Werbung

Boris, der Bär, will nicht den Affen spielen

Slowakei: In der Hohen Tatra hat sich das Projekt Medved ganz Meister Petz verschrieben

  • Von Alexander Richter
  • Lesedauer: 6 Min.

Bei uns droht die ABOkalypse!

Wir brauchen zahlende Digitalleser/innen.

Unterstütze uns und überlasse die Informationsflanke nicht den Rechten!

Mach mit! Dein freiwilliger, regelmäßiger Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

Meister Petz legt sich lieber auf die faule Haut, als eine Touristenattraktion zu sein.
Meister Petz legt sich lieber auf die faule Haut, als eine Touristenattraktion zu sein.

Unabhängig ist dieses Land erst seit 1993. Zudem jüngstes Euro-Mitglied. Dazu das östlichste Hochgebirge und viel Natur. Die Slowakei kann durchaus noch als Geheimtipp für preisgünstiges Reisen abseits massentouristischer Trampelpfade durchgehen. Unterwegs begegnet man durchaus auch schon mal Braunbären.

*

Bär Boris weiß, was Bären wollen. Der mächtige Braune denkt nicht im Traum daran, für die Touristen unten im Tal den Affen zu spielen. Da wird er nur mit Teleobjektiven abgeschossen, muss knurren und Männchen machen und darf sich, oh Graus, geschmetterte Volks- und Wanderlieder anhören. Und zudem ist es ihm viel zu warm da unten. Da bleibt er lieber mit Bärin Maria in der Höhe der Tatra-Berge, frisst Gras und Beeren und freut sich auf den Herbst. Wenn der Sommer gegangen ist, sind die rund 100 freilebenden Bären im Nationalpark Hohe Tatra wieder weitgehend unter sich und durchwühlen auf Nahrungssuche auch schon mal die Müllcontainer der Hotels in Strbske Pleso auf 1355 Meter Höhe.

Die ziemlich ungezähmte Natur ist die große Chance der kleinen Slowakei, auf der touristischen Landkarte Europas Spuren zu hinterlassen. Das haben – anders als die Regierung, die anscheinend auf mehr Skilifte, Hotels und Annehmlichkeiten für den breiten Geschmack setzt – Männer wie der Brite Graham Bishop (34) und sein Team im kleinen Städtchen Poprad erkannt und das Projekt Medved ins Leben gerufen. Medved ist slowakisch und heißt Bär. Tierbeobachtungen über ein oder mehrere Tage und Touren in die wilde Natur der Ostslowakei sind ihre Leidenschaft, an der Touristen teilnehmen können. »Meet the Bear« ist dabei nicht wörtlich zu nehmen – »eine Bärengarantie können wir natürlich nicht geben«, sagt Graham und lacht. »Die haben halt wie Boris ihren eigenen Kopf.« Wölfe, Luchse, Mufflons, Wildschweine, Rotwild sind da am Ende auch nicht viel zutraulicher.

Wir machen die Probe aufs Exempel und gehen auf Pirsch. Morgens um sechs Uhr, es ist noch ziemlich dunkel. Graham marschiert vorweg, wir trotten hinterher. Wir sehen kahle Bäume, an denen die Borkenkäfer ihr zerstörerisches Werk hinterlassen haben, treffen einige Wanderer und beobachten ein junges Reh am Waldesrand – von Bären keine Spur. Graham ist ein cleverer Geschäftsmann: »Bei unseren Dreitagestouren liegt die Chance auf einen Bärentreff bei über 50 Prozent.« Glück gehört trotzdem dazu, und wir sind am Ende doch froh, die Verhaltens-Spielregeln für den Bärenbesuch (ein Lied singen, laut grölen oder ein Glöckchen läuten) nicht in der Praxis ausprobieren zu müssen. Bei meinen Sangeskünsten wäre der Bär wahrscheinlich direkt tot umgefallen ...

*

Jenseits der Fauna ist die gebirgige Region der Ostslowakei mit der kleinen und hohen Tatra im großen Karpatenbogen ein Wander-Dorado: gut ausgeschilderte Wege, ordentliche Karten, zahlreiche Hütten und Gasthäuser. Vor allem an den Wochenenden ist hier, wenn die Sonne scheint, schwer was los – die Tatra ist die beliebteste Ferienregion im ganzen Land. Was viele Ostdeutsche seit 50 Jahren wissen – die Zweieinhalbtausender an der Grenze zu Polen waren für sie ein schönes Alpinerlebnis im kleinsten Hochgebirge Europas. Spannend ist eine Tour auf die Lomnitzspitze, mit 2634 die zweithöchste Erhebung des Landes. Die Seilbahn auf den Gipfel hat 70 Jahre auf dem Buckel, das Kartenkontingent pro Tag (Returnticket für 32 Euro pro Person) ist begrenzt und in der Hochsaison ab Mittag oft ausverkauft. Gelegentlich fällt die Bahn auch schon mal für einige Stunden aus – technische Probleme. Ernsthaft passiert ist zwar noch nie was, aber so ein Zwangsstopp auf der Zwischenstation ist alles andere als ein Vergnügen.

Auf dem kleinen Gipfelplateau, auf dem man sich maximal 50 Minuten aufhalten darf, türmen sich die Berge der Tatra über den Wolken zum Greifen nah in die Höhe. Neu ist ein Mini-Skywalk, für den man – anders als am Grand Canyon in Arizona – nur eine Mini-Prise Mut braucht. Auch da kann das nette Cafe Dedo mit einem hochprozentigen Gipfeltrunk helfen …

Hauptsaison in der Tatra ist der schneesichere Winter mit ansprechenden, aber nicht zu schwierigen Abfahrten. Die Preise für die Skipässe sind noch ziemlich zivil – in der Park Snow Region um Strbske Pleso, der höchst gelegenen Gemeinde der Slowakei, sowie im sogenannten TMR-Gebiet an der Lomnitzspitze, zahlen Erwachsene 18 Euro pro Tag, Kinder 13 Euro. In vielen kleinen und sehr ordentlichen Pensionen der Umgebung lässt es sich mit ein wenig Glück ganz günstig wohnen (ab 30 Euro pro DZ). Wer’s luxuriöser will, bucht die Nr. 1 der Region, das von außen an ein Märchenschloss erinnernde Kempinski High Tatras oder wohnt ganz romantisch im prächtig restaurierten Herrenhaus der Burgruine von Liptovsky Hradok. In die einst bruchfällige Anlage aus dem 14. Jahrhundert hat sich die Unternehmerin Dagmar Machova 2001 verliebt, ihre Fabrik verkauft und viel privates Geld in die Sanierung gesteckt und erfüllte sich als »Burgfrau« einen Kindheitstraum.

Touristisch präsentiert sich die Slowakei als »Land auf dem Sprung«: Vieles entsteht neu, die schlimmsten Bausünden sind bereits verschwunden. An vielen Orten werden neue Hotels, Supermärkte, Freizeitstätten errichtet. Auch Luxus-Ketten wie Sheraton und Kempinski haben früh ihr 5- Sterne-Terrain abgesteckt und hoffen auf zahlungskräftige Gäste. Noch freilich, so scheint’s angesichts oftmals leerer Hotelhallen, wollen Luxus und Slowakei nicht wirklich zueinander passen. »Das wird sich schon bald ändern«, glauben Insider.

*

Bär Boris ist das alles ziemlich egal. Auch wenn er jüngst am Bahnhof der Zahnradbahn in Strbske Pleso gesehen wurde, wie Wandererin Miriam aus Wien berichtet. Die junge Frau hatte gerade mit einer Gruppe eine Bär-Beobachtungstour ziemlich erfolglos beendet. Dann, als die Leute zurückfahren wollten, passierte es. Der Bär besuchte den Bahnhof. Ob’s wirklich Boris war oder einer seiner Kumpel bleibt ein Bärengeheimnis. Und schnell war zudem seine Stippvisite wieder beendet – als der Zug einfuhr, trollte sich Boris zurück in die Hohe Tatra.

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!