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Historie des Äthers

»Tonspuren« erzählt die 80-jährige Geschichte des Hauses des Rundfunks

  • Von Wilfried Mommert, dpa
  • Lesedauer: 3 Min.

Ein Haus voller Geschichte, vor allem Rundfunkgeschichte, wird 80 Jahre alt. »Tonspuren« nennt Wolfgang Bauernfeind seinen detailreichen Dokumentationsband über das von Hans Poelzig entworfene Haus des Rundfunks am Berliner Funkturm, das am 22. Januar 1931 der Öffentlichkeit übergeben wurde. Für die heutige Hausherrin, RBB-Intendantin Dagmar Reim, ist es ein »lebendiges Denkmal der Rundfunkgeschichte« mit »großen und kleinen Geheimnissen«, wie sie bei der Buchpräsentation im Kleinen Sendesaal betonte. »Mehr Geschichte unseres Faches an einem Platz ist nicht denkbar.«

Hier fanden 1944 bereits die ersten Stereo-Versuchsaufnahmen statt. Und selbst Fernsehgeschichte wurde hier geschrieben mit dem ersten »regelmäßigen Fernsehprogrammdienst« ab März 1935, der auch bei den Olympischen Spielen in Berlin 1936 zum Einsatz kam. Vor allem aber ist das Haus des Rundfunks mit seiner markanten Klinkerarchitektur ein Meilenstein der Rundfunkarchitektur, geschaffen von einem der wichtigsten Vertreter der Architektur seiner Zeit. Poelzig hatte auch das Festspielhaus in Salzburg, Max Reinhardts Großes Schauspielhaus am Berliner Schiffbauerdamm (Am Zirkus) sowie das Kino Babylon und die Wohnbebauung rund um den heutigen Rosa-Luxemburg-Platz und in Frankfurt am Main das IG-Farben-Gebäude, den heutigen Campus Westend der Goethe-Universität, geschaffen.

Der Autor Bauernfeind, langjähriger Redakteur und Hörfunk- Regisseur beim Sender Freies Berlin (SFB) und dem Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB), erzählt kenntnisreich mit vielen spannenden Einzelheiten über teils auch dramatische Ereignisse. Es geht auch um die wechselvolle Geschichte des Hauses, das schon hochmodern war, als der Rundfunk gerade erst zu laufen begonnen hatte – mit seiner Geburtsstunde »Achtung, Achtung, hier ist Berlin!« vom Dachstuben-Studio im legendären Voxhaus am Potsdamer Platz.

Dabei werden auch die dunklen Stunden des Nationalsozialismus nicht ausgeblendet, als ein Propagandaminister Joseph Goebbels die Intendanten des »Großdeutschen Rundfunks« auf die Linie und Durchhalteparolen Hitlers einschwor. Er befahl auch die seinerzeit durchaus populären »Wunschkonzerte« im Großen Sendesaal für die deutschen Soldaten an der Front und zum Durchhalten der Bevölkerung in der Heimat – mit Stars wie Marika Rökk, Heinz Rühmann (»Das kann doch einen Seemann nicht erschüttern«), Heinrich George, Hans Moser und Zarah Leander (»Ich weiß, es wird einmal ein Wunder geschehn«).

Übrigens scheiterten die Attentäter des 20. Juli 1944 nicht zuletzt auch an der dilettantischen und gescheiterten Planung zur rechtzeitigen Besetzung dieser deutschen Rundfunkzentrale. Den Krieg selbst überstand das Haus ohne größere Zerstörungen. Am Abend des 1. Mai 1945 verließen die letzten deutschen Soldaten das zur »Festung« erklärte Haus und bereits am nächsten Morgen besetzten russische Soldaten das Gebäude – und hielten es noch bis 1956 als »rote Insel« in West-Berlin besetzt, als es schon längst im britischen Sektor von Berlin lag.

Noch 1945 hatten die Russen von hier aus den Berliner Rundfunk gestartet mit einem Volontär Hans Rosenthal sowie dem späteren DDR-Geheimdienstchef Markus Wolf und Karl Eduard von Schnitzler als Kommentatoren oder Bully Buhlan und Paul Kuhn in der Unterhaltungsabteilung. Schließlich nahm 1957 der einige Jahre zuvor gegründete Sender Freies Berlin (SFB) mit seinem ersten Intendanten, dem Rundfunkpionier der Vorkriegszeit, Alfred Braun den Sendebetrieb an der Masurenallee auf. In den Folgejahren wurden hier neue Sendeformate für den Hörfunk entwickelt.

1989 war das Haus des Rundfunks neben dem Rias (Rundfunk im amerikanischen Sektor) eine Art Nachrichtenzentrale beim Fall der Mauer. Autor Bauernfeind hat akribisch die Archive gesichtet und mit vielen Zeitzeugen gesprochen und dabei auch liebevolle Porträts entworfen. Entstanden ist eine spannende, auch reich bebilderte Chronik, in der sich ein wichtiger Teil der Rundfunkgeschichte in Deutschland spiegelt.

Ch. Links Verlag, Berlin, 192 Seiten, 29,90 Euro, ISBN 978-3-86153-598-0

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