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Die tiefe Sehnsucht nach Veränderung

Israels Kibbuzim sind ein System im System – das dank der Finanzkrise zunehmenden Erfolg hat

  • Von Oliver Eberhardt
  • Lesedauer: 7 Min.

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Er hatte ein Haus. »Tel Aviv Mitte, da wo die Schönen und Reichen wohnen.« Er hatte ein Auto. »Mercedes C-Klasse, 176 Prozent Einfuhrsteuer.« Und ja, er hatte sogar ein Pferd. »Damit unsere Tochter mit Natur aufwächst.«

Tal Novack, 34 Jahre alt, Jurist, hatte früh alles erreicht: »Ich habe studiert, eine Firma aufgemacht, eine Familie gegründet. Und dann habe ich gekämpft: Gegen die Dotcom-Blase, gegen die Finanzkrise. Ich habe gelernt, dass ein Leben mit dem Kapitalismus ein Leben mit der Angst ist: Morgen kann alles vorbei sein.«

Deshalb ist er hier gelandet: Im Speisesaal von Degania Aleph. Das ist nicht nur ein Kibbuz, also eine sozialistische Kooperative, sondern der Älteste seiner Art. In der beschaulichen Ortschaft inmitten einer atemberaubenden Landschaft am südlichen Zipfel vom See Genezareth in Israel begann vor genau einhundert Jahren ein Experiment, dass oft fast gescheitert und noch öfter tot gesagt wurde, bevor es heute zu einer Blüte gelangt ist, die selbst hartgesottene Kibbuznikim – so heißen die Mitglieder – komplett überrascht hat.

»Die Leute sind sprichwörtlich eines Morgens aufgewacht und haben vor dem Tor eine Schlange von Kapitalisten gesehen, die bei ihnen einziehen wollten«, sagt Noah Brod, eine Sprecherin der Kibbuz-Bewegung, in der die Gemeinschaften organisiert sind.

Zwei davon waren Novack und seine Frau: »Wir wollten unser Leben ändern«, berichtet er, »in der Finanzkrise wären wir wie viele andere Israelis fast auf der Straße gelandet, weil wir die falschen Investments abgeschlossen haben. Wir mussten einen anderen Weg finden, schon allein der Kinder wegen.«

Unbeschadet durch die Krise

In der Kibbuz-Bewegung scheinen sie ihn gefunden zu haben, und das nicht, sagt er, weil der Sozialismus grundsätzlich besser als der Kapitalismus sei, sondern weil der Sozialismus der Kibbuz-Bewegung über die Jahrzehnte hinweg gereift, krisenfest geworden ist.

In der Tat zeigt ein Blick in die Berichte der israelischen Zentralbank Erstaunliches: Während der Finanzkrise seien bis zu 30 Prozent der israelischen Unternehmen finanziell in eine »existenzbedrohende Lage« geraten, sei es, weil ausländische Geldgeber den Hahn zudrehten oder weil Banken die Kreditlinie herunter fuhren, oder weil die Firmen ihr Kapital bei den falschen Leuten angelegt hatten. Oder weil, was in der stark auf den Einzelhandel und den Servicebereich zugeschnittenen israelischen Wirtschaft besonders schwer wog, die Verbraucher aus Angst vor der noch größeren Krise aufhörten zu konsumieren. Zeitweise brachen die Verkaufszahlen im Lande um bis 40 Prozent ein.

Die Kibbuzim überstanden den Sturm nicht nur so gut wie unbeschadet – sie sorgten während der Krise sogar auch noch für eine einigermaßen ausgeglichene Wirtschaftsbilanz im Lande und schufen Arbeitsplätze, wenn auch nur so um die 8000, »aber immerhin«, sagt Novack, »für mich als Geschäftsmann waren das Zahlen, die für sich sprechen.«

Sprecherin Brod lächelt. »Wir brauchen uns nichts vorzumachen«, sagt sie, »das war nicht immer so. Die Kibbuzim haben ihre eigenen Krisen überstanden, und dabei einige sehr harte Lektionen gelernt.« So mussten die Gemeinschaften, deren Mitgliederzahlen von wenigen Dutzend bis hin zu einigen Tausend reichen, lernen, die Individualität ihrer Mitglieder zu verstehen und zu akzeptieren.

Denn traditionell waren Kibbuzim Systeme, die selbst das Familienleben ihrer Mitglieder regeln wollten. Die wohl bekannteste Regel: Lange Zeit, an einigen Orten bis in die 1990er Jahre hinein, lebten die Kinder ab dem Alter von drei Jahren in Kinderhäusern, damit auch die Mütter in Vollzeit arbeiten konnten. Wenn die Kinder älter wurden, entschied die Kibbuz-Gemeinschaft, welchen Beruf sie ergreifen sollten. Studieren durften nur sehr wenige. Raum für eigene Entscheidungen: keiner.

Dieses System funktionierte in den ersten Jahrzehnten nahezu ohne Widerspruch, weil das Leben im kapitalistischen Teil von Israel bis in die 1970er Jahre kaum etwas zu bieten hatte – deshalb hatten die ersten Einwanderer aus Russland, die ihre sozialistischen Ideen aus ihrer vor-revolutionären Heimat mitgebracht hatten, 1910 den ersten Kibbuz gegründet. Sie suchten nach einer Antwort auf den ständigen wirtschaftlichen Überlebenskampf in Palästina, und ebneten damit den Weg für die bis 1977 dauernde Regierung der Arbeitspartei, während die Kibbuzim selbst zu Motoren der Wirtschaft wurden. Für Kibbuznikim wäre das Leben außerhalb des Kibbuz Jahrzehnte lang ein massiver Rückschritt gewesen.

Wohnungen und Jobs waren ohnehin wegen der hohen Einwanderungszahlen bis in die 60er Jahre hinein schwer zu haben. Die Leute blieben jedoch, weil sie es nicht anders kannten und die Welt da draußen auch nicht kennen lernen wollten. Debatten, von denen die Kibbuz-Bewegung viele kannte, drehten sich ausschließlich um die Frage nach dem »richtigen Sozialismus«.

Das änderte sich, als in Israel für den Grand Prix Eurovision de la Chanson 1979 das Farbfernsehen eingeführt wurde. »Dass sich viele Kibbuzim weigerten, Farbfernseher anzuschaffen, sorgte erstmals für einen tiefen Bruch innerhalb der Bewegung«, sagt der Historiker Avi Schla'im. »Es war ein Bruch zwischen Alten und Jungen, die sahen, dass man trotz der harten Arbeit Tag für Tag etwas nicht hat, was andere haben, und von dem man glaubt, dass es einem zusteht.«

Die Folge war ein Rückgang der Mitgliederzahlen: Hunderte von Jugendlichen beschlossen, nach ihrem Militärdienst ihr Glück außerhalb des Kibbuz zu suchen. Erstmals mussten Kibbuzim Anfang der 80er Jahre im großen Stil auswärtige Arbeitskräfte anstellen – und weigerten sich, trotz der finanziellen Belastung dennoch anzuerkennen, dass man ein Problem hat: Die Älteren hatten mit Malaria verseuchte Sümpfe trocken gelegt und in Holzhütten gelebt und dabei etwas Ideales schaffen wollen: Die Kinderhäuser waren aus ihrer Sicht die Möglichkeit für Frauen, sich selbst zu verwirklichen, und das Leben im Kibbuz eine nationale Mission, der sich das Individuum klaglos unterzuordnen hatte.

Und dennoch: Der Kurswechsel kam erst Jahre später, und er kam fast zu spät, nämlich zu jenem Zeitpunkt, als die Kibbuzim zu spüren begannen, dass ihnen durch Abwanderung junger Mitglieder und der niedrigen Studienrate Führungskräfte fehlten. Das führte dazu, dass vielerorts Manager von außen angestellt wurden, die die Idee der Kibbuzim nur aus Büchern kannten, und nach kapitalistischen Regeln wirtschafteten, während man versuchte, die verbliebenen jungen Mitglieder durch einen wahren Kaufrausch zu halten. Das Ergebnis war fatal: Im Jahr 1998 hatten an die 120 Kibbuzim Bankschulden in Höhe von damals umgerechnet 160 Millionen Euro; Dutzende der sozialistischen Kooperativen wurden Opfer des Kapitalismus: Sie gingen in Konkurs und wurden abgewickelt. Manche Kibbuzim, jene mit erfolgreichen Unternehmen, die ihrer Schulden durchaus hätten Herr werden können, gaben auch einfach auf und verkauften ihren Kibbuz an kapitalistische Konzerne, die bis vor Kurzem auf die Produkte »Kibbuz« drauf schreiben durften, obwohl längst kein Kibbuz mehr drin steckte.

Lebensstil und Natur werden vermarktet

Die, die überlebten, gingen gestärkt aus dieser Krise hervor: Sie begannen, anders zu wirtschaften, überarbeiteten ihre Regelwerke und belebten die Werte der Kibbuz-Bewegung neu. In Werbekampagnen für die Produkte wurden und werden die Gemeinschaft, die Natur, der Lebensstil vermarktet – und damit ein Nerv der israelischen Verbraucher getroffen: In einem Land, in dem die Unterschicht zunehmend arm trotz Arbeit ist (23 Prozent aller Israelis unter 18 Jahren leben unterhalb der Armutsgrenze), in der die Mittelschicht in Satellitenstädten wohnt und durchschnittlich zwei Stunden und 24 Minuten mit dem Weg zur und von der Arbeit verbringt, in dem Umfragen zufolge 37 Prozent ihre Nachbarn kaum kennen, spreche die Kibbuz-Bewegung eine tiefe Sehnsucht nach Veränderung an, heißt es in einer Studie zum Wert des Markennamens »Kibbuz«, die vom Umfrageinstitut Gallup im vergangenen Jahr erstellt wurde.

Sehnsucht, wie sie auch Novack und seine Familie dazu brachte, Aufnahme in den Sozialismus zu beantragen – übrigens ein langer und steiniger Weg: »Wir wurden auf Herz und Nieren durchleuchtet.« Denn heute können sich die Kibbuzim ihre Mitglieder aussuchen, und tun das auch: »Gefragt sind solche Menschen, die voll und ganz hinter den Werten stehen, und bereit sind, für sehr lange Zeit Teil der Gemeinschaft zu werden, und sich in sie einzubringen«, sagt Brod.

Für die Novacks bedeutete dies: Sie verkauften Haus und Auto und brachten einen Großteil ihres tatsächlichen Vermögens in den Kibbuz ein – »viel war das nicht«, sagt Novack, »das Meiste war auf Pump gekauft. Das, was wir in den Kibbuz eingezahlt haben, war eine gute Investition.« Denn nun wohnen die Novacks in einem Haus auf dem Lande, haben einen kurzen Weg zur Arbeit, Nachbarn, die sie kennen, und vor allem: »Keine Schulden«.

Und das Pferd der Tochter? Das haben sie mitgenommen. Das Tier, dass noch vor Monaten die meiste Zeit in einer Box in einem Reitstall lebte, steht jetzt auf einer Weide mit anderen Pferden.

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