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»Ach, der Gangolf mit seinem Baohof«

Der Stuttgarter Kunstmaler Gangolf Stocker führt ein politisch bewegtes Leben

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Gangolf Stocker gehört zu den bekanntesten Kritikern von Stuttgart 21. Von Anfang an nahm er das Projekt, den Kopfbahnhof als Durchgangsbahnhof unter die Erde zu verlegen, unter die Lupe. Der 66-Jährige lernte Vermessungstechniker, studierte ein paar Semester Kunst, war 23 Jahre lang Sachbearbeiter beim Thieme-Verlag in Stuttgart und dort 13 Jahre lang Betriebsratsvorsitzender. Danach wurde Stocker freiberuflicher Kunstmaler. Er war sein Leben lang politisch aktiv, auch in diversen Parteien: Erst SPD, dann DKP, dann PDS. Heute sitzt er für die von ihm mitgegründete Liste »Stuttgart Ökologisch Sozial« (SÖS) im Stuttgarter Gemeinderat. Barbara Martin sprach im SÖS-Büro des Stuttgarter Rathauses mit Gangolf Stocker über Stuttgart 21 und sein politisches Engagement.

ND: Herr Stocker, machen die Schlichtungssitzungen Spaß?
Stocker: Nee. (Sein SÖS-Kollege Hannes Rockenbauch ruft von hinten: »Mir schon.«)

Glauben Sie, dass sich so etwas wie diese Schlichtung konstituieren lässt für andere Konflikte?
Da wird das Ergebnis maßgebend sein. Im Ansatz war es völlig richtig, dass man so etwas völlig Neues versucht. Deswegen machen wir ja auch mit. Kritisch ist, dass der Herr Grube, der Bahnchef, da immer heftig rein funkt. Ich nehme an, die Betonteile, die da eingebaut werden, dass die auf Anweisung von Grube und Azer gebaut werden, dass die durchaus die Schlichtung verhindern wollen. Kann ich mir gut vorstellen. Der Grube ist so einer.

Welche Rolle spielt Ministerpräsident Stefan Mappus bei dieser Schlichtung?
Mappus hat ein Problem mit Grube. Mappus darf die Wahl nicht verlieren. Aber er wird sie hochgradig verlieren, wenn es so weitergeht. Grube will zeigen, dass er der harte Hund ist. Die Landtagswahl von Mappus ist ihm scheißegal.

Kommen wir zu Ihrer politischen Vita. Sie sind aus mehreren Parteien ausgetreten – was hat Ihnen da nicht gepasst?
Die SPD habe ich damals verlassen als der Wechsel von Willy Brandt zu Helmut Schmidt war. Da gab's ja noch eine ganz andere SPD. Weil man Bodenspekulation verurteilte, sollte der Maklerberuf verboten werden. Als Helmut Schmidt daraufhin gesagt hat, Parteitagsbeschlüsse interessieren ihn nicht, er ist der Kanzler, habe ich gesagt, dann interessiert mich auch die SPD nicht mehr und bin da raus. Nach einer gewissen Enthaltsamkeit bin ich in der DKP gelandet. Man hat da unheimlich viel gelernt. Und man hatte Geld. Ich kenne den Rentner, der alle zwei Wochen rüber gefahren ist. Man konnte Säle anmieten, hat ein Büro eingerichtet, Personal beschäftigt.

Aber auch da sind Sie raus...
Das war eine Kirche. Das merkt man aber erst, wenn man raus ist oder einen ein gewisses Unwohlsein befällt. Spätestens nach 1989 war klar, es muss sich was ändern. Wir haben damals darauf gedrängt, dass der Kreisverband Stuttgart eine Pause einlegt und darüber nachdenkt, was stimmt denn noch von dem, was wir angenommen haben und was war falsch. Das hat den Kreisverband aber nicht interessiert.

Was haben Sie da gemacht?
Es hatte sich eine Gruppe von sechs bis acht Leuten gebildet von Noch-DKP-Mitgliedern, Nicht-mehr-DKP-Mitgliedern und PDS-Mitgliedern, die sich alle 14 Tage zum Diskutieren getroffen hat. Nach zwei Jahre haben wir uns aufgelöst und jeder hatte sein Bedürfnis nach Antworten befriedigt. Darauf war ich richtig stolz. Im Laufe dieser Gespräche bin ich aus der DKP ausgetreten.

Und nach einiger Zeit in die PDS gegangen. Was hat Sie da gereizt?
Man war in einer Experimentierphase, die verschiedenen Arbeitsgemeinschaften, von den Schwulen über die kommunistische AG bis zur ökologischen Plattform. Aber was in Stuttgart lief, war nicht sehr fruchtbar. Dann habe ich gesagt: Leute wir müssen uns um Stuttgart 21 kümmern und das Ergebnis war: »Ach der mit seinem Boahof«. Wir hatten danach noch zwei Versuche gemacht, über Bürgerinitiativen ins Kommunalparlament zu kommen. Beim ersten Versuch »Parteilos glücklich« hat die PDS noch akzeptiert, dass ich Spitzenkandidat war. Beim zweiten Versuch mit »Stuttgart Ökologisch Sozial«, SÖS, gab's Riesenärger, der dann dazu geführt hat, dass ich gesagt habe: Rutscht mir den Buckel runter.

Inzwischen hat SÖS drei Stadträte. Wie läuft die Arbeit ab?
Das ist wunderbar. Wir haben keine Mitglieder, wir haben keinen Vorstand, wir haben gar nix. In der Regel kommen so 30 Leute zur SÖS-Sitzung. Da wird diskutiert, auch kritisiert, aber das läuft in einem ganz freundschaftlichen, netten Verhältnis. Das ist animierend und spannend. So stelle ich mir politische Arbeit vor.

SÖS arbeitet in Fraktionsgemeinschaft mit der LINKEN. Gibt es da Schwierigkeiten?
Die gab es am Anfang. Wir haben unsere unterschiedliche Positionen ausgefochten, das ist jetzt überwunden. Man arbeitet zusammen, hat zwar nicht den gleichen Stil, aber es geht.

Sie sind auch Kunstmaler...
Seit über einem Jahr habe ich nicht mehr gemalt! Das ist eine Katastrophe!

Wann werden Sie wieder zum Pinsel greifen?
Das hängt von diesem Stuttgart 21 ab. Ich würde ja gerne mal wieder was anderes machen, als Stuttgart 21 verhindern zu müssen. Aber wir kommen dem Punkt immer näher, wo wir wissen, wir haben verloren oder gewonnen.

Wann kommt der?
Boah – bei der Landtagswahl, sag ich mal.

Es gibt Gerüchte, es könnte früher etwas geschehen ...
Ja, ich könnte mir auch vorstellen, dass Heiner Geißler, nach der Schlichtung sagt: Jetzt haben wir alle Fakten gehört, jetzt kann das Volk entscheiden. Mach ein neues Gesetz über Volksentscheid, liebe CDU. Vielleicht reden die jetzt schon darüber. Dann wäre der Zeitpunkt relativ nah. Dann wird der Grube wahrscheinlich im Höchsttempo weiterbauen. Aber das geht nicht, dann muss die Bundesregierung eingreifen. Es sei denn, die Bundesregierung fährt einen Konfrontationskurs gegenüber der Landes-CDU. Dass der Mappus sagt, okay wir machen einen Volksentscheid und die Merkel gibt dem Grube grünes Licht dafür, dass er möglichst alles vergibt, was zu vergeben ist. Nach dem Motto: Sollen die Grünen doch gucken, wie sie mit dem Projekt dann weiterkommen.

Sollte es zu einer Volksabstimmung kommen, wäre die sicherlich landesweit. Glauben Sie, dass die Gegner das gewinnen können? Auf dem Land ist das Thema den Leuten relativ egal.
Die Umfragen dazu sind unterschiedlich. Uns ist klar, falls es dazu kommt, wird das eine knappe Geschichte. Wir haben nicht die Millionen für die Werbung. Ich kann nur sagen: Vor drei oder vier Jahren hätte man auf dem Land nicht mal gewusst, was Stuttgart 21 ist. Mittlerweile weiß man es. Keine Details, aber man weiß: Die vergraben für unheimlich viel Geld ihren Bahnhof und bei uns in der Schule bröckelt die Decke. Wenn ich dann noch gucke, wie die Medien arbeiten, dann kann ich spätestens seit dem 30. September den Rückschluss ziehen, dass es zu kippen beginnt auf dem Land. Deswegen macht die CDU jetzt auch landesweit Kampagnen. Das ändert aber nichts.

Ihr Tipp für die Landtagswahl?
Es gibt zum ersten Mal die Chance, dass eine CDU, die seit Kriegsende an der Regierung ist und dicke Seilschaften gebildet hat, plötzlich nicht mehr an der Regierung ist. Das empfindet die Partei als unverzeihlich. Irgendwann zerreißt es die Partei, so wie es die SPD zerrissen hat. Es ist nur eine Frage der Zeit. Ich hoffe, dass die LINKE reinkommt. Das ist absolut notwendig. Es wird nicht zu einer Einbeziehung der LINKEN in eine Regierung kommen, das ist hier in Baden-Württemberg einfach noch nicht denkbar. Und zu guter Letzt darf ich die kleine Hoffnung äußern, dass die FDP rausfliegt – mit 4,95 Prozent. Ich nehme an, in der SPD rollen wahrscheinlich ein paar Köpfe. Bei der Landes-SPD kann ich mir schon vorstellen, dass sich da was ändert. Die Grünen werden sehr gut abschneiden und danach wird das wieder runtergehen.

Regiert in Baden-Württemberg nach der Wahl Grün-Rot oder Schwarz-Rot?
So wie es jetzt läuft, muss die SPD sich doch als die Opposition pur hinstellen. Aber, na gut, in der Politik haste schon alles erlebt.

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