Wissenszentren und Sparschweine

Während prestigeträchtige Bibliotheken gefördert werden, kämpfen viele kommunale Büchereien ums Überleben

Wissenschaftliche Bibliotheken, insbesondere in den neuen Bundesländern, entwickeln sich zu modernen Wissenszentren. Dagegen leiden viele kommunale Häuser unter Sparmaßnahmen. Der Deutsche Bibliotheksverband schlägt deswegen Alarm und fordert, dass der Erhalt öffentlicher Bibliotheken per Gesetz zur Pflichtaufgabe gemacht werden soll.

Den Touristen, die in der Klassikerstadt Weimar die Anna Amalia Bibliothek besuchen, erscheint Deutschland als ein Land, in dem die Wissenszentren gehegt und gepflegt werden. Denn in der Weimarer Altstadt erstreckt sich zwischen dem Platz der Demokratie mit seinem barocken Gebäudeensemble und dem Flüsschen Ilm ein beeindruckender Bibliothekskomplex. Zwischen den Bücherwänden steht Direktor Michael Knoche. Der grauhaarige 59-Jährige zeigt stolz, was nach dem verheerenden Brand vor sechs Jahren wieder aufgebaut wurde.

Im Herbst 2007 wurde die Bibliothek wiedereröffnet. Im Zentrum befindet sich seitdem ein vier Stockwerke hoher Bücherkubus mit einem imposanten Glasdach. Der Kubus ist das moderne Gegenstück zum nahe gelegenen prächtigen Rokokosaal. Im Dachstuhl des Hauptgebäudes brach am 2. September 2004 der Brand aus. Nun erstrahlt der Saal mit historischen Gemälden, auf denen unter anderem die Herzogin Anna Amalia zu erkennen ist, einer riesigen Goethe-Büste sowie zahlreichen historischen Bänden, die vor den Flammen gerettet werden konnten, in neuem Glanz.

Kommunale Büchereien in der Krise

»Wir erwerben jährlich etwa 20 000 neue Bände«, erklärt Knoche. Verfügbare Ausgaben der verbrannten Bücher würden im antiquarischen Buchhandel gekauft. Tausende beschädigte Bücher sollen bis zum Jahr 2015 restauriert werden. Insgesamt lagern in der Anna Amalia Bibliothek rund eine Million Bände.

Weimar war viele Jahre ein Anziehungspunkt für neue Strömungen in Literatur und Architektur. Weimarer Klassik und das Bauhaus wurden hier einst begründet. Die Anna Amalia Bibliothek verfügt heute über große Sammlungen zu diesen Themen. Diese wecken das Interesse zahlreicher Studenten, auch über die Stadtgrenze hinaus. »Viele Stipendiaten kommen zu einem Forschungsaufenthalt nach Weimar. Zudem recherchieren hier Studierende der Weimarer Bauhaus-Universität sowie aus Erfurt und Jena«, so der Direktor. Immerhin 130 mit Internetzugang ausgestattete Leseplätze bieten dafür hervorragende Bedingungen.

»Nach dem Brand haben sich Bund, Land, Stiftungen und Unternehmen für den Wiederaufbau eingesetzt«, erzählt Knoche. Rund 14 Millionen Euro kosteten Sanierung und Einrichtung. Für die Rekonstruktion der Buchbestände konnten bisher 35 Millionen Euro aufgebracht werden.

Von der großen medialen und finanziellen Aufmerksamkeit, die dem Prestigeobjekt Anna Amalia Bibliothek zukommt, können viele andere Büchereien in Deutschland jedoch nur träumen. Viele kommunale Bibliotheken stecken derzeit in einer schweren Krise. Gut ausgestattete kommunale Büchereien mit langen Öffnungszeiten werden immer seltener. Sie leben hauptsächlich vom Engagement ihrer Mitarbeiter und lokaler Politiker. So auch in der etwa 30 Kilometer nördlich von Weimar gelegenen Kreisstadt Sömmerda. Die dortige Stadt- und Kreisbibliothek, im Jahr 2005 in einem aufwendig sanierten Gebäudekomplex aus dem 19. Jahrhundert eingerichtet, wurde vergangenes Jahr als Thüringer Bibliothek des Jahres ausgezeichnet. Die Jury lobte insbesondere Benutzerfreundlichkeit und Öffnungszeiten am Sonntagnachmittag.

In der verträumt wirkenden Kleinstadt mit rund 20 000 Einwohnern gibt es weder Theater noch Kino. »Stattdessen hat sich die Bibliothek zu einer zentralen kulturellen Einrichtung entwickelt«, sagt Bibliotheksleiterin Roswitha Leischner. Lesungen mit lokalen Autoren und Musikabende seien bei den Einwohnern sehr beliebt. Etwa 37 000 Besucher kommen pro Jahr in die Bibliothek. Diese kann auch Jugendlichen in der strukturschwachen Region mit einer Erwerbslosenquote von 9,5 Prozent eine Perspektive bieten. Beispielsweise Anne Schmidt lebt in Sömmerda und war vor kurzem noch Auszubildende in der Bibliothek. Die junge Frau hat es schnell zur stellvertretenden Bibliotheksleiterin gebracht.

Die Hauptlast der Finanzierung muss die Stadt tragen. Denn kommunale Büchereien arbeiten nicht profitorientiert. Im Jahr 2008 nahm die Sömmerdaer Bibliothek 36 600 Euro ein. Die Kosten summierten sich dagegen auf 381 000 Euro. Der parteilose Bürgermeister Hans-Wolfgang Flögel mit dem Mandat der LINKEN sieht den Erhalt der Bibliothek als Pflichtaufgabe, muss aber einräumen, dass die Kommune mit finanziellen Problemen zu kämpfen hat. »Wenn das so bleibt, werden irgendwann alle städtischen Einrichtungen darunter leiden, auch die Bibliothek«, erklärt Flögel.

Sömmerda wäre dann in Deutschland keine Ausnahme. Dies bestätigen die Zahlen, die der Deutsche Bibliotheksverband bei einem Pressegespräch in Weimar vorlegt. Bereits 59 Prozent der 1300 vom Verband befragten kommunalen Büchereien sind von Einsparungen betroffen. »Sie müssen als Sparschweine für die Sanierung der Kommunen herhalten«, moniert die Verbandsvorsitzende Monika Ziller. Dabei seien die Entleihungen in den vergangenen zehn Jahren um 22 Prozent gestiegen.

Bibliotheksgesetz wurde verwässert

Vorstandsmitglied Frank Simon-Ritz von der Weimarer Universitätsbibliothek meint, die Ausrufung einer »Bildungsrepublik« vor zwei Jahren durch Bundeskanzlerin Angela Merkel sei eine Farce, wenn man bedenke, dass Deutschland bei Investitionen in öffentliche Bibliotheken weit hinter anderen Ländern zurückliege. Deutschland gibt hierfür durchschnittlich pro Einwohner im Jahr gerade einmal 8,21 Euro aus. Finnland investiert fast siebenmal so viel.

Während die meisten kommunalen Büchereien finanziell vernachlässigt werden, wächst die Bedeutung der länderfinanzierten wissenschaftlichen Bibliotheken. Auch weil sich immer mehr junge Menschen für ein Studium in Deutschland entscheiden. Hierzulande entstehen zunehmend von den Feuilletons gefeierte »Wissenstempel« wie das neue Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum an der Berliner Humboldt-Universität.

Um die Zukunft der öffentlichen Bibliotheken zu sichern, fordert der Bibliotheksverband Gesetze, die Kommunen zu ihrer Unterhaltung und Länder zur finanziellen Beteiligung verpflichten. Der Verband beruft sich hierbei auf die Empfehlung der Enquete-Kommission »Kultur in Deutschland« aus dem Jahr 2007. In den vergangenen zwei Jahren wurden zwar Bibliotheksgesetze in Thüringen, Sachsen-Anhalt und Hessen erlassen. »In diesen Gesetzen fehlen aber konkrete Formulierungen zur finanziellen Beteiligung von Land und Kommune«, bemängelt Simon-Ritz.

In Thüringen wurde im Sommer 2008 das erste Bibliotheksgesetz in der Bundesrepublik verabschiedet. »Der Entwurf der LINKEN und SPD wurde jedoch von der damals allein regierenden CDU stark verwässert«, kritisiert Simon-Ritz. Kürzlich unternahm die Linkspartei einen erneuten Anlauf, ein umfassendes Bibliotheksgesetz durchzusetzen, scheiterte aber am Votum der neuen schwarz-roten Landesregierung. Laut Regierungsparteien ist das bisherige Gesetz ausreichend. Darin werde nämlich unter anderem die Bedeutung der Bibliotheken für Bildung, Kultur und Wissenschaft anerkannt. Betroffene Bibliothekare sehen das anders. »Das Gesetz ist doch nur ein Feigenblatt der Landesregierung«, sagt Roswitha Leischner, Bibliotheksleiterin aus Sömmerda. Denn die Bibliotheken bleiben laut Gesetz freiwillige Aufgaben der Kommunen.

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