Das fremde Ich

Von Gefühlsblindheit sind überwiegend Männer betroffen

Das eigene Innenleben bleibt ihnen fremd: Zehn Prozent der Bundesbürger sind Studien zufolge gefühlsblind, Männer häufiger als Frauen. Betroffene können gesundheitliche Probleme bekommen.

»Diesen Menschen fällt es schwer, ihre Gefühle wahrzunehmen, zu beschreiben und zu interpretieren«, erläutert Henrik Kessler von der Universitätsklinik Bonn. Zwar ist die sogenannte Alexithymie selbst keine Krankheit, wie der Facharzt für Psychotherapie betont. Auffällig oft entwickeln diese Menschen somatoforme Störungen – also körperliche Beschwerden ohne organische Ursache.

»Gravierende Probleme verursacht die Alexithymie oft erst im mittleren Lebensalter«, sagt der Mediziner Matthias Franz von der Universitätsklinik Düsseldorf, »wenn es darum geht, vertrauensvolle Abhängigkeitsbeziehungen aufzubauen und eine Familie zu gründen.« Während es im Beruf mitunter gut läuft, scheitern die Betroffenen meist in der Partnerschaft und leben auffällig oft allein.

Diese Entwicklung kann auf die Gesundheit schlagen. »Emotionale Kommunikation ist ein Schlüsselfaktor zur Regulation von Stress und zwischenmenschlichen Konflikten«, erläutert Franz. Ohne dieses Ventil sind Menschen deutlich anfälliger für Depression oder Angststörungen. Und weil Alexithymiker ihre körperlichen Reaktionen auf Gefühle zwar durchaus spüren, aber nicht zuordnen können, deuten sie diffuse somatische Regungen oft als Zeichen von Krankheit. Pulsrasen interpretieren sie nicht als Signal von Aufregung, sondern als Symptom einer Herzerkrankung, Magengrummeln nicht als Hinweis auf Nervosität, sondern als Bauchweh. Reizdarm, Herzneurosen oder chronische Schmerzbeschwerden sind unter Gefühlsblinden weit verbreitet. »Diese Menschen sind körperlich nicht unbedingt kränker als andere Personen, aber sie gehen öfter zum Arzt«, sagt Kessler. Wird der Mediziner dann bei der Untersuchung nicht fündig, fühlen sich die Patienten nicht ernst genommen. »Somatoforme Störungen können sich mit der Zeit verschlimmern«, sagt Franz. »Wenn Ärzte die Probleme systematisch nicht verstehen, sind die Patienten zur Eskalation gezwungen«, so der Mediziner und erinnert an ein quengelndes Kind, das immer lauter schreit, wenn die Mutter nicht reagiert.

Alexithymie kann verschiedene Ursachen haben. Manchmal schließt sich das Tor zur Innenwelt erst im Erwachsenenalter nach einem Trauma – etwa wenn das Opfer eines Verkehrsunfalls jede Empfindung scheut, die an das Ereignis erinnern könnte. Aber Experten zufolge reichen die Wurzeln der Gefühlsblindheit meist bis weit in die Kindheit zurück.

Denn Informationen über die eigene Befindlichkeit nimmt das Baby bereits mit der Muttermilch auf. »Schon beim Stillen spiegelt die Mutter in ihrer Mimik das Innenleben des Säuglings«, erläutert Franz. Und in den folgenden Jahren lernen Menschen allmählich, die anfangs diffusen körperlichen Gefühlsregungen – etwa schneller Puls, Bauchgrummeln oder Schwitzen – mit konkreten Emotionen und Worten wie Angst, Freude oder Wut zu verknüpfen. Werden solche Empfindungen in der Familie tabuisiert oder ignoriert, bleibt der Lernprozess aus und die eigene Innenwelt dem Betroffenen auch später noch fremd – häufig mit beträchtlichen Konsequenzen.

Den Weg zu einer psychotherapeutischen Behandlung finden viele Gefühlsblinde erst unter immensem Leidensdruck. Burkhard Brosig von der Uniklinik Gießen rät diesen Menschen zunächst zu kreativen Ansätzen wie Mal- oder Musiktherapie, die weniger auf Sprache beruhen. »Man muss den Patienten da abholen, wo er steht«, sagt der Arzt für Psychosomatik. »Die Menschen sollen lernen, ihre Gefühle zunächst zu spüren und dann zu benennen.« Gruppentherapien sollen die Betroffenen schulen, ihr Innenleben auszudrücken und gleichzeitig die Gefühlswelt ihrer Mitmenschen zu entdecken. Aber die Experten warnen vor der Hoffnung auf schnellen Erfolg. Das Alphabet der Gefühle lerne man nicht in wenigen Wochen. »Der Prozess ist sehr langwierig«, sagt Franz. »Das kann manchmal Jahre dauern.«

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