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Der Stratege Schumann fehlt

Linksfraktion und Luxemburg-Stiftung erinnern mit Lesung an Tod des Politikers vor zehn Jahren

  • Von Andreas Fritsche
  • Lesedauer: 4 Min.

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Michael Schumann
Michael Schumann

»Es ist unglaublich, dass es schon zehn Jahre her ist«, sagt Linksfraktionschefin Kerstin Kaiser. Sie erinnert sich noch genau, wie die Landtagsfraktion von einem Tag auf den anderen ohne ihn habe auskommen müssen. Am 2. April 2000 starben der Abgeordnete Michael Schumann und seine Frau Ingeburg bei einem Verkehrsunfall auf der Bundesstraße 96 zwischen Löwenberg und Gransee. Sie waren unterwegs zu einem kurzen Erholungsurlaub an der Ostsee.

Am Donnerstag erinnern die Rosa-Luxemburg-Stiftung, die Michael-Schumann-Stiftung und die Landtagsfraktion an den Politiker. Dazu werden von 17.30 bis 19 Uhr Texte Schumanns vorgetragen. Es lesen zum Beispiel Bundestagsabgeordnete wie Gregor Gysi, Dietmar Bartsch und Roland Claus, Finanzminister Helmuth Markov, Umweltministerin Anita Tack, Landtagsvizepräsidentin Gerrit Große, Generalstaatsanwalt Erardo Rautenberg und Schriftstellerin Daniela Dahn sowie der einstige DDR-Innenminister Peter-Michael Diestel. Die Veranstaltung in Raum 306 des Landtags auf dem Potsdamer Brauhausberg ist öffentlich.

»Alle sind eingeladen«, betont Heinz Vietze. Der Vorstandsvorsitzender der Rosa-Luxemburg-Stiftung gehörte von 1990 bis 2009 dem Landtag an. Er pflegte engen Kontakt zu Michael Schumann. Dieser fehle ihm als Mensch und Ideengeber, erzählt Vietze, der immer im Frühjahr und im Herbst das Grab Schumanns aufsucht.

Professor Michael Schumann gehörte in den 90er Jahren zum engen Führungszirkel der PDS um Lothar Bisky und Gregor Gysi. Einem exklusiven Männerzirkel, wie es zuweilen hieß, dem sonst noch Schatzmeister Dietmar Bartsch und Wahlkampfchef André Brie zuzurechnen seien. Diese Gruppe sah sich schließlich dem Vorwurf ausgesetzt, sie stelle die gewählten Hierarchien infrage und setze sie außer Kraft, vermerkte Wolfram Adolphi im Vorwort zu dem Buch »Michael Schumann – Hoffnung PDS«. Das von Adolphi herausgegebene Buch versammelte Reden, Interviews und Aufsätze des Professors aus den Jahren 1989 bis 2000.

Der geschilderte Vorwurf verdeutlicht zumindest, dass Schumann in der PDS eine wichtige Rolle spielte. Er spielte sie jedoch eher im Hintergrund – als Stratege, Theoretiker und Berater. Wenn es im Parteivorstand Streit gab, wartete der Vorsitzende Lothar Bisky, bis Schumanns Finger steil in die Höhe schoss, bis der Professor seine klugen Vorschläge machte. In den Vordergrund gedrängt hat sich Schumann nicht. Zwar zählte er zu jenen Abgeordneten der letzten DDR-Volkskammer, die 1990 nach einem festgelegten Schlüssel in den Bundestag übernommen wurden. Doch kandidieren wollte er für dieses Parlament nicht. Er entschied sich für den brandenburgischen Landtag und für Listenplätze nicht ganz so weit vorn.

Eine Schlüsselrede hielt Schumann am 16. Dezember 1989 auf dem außerordentlichen Parteitag, auf dem sich die SED zur SED/PDS wandelte. Damals – in den Wirren der Wende – ging es um die Existenz der Partei. Eine Selbstauflösung wurde von außen vehement gefordert und innerparteilich ernsthaft erwogen. Schumann sprach »Zur Krise in der Gesellschaft und zu ihren Ursachen, zur Verantwortung der SED«. Beim ersten Abdruck des Referats im ND erhielt es die griffigere Bezeichnung »Wir brechen unwiderruflich mit dem Stalinismus als System!« Diesen Titel trägt am Donnerstag nun auch die Gedenklesung im Landtag.

Schumann stammte aus einfachen Verhältnissen. Er wurde am 24. Dezember 1946 im thüringischen Zella-Mehlis geboren, studierte in Leipzig Philosophie und lehrte an der Akademie für Staat und Recht in Potsdam-Babelsberg.

Im Landtag habe Schumann für eine Kultur des Umgangs miteinander gestanden, um die man dort heute kämpfen müsse, sagt Kerstin Kaiser. Schumann habe stets sachlich argumentiert und gewollt, dass sich der jeweils bessere Vorschlag durchsetzt. Angriffe »unter die Gürtellinie« habe er nie verübt.

Das war Anfang der 90er Jahre der spezielle Brandenburger Weg, der nicht auf die Ausgrenzung der Opposition zielte, erinnert Vietze. Heute werde dies manchmal als »Konsenssoße« abqualifiziert. Es sei anders gewesen als der in der Bundesrepublik übliche Politikstil. Wenn sich heute Landtagsabgeordnete zum Beispiel der Grünen, die später aus dem Westen zugezogen sind, ehrlich dafür interessieren, dann sollten sie zu der Gedenklesung kommen, empfahl der Chef der Luxemburg-Stiftung. Leider sehe es so aus, als ob es der Opposition bei der Enquetekommission zur Aufarbeitung der Geschichte lediglich darum gehe, Menschen zu diskreditieren und die DDR zu delegitimieren.

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