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Revue der Untergeher

Katharina Thalbach inszeniert »Im Dickicht der Städte«

Gewalttätiger geht es kaum. Brechts Bekenntnis zum »Dickicht der Städte« ist ein Hohelied der Anarchie. Ein spätexpressionistischer Albtraum, wie ihn nur träumt, wer jung und kraftvoll genug ist, die auf ihn einstürzenden Bilder auch auszuhalten. Die Geschichte vom Holzhändler Shlink und George Garga, einem Intellektuellen ohne Bedeutung, der Bücher in einer Leihbibliothek hütet, ist die eines Duells. Geld gegen Geist. Ein Kampf, der bis heute nicht entschieden ist und beim jungen Brecht mit aller physischen Härte geführt wird.

Es ist wie beim Boxen: einer muss zu Boden gehen – und das Geld ist es sicherlich nicht. Die Geschichte hat noch eine böse Pointe, denn es ist ein Selbstmörderstück: der Holzhändler zelebriert seinen Untergang auf opulente Weise. Das ist moderner Barock, in dem die Fäulnis poetische Blasen treibt, die bunt im Labyrinth der Großstadt funkeln. Tatsächlich ähnelt die nun tatsächlich einem Dschungel aus Glas, Stahl, Beton und künstlichem Licht. Die Geschwindigkeit der Geschäfte, die Gewalt mit der man sein Gegenüber attackiert, all das hat einen hektischen Puls und einen archaisch heißen Atem.

»Im Dickicht der Städte«, erstmals 1923 von Erich Engel uraufgeführt, ist ein herrlich unordentliches Stück, in dem das dramatische Kraftgenie Brecht den Zuschauern mit einer Sprache ins Gesicht schlägt, die tatsächlich wie starke Boxhiebe wirken. Von Lehrstück hier noch weit und breit keine Spur – und doch sind alle wesentlichen Elemente seines Theaters bereits da. Welch kühler Beobachterblick auf das hochkochende Geschehen! Wie ein unbeteiligter Chronist gibt er Bericht über den Punktestand in diesem Kampf. Ein Messen des Testosteronspiegels. Einer von ihnen ist so schlecht wie der andere; Moral kommt nicht vor, oder nur als etwas, das ebenso geschäftig lügt wie alle andere Worte, die Zwecken folgen.

Katharina Thalbach hat dieses Chaos »Im Dickicht der Städte« am Berliner Ensemble inszeniert. Man durfte skeptisch sein, denn ihre Arbeiten der letzten Jahren schienen mir oft allzu gefällig am Publikumsgeschmack orientiert, siedelten fatal nah an jenem Boulevard, den sie vielleicht missverständlicherweise für Volkstheater hielt. Doch hier ist alles ganz anders als befürchtet und erinnert mich an ihre furiose Inszenierung von John Fords »Schade, dass sie eine Hure ist« 1999 am Gorki-Theater. Ein wenig bekanntes Apokryph des altenglischen Theaters voller Inzest, Mord und Gewalt. Sehr ähnlich diesem »Dickicht der Städte», das ja auch eine Art Apokryph im Werk Brechts ist, in dem es ebenfalls um die Zersetzung einer Ordnung geht. Wo ist die Nachtblende, die das ins passende Licht zu bringen vermag?

Um es gleich zu sagen: es ist ein furioser Abend! Konzentriert wie lange nicht erarbeitet Katharina Thalbach mit einem herausragenden Ensemble ein Porträt des Moloch. Die Ästhetik des Stummfilms, ein hektisches Flackern von Bildschnipseln, untermalt mit Sabin Tambreas Toncollagen, täuschen keine Ordnung vor, bringen jedoch das Chaos, das Brecht hier als intensivsten Lebensausdruck feiert, in einen Rhythmus, der das Panoptikum in Betrieb hält. Die Thalbach greift dabei auf ein bevorzugtes Mittel ihres Vaters Benno Besson zurück: jeder der Schauspieler trägt eine Maske. Ein sinnreiches Mittel, die Uniformität in all der wildwüchsigen Individualisierungshysterie zu zeigen, oder wie Brecht sagt, er mache keine Gesichter, sondern Gesichte.

Erstes Bild: der Holzhändler Shlink will George Garga die Ansichten zu einem Buch abkaufen. Der Streit führt zur Entlassung Gargas, der nun jedoch den Holzhandel überlassen bekommt. Das perfide Experiment eines Todgeweihten. Und tatsächlich verwickelt sich Garga im weiteren schnell in schmutzige Geschäfte, kommt ins Gefängnis, rächt sich aber an Shlink, einem Malaien, indem er ihn der Sexualverbrechen bezichtigt, was zu einem Pogrom führt, dem sich Shlink durch Selbstmord entzieht. Oben über der Bühne laufen die Kapitelüberschriften mit, grelle Schlagworte, Leuchtreklame zum fortgesetzten Exzess. Es ist wie im Musical »Chicago«, das nicht wenige Anleihen bei Brecht macht: Gangsterromantik fast schon in Comic-Manier, Cowboys der Großstadt, eine Revue der Untergeher, Totentanz einer Zeit, in der Geld und Geist nicht mehr unterscheidbar scheinen. All das sehen wir hier, großartig durchchoreografiert.

Gustav Peter Wöhler als Shlink und Sabin Trambea als George Garga repräsentieren auf hinreißende Weise zwei Welten, die nichts miteinander anfangen und doch nicht voneinander lassen können. Sie sind sich ähnlicher als es sich der in seinen besitzlosen Stolz verstrickte Intellektuelle Garga anfangs eingestehen will. Dabei ist es gar nicht schwer, ihn in seinem Hochmut zu Fall zu bringen! Brecht benennt den lapidaren Punkt: »Schriftsteller rächen sich am Leben durch ein Buch. Das Leben rächt sich dadurch, dass es anders ist.« Nein, das moderne Leben scheint gar nicht so sehr viel anders geworden zu sein als es Brecht 1921 ausmalt. Und was einst unter dem Verdacht stand, Trash zu sein, das wirkt heute bereits wie ein moderner Klassiker. Herausragend Judith Strößenreuter als Gargas Schwester Marie. Wie sie den langsamen Abstieg eines auf simple Weise guten Naturkindes in ein dekadentes Stück Kultur zeigt, das ist schier hoffnungslos.

Thalbachs Inszenierung von »Im Dickicht der Städte« überzeugt überdies in einem entscheidenden Aspekt: sie nimmt Brechts unheimliche Freude an der Frechheit, sein bösartig-übermütiges Spiel auf, mit dem er die Anonymisierung der modernen Welt bebildert. Seinen Ekel vor Massengesellschaft und Welterlösungsideologie hat er 1921 in einem Brief an Marianne Zoff ausgesprochen: »Wie alles überschwemmt ist mit Mitmenschen! Diese klebrigen Viecher, feucht-fröhlich, gutmütig, froschfingerig und ernsthaft.« Ja, die Junggenies aller Zeiten, sie haben etwas, das sie dann leider verlieren, sobald sie sich etablieren: viel zu viel Kraft inmitten all der falschen Kraftgebärden.

Nächste Vorstellung: 18. November

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