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Ein neuer Anfang

Der Widerstand ungarischer Zionistinnen gegen die Nazis ist bisher kaum bekannt

  • Von Ingrid Heinisch
  • Lesedauer: 7 Min.
Beim Gedenken für die Opfer der Judenverfolgung zu Jahrestagen der Pogromnacht und anderen Anlässen spielt ein Kapitel der Geschichte kaum eine Rolle: der Widerstand von Zionistinnen gegen die Nazis in Ungarn. Eine ungarische Historikerin hat ihre Schicksale aufgeschrieben.
Ein neuer Anfang

Warum ich? Ich hab doch überhaupt nichts Interessantes zu erzählen. Das war die Reaktion ungarischer Jüdinnen, als sie nach ihren Erlebnissen befragt wurden. Sie waren jung, als sie den Holocaust überlebten, und sie waren im Widerstand – einem Widerstand, von dem die meisten glauben, er habe unter ungarischen Juden gar nicht existiert. Sie haben einen unglaublichen Weg nach Israel hinter sich, sie haben diesen Staat mit aufgebaut, sie stehen in der Kibbuzbewegung für deren ursprünglichen Ideale. Niemand hat sich je für ihre Geschichte interessiert, nicht einmal ihre Kinder. Bis Katalin Pecsi vom Budapester Holocaust Gedenkzentrum kam und fragte.

Katalin Pecsi trug die Geschichten ungarischer Jüdinnen zusammen. Diejenigen, denen die Flucht nach Palästina gelang, bauten sich im Kibbuz ein neues Leben auf (oben).
Katalin Pecsi trug die Geschichten ungarischer Jüdinnen zusammen. Diejenigen, denen die Flucht nach Palästina gelang, bauten sich im Kibbuz ein neues Leben auf (oben).

Der Weg zu diesem Projekt, das in Kooperation mit der Gedenkstätte Deutscher Widerstand und dem Internationalen Auschwitz Komitee entstand, war lang. Alles begann mit der Idee von Katalin Pecsi, mit ihrer jüdischen Frauengruppe Geschichten zu sammeln, die den weiblichen Blickwinkel auf die Verfolgung der ungarischen Juden herausstellen sollten. Es ging nicht um große Geschichtsschreibung, sondern um Erzählungen aus dem Alltag. Die Resonanz in Ungarn war ungeheuer. Das Buch »Salziger Kaffee – unerzählte Geschichten jüdischer Frauen« wurde auch ins Deutsche übersetzt und in der Gedenkstätte Deutscher Widerstand präsentiert.

Hier entstand die Idee weiter zu machen. »Mir wurde klar, dass eine Gruppe in dem Buch fehlte: die Gruppe der ungarischen Zionistinnen«, sagt Katalin Pecsi. »Das hatte mehrere Gründe. Die meisten von ihnen waren vor oder nach der Gründung Israels ausgewandert. Das Thema Zionismus war ein totales Tabu in der Zeit des Kommunismus. Obwohl die meisten dieser Zionisten links waren, galten sie als Imperialisten und als Staatsfeind Nummer eins.«

Katalin Pecsi war in diesem Sommer mit ihrem kleinen Team vier Wochen in Israel; sie fuhren von der libanesischen Grenze bis zum Gazastreifen und führten über 50 Interviews. Die meisten der Frauen lebten noch immer in dem Kibbuz, den sie vor etlichen Jahren mitgegründet hatten. Fast alle sagten, sie hätten kaum etwas zu berichten, nur ein paar Sätze – und dann redeten sie Stunde um Stunde. Für viele war es das erste Mal, dass sie ihre Geschichten berichteten. In Israel hatte sich niemand dafür interessiert. Für nicht wenige von ihnen war es ein langer Weg, bis sie nach Palästina bzw. Israel gelangten. Oft dauerte es Jahre, bis sie es endlich geschafft hatten, die Hindernisse zu überwinden, die ihnen zuerst die Deutschen und später die Briten in den Weg gestellt hatten. Und als sie es endlich geschafft hatten, fragte man sie höchstens: Warum habt ihr euch nicht gewehrt wie die Juden im Warschauer Ghetto?

»Das war unfair«, meint Katalin Pecsi, »selbst ihre eigenen Kinder schämten sich ein bisschen für sie, weil sie ja nur ungarische Juden waren. Und die allgemein herrschende Meinung war nun einmal, dass es in Ungarn keinen jüdischen Widerstand gegeben habe.«

Über das Glashaus in die Freiheit

Die Darstellung des Holocausts der ungarischen Juden ist bis heute geprägt durch das Bild von Menschen, die sich widerstandslos in die Gaskammern führen ließen. Doch das stimmt nicht. Es gab Widerstand, der wesentlich von den ungarischen Zionisten getragen wurde. Das waren sehr junge Menschen. Die Älteren aus der zionistischen Bewegung waren schon ausgewandert oder in den Arbeits- oder Konzentrationslagern der Faschisten verschleppt.

Ein Schweizer Attaché in Budapest, Karl Lutz, beschloss damals, den ungarischen Juden zu helfen: Er gab ihnen Dokumente, die bescheinigten, dass sie Schweizer Juden auf dem Weg nach Palästina seien. Über 6000 Juden hat er so gerettet. 3000 von ihnen im sogenannten Glashaus, einer ehemaligen Glasfabrik, die der Widerstandsaktion ihren Namen gab. Wesentlichen Anteil daran hatte der zionistische Jugendbund Hechalutz. Dessen Leute besorgten unter enormen Gefahren gefälschte Papiere und Blankodokumente.

Außerdem kümmerten sich die jungen Juden um die vielen jüdischen Waisen, die nach der Deportation ihrer Eltern zurückgeblieben waren. Sie mussten Häuser für sie finden, von denen Attaché Karl Lutz dann erklärte, es handele sich um Waisenhäuser jüdischer Kinder aus der Schweiz. Die jungen Leute organisierten Nahrungsmittel, brachten den Kindern Hebräisch und Mathematik bei. Sie diskutierten mit ihnen über den Sozialismus und bereiteten sie auf ihr künftiges Leben in Palästina vor.

Katalin Pecsi war erstaunt, als sie zuerst nur wenige Frauen in der Glashausbewegung fand. Aber dann verstand sie, dass die Frauen den wesentlich gefährlicheren Teil im zionistischen Widerstand übernommen hatten. Für die Männer war es sicherer, in den Häusern zu bleiben; bei einer Leibesvisitation hätte man sie leicht als Juden erkennen können, weil sie beschnitten waren. So blieb es Aufgabe der Frauen, durchs Land zu reisen, in die Ghettos, um Juden mit falschen Papieren zu versorgen, sie nach Budapest zu bringen und ihre ihre Flucht zu ermöglichen.

Das ist einer der Gründe, warum das Internationale Auschwitz Komitee und die Gedenkstätte Deutscher Widerstand das Projekt von Katalin Pecsi unterstützen. Zum einen gibt sie Menschen eine Stimme, bevor es zu spät ist. Zum anderen, so Christoph Heubner, Vizepräsident des Internationalen Auschwitz-Komitees, verdeutlichten diese Geschichten, dass man eine Wahl habe und sich für etwas entscheiden könne. »Menschen zu zeigen, wofür man sich entscheiden kann und nicht immer nur wogegen, dazu dienen dieses Projekt und die gemeinsame Arbeit.«

Oft haben die jungen ungarischen Juden ihre Schützlinge bis nach Palästina begleitet und wurden oder blieben im Kibbuz ihre Betreuer und Lehrer. Diese erste Zeit in Israel war extrem schwer. Die meisten kamen in den Norden; das Klima dort ist hart, der Boden steinig, und ständig drohten arabische Angriffe.

Nach zwei Jahren Aufenthalt im ersten Kibbuz durften sie ihn verlassen und einen eigenen gründen. Besonders interessant findet Katalin Pecsi die Tatsache, dass »die meisten dieser Kibbuzes mental schon in Ungarn gegründet worden waren. Sie hatten schon einen Namen, ihre Regeln, ihre Philosophie.«

Viele der Frauen, die Katalin Pecsi interviewt hat, leben noch in dem Kibbuz, den sie damals mitbegründet haben. Sie sind emanzipiert; etliche haben nicht geheiratet, obwohl sie einen festen Partner haben, aber eine Hochzeit war ihnen zu bürgerlich. Freilich, so radikal sind nicht alle. »Wenn zu viele Frauen schwanger waren, gab es manchmal eine Gruppenhochzeit im Kibbuz. Und wenn eine der Frauen schon hochschwanger war, dann vertrat ein Double sie bei der Hochzeit. Es konnte vorkommen, dass der Rabbi fragte: Hab ich dich nicht schon einmal getraut? Und sie sagte dann: Nein, ich heirate zum ersten Mal.«

Katalin Pecsi war beeindruckt, wie gut es ihren Interviewpartnerinnen sowohl körperlich wie auch mental trotz ihres hohen Alters zwischen 80 und 90 geht – und das, obwohl viele von ihnen das Ghetto und Auschwitz erlitten und dort oft die ganze Familie verloren hatten. Sie erklärt es sich so: »Sie alle haben ein erfülltes Leben geführt. Der Holocaust war trotz all seiner Schrecken nur eine Episode in ihrem Leben. Er war eingerahmt in eine größere Geschichte, weil sie Juden sind und ihr jüdisches Leben selbstbestimmt führen.«

Die Frauen sind stolz auf ihr Leben

Das Leben im Kibbuz hat sich in den letzten zehn Jahren sehr verändert, manche ursprüngliche Idee wurde aufgegeben. Das gefällt diesen Frauen nicht. Vieles wurde privatisiert, Fremde konnten sich in den Kibbuz einkaufen. Oft sind die Restaurants geschlossen, weil sie nicht rentabel arbeiteten, so dass die Frauen im hohen Alter noch Kochen lernen mussten.

Ihre Kinder haben den Kibbuz verlassen, den meisten von ihnen gefiel die ursprüngliche Idee nicht, dass die Kinder nur stundenweise bei den Eltern blieben. Auch mit der gegenwärtigen israelischen Politik sind viele mehr als unzufrieden. Und dennoch: Wenn Katalin Pecsi am Ende jedes Interviews fragte, was die Frauen anders machen würden, wenn sie ihr Leben noch einmal leben könnten, dann lautete die Antwort stets: nichts. Sie hätten alles wieder genauso gemacht. »Sie waren stolz auf ihr Leben, denn sie hatten ihr Land aufgebaut.«

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