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Ruheplatz unter Bäumen

Interesse an alternativen Bestattungsformen nimmt zu / Beerdigungen in der Natur gefragt

  • Von Antje Scherer, dpa
  • Lesedauer: 3 Min.

Eigentlich hatte er sich für eine Seebestattung entschieden. »Aber hier ist es viel schöner«, sagt der Mann aus Erkner. Er sei ein Naturliebhaber und fühle sich bei Igeln und Vögeln am wohlsten. Daher könne er sich gut vorstellen, dass seine Tochter später einen Ausflug in den Wald macht und ihn besucht. »Sie soll nicht gezwungen sein, mein Grab zu pflegen«, meint der ältere Herr, der seinen Namen nicht nennen will.

Dieses Argument hört Marcus Hoffmann, Förster im Fürstenwalder Stadtwald, immer wieder. »Viele wollen ihren Angehörigen nicht zur Last fallen. Die Kinder leben heute häufig weit entfernt und man will ihnen nicht die Grabpflege aufbürden.« Damit verbunden sei der finanzielle Aspekt: Bei einer Waldbestattung fallen nur einmal Kosten an – für den Grabschmuck sorgt die Natur ganz alleine.

Im Jahr 2006 wurde in Hangelsberg nahe Fürstenwalde (Oder-Spree) ein Ruhewald eröffnet, der auf 45 Hektar Beisetzungen im Stadtforst anbietet. Seitdem fanden dort zufolge 427 Menschen ihre letzte Ruhe. Verkauft seien sogar schon 1437 Plätze, da sich viele Leute lange vor ihrem Ableben eine Ruhestätte aussuchten. An etlichen Eichen und Buchen finden sich schon kleine Metallschildchen, auf denen Namen und Geburtsdaten der Käufer, aber noch keine Sterbetage eingraviert sind.

Gepflegt wird der Wald von der Stadt Fürstenwalde, verwaltet von der Firma Friedwald mit Sitz im hessischen Griesheim. Gekauft wird ein Platz für bis zu 99 Jahre. Förster Hoffmann sagt, dass das beliebteste Modell der Gemeinschaftsbaum sei: An einem Baum liegen zehn unabhängige Ruheplätze. Der Mischwald wird nicht bewirtschaftet, es gibt aber unbefestigte Wege und Ruhebänke. In Brandenburg gibt es noch einen zweiten Anbieter, der ähnliche Plätze in Eberswalde und Nauen (Havelland) offeriert.

Manchmal werden auch Zwischenformen ausprobiert, wie etwa auf dem Friedhof Stahnsdorf (Potsdam-Mittelmark), auf dem man sich ebenfalls unter Bäumen bestatten lassen kann. Die Stadt Templin (Uckermark) betreibt seit 2008 einen Waldfriedhof in Eigenregie. In Hangelsberg beobachtet der Förster, dass auch viele Interessenten aus Berlin und Sachsen vorbeischauen.

Das Konzept der Naturbestattung stammt aus der Schweiz. Dort besteht – anders als in Deutschland – kein Friedhofszwang. Bestattet werden kann in einem Ruhewald allerdings nur die Asche, eine Erdbestattung ist nicht möglich. Nach der Verbrennung kommt die Asche des Toten per Post nach Fürstenwalde. Auf einer Trauerfeier wird die biologisch abbaubare Urne dann an den Wurzeln des vorab ausgewählten Baumes beigesetzt.

Die Bestattungskultur werde immer vielfältiger, erläutert Kerstin Gernig vom Bundesverband Deutscher Bestatter. Ruhewälder seien ein ernst zu nehmender Trend – auch wenn nach wie vor immer noch die Mehrheit der Toten ganz regulär auf dem Friedhof beigesetzt werde. Ihr Verband sehe die Entwicklung einer »Spektakelkultur« im Umgang mit der Asche durchaus kritisch. »Man sollte sich vor dem Hintergrund einer über Jahrtausende gültigen christlich-abendländisch geprägten Bestattungskultur zumindest überlegen, was die Entscheidungen für die eine oder andere Bestattungsform für Folgen hat.« Gerade die anonyme Bestattung, die in den Ruhewäldern ebenfalls möglich ist, könne für die Angehörigen belastend sein.

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