ganz sicher. Es wird eine große Mehrheit geben.

Welche Parteien werden dagegenstimmen?
Die arabischen Parteien werden dagegen sein und wahrscheinlich auch Meretz, eine linkszionistische Partei. Einige ihrer Abgeordneten werden sich vermutlich enthalten. Und vielleicht werden auch einige wenige Abgeordnete der Arbeitspartei dagegenstimmen.

Die Nakba wird in den meisten Schulbüchern ausgeblendet, offenbar wissen auch die Lehrer nur wenig darüber.
Lehrer in Israel wissen sehr wenig über die Nakba, und selbst wenn sie etwas wissen, haben sie kaum Möglichkeiten, das im Unterricht weiterzugeben. Es geht nicht nur um die Kenntnis der Geschichte oder der Geografie der Nakba, es geht auch um die Stärke des Einzelnen, dieses Thema offen anzusprechen. Das ist nicht leicht. Wir arbeiten deshalb mit Lehrern, um ihnen die Fähigkeit zu vermitteln, dieses Thema zu behandeln.

Wie groß ist der Anteil der Lehrer, die an solchen Informationen interessiert sind?
Einen Prozentsatz anzugeben, wäre schwierig. Aber ich weiß, dass es Lehrer gibt, die daran interessiert sind. Schon vor der Gründung von Zochrot gab es Lehrer, die das Thema behandelten. Seither gibt es nun mehr Möglichkeiten, interessierte Lehrer mit Unterrichtsmaterial zu versorgen. Wir haben bisher 300 Unterrichtspakete verteilt, die wir für Lehrer und Hochschullehrer hergestellt haben.

Aber die Mehrheit ist weiterhin uninteressiert?
Die Mehrheit behandelt das Thema nicht. Manche sind vielleicht interessiert, fürchten sich aber, das Thema zu berühren. Andere haben davon gehört, sprechen aber nicht darüber.


Lexikon

NAKBA ist ein arabisches Wort und bedeutet so viel wie Katastrophe, Unglück. Im politischen Wortschatz der arabischen Welt wird damit das Verhängnis für die Palästinenser bezeichnet, dass es – entgegen einem entsprechenden UNO-Beschluss – auf dem Boden des vormaligen britischen Mandatsgebiets Palästina 1948 zwar zur Gründung eines israelischen, nicht aber eines palästinensischen Staates kam. Damit verbunden war die Vertreibung Hunderttausender Palästinenser – ein Zustand, der bis heute andauert. ND

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