Entscheidende 300 Gene

Manche Immunsysteme halten HIV in Schach

Sie brauchen keine Medikamente und erkranken trotzdem nicht an Aids: Bei etwa einem von 300 HIV-Infizierten bekommt die Körperabwehr das Immunschwäche-Virus in den Griff. Erstmals hat nun ein internationales Forscherteam jene Erbanlagen identifiziert, mit denen das Immunsystem den gefährlichen Erreger in Schach hält. Die in der Onlineausgabe des Fachjournals »Science« (DOI: 10.1126/science.1195271) veröffentlichte Entdeckung könnte den lange ersehnten Durchbruch bei der Suche nach neuen Therapien bedeuten.

Weltweit tragen mehr als 33 Millionen Menschen das HI-Virus, in Deutschland leben rund 67 000 Infizierte. Vor rund zwei Jahrzehnten bemerkten Mediziner, dass ein winziger Prozentsatz der HIV-Träger nicht an Aids erkrankt. Wie das bei diesen sogenannten Controllern funktioniert, war bislang eines der größten Rätseln der HIV-Forschung. Nun analysierten die Wissenschaftler um Florencia Pereyra von der Harvard University (USA) das Erbgut von fast 1000 Controllern sowie von 2600 anderen HIV-Patienten. Beim Vergleich des Erbguts stießen die Forscher auf gut 300 auffällige Genvarianten. Diese Erbanlagen ermöglichen es dem Immunsystem offenbar, jene Zellen zu erkennen, die von dem Erreger befallen sind.

Sämtliche Erbanlagen liegen auf einem Abschnitt des Chromosoms 6, das die sogenannte HLA-Gene (Human Leukocyte Antigen) beherbergt. Die HLA-Proteine sorgen dafür, dass die Körperabwehr Eindringlinge erkennt. Für die Kontrolle des HI-Virus besonders wichtig sind die Areale für sechs Aminosäuren, die am Protein HLA-B beteiligt sind. Das HLA-B-Eiweiß bringt Bestandteile des Erregers auf die Zelloberfläche, wo sie der Körperabwehr präsentiert werden.

»Die Aminosäure an der Bindestelle von HLA-B beeinflusst seine Form und Struktur und sorgt wahrscheinlich dafür, dass manche Peptide wirksam präsentiert werden und andere nicht«, erläutert Mitautor Paul de Bakker. Und sein Kollege Bruce Walker ergänzt: »Von den drei Milliarden Bausteinen im menschlichen Genom sorgen nur eine Handvoll für den Unterschied zwischen den Menschen, die trotz einer HIV-Infektion gesund bleiben, und jenen, die ohne Behandlung an Aids erkranken. Wir haben noch einen weiten Weg vor uns, daraus eine Therapie für Patienten und eine Schutzimpfung zu entwickeln«, sagt der Forscher. »Aber wir sind jetzt einen bedeutenden Schritt weiter.«

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