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Es werde Licht

Gemäldegalerie Berlin: »Hommage an Caravaggio: 1610 – 2010«

  • Von Marion Pietrzok
  • Lesedauer: 5 Min.

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»Der ungläubige Thomas«, um 1600/01
»Der ungläubige Thomas«, um 1600/01

Hohe Zeit der Begeisterung für ein Malergenie, der 400. Todestag Caravaggios – und alles scheint gesagt zu sein und durchdekliniert in diesem Jubiläumsjahr. In den Ausstellungen, vor allem der großen Römer Bilderschau (ND 22.5.), den akribisch recherchierten, neue wissenschaftliche Erkenntnisse präsentierenden kunsthistorischen Werken, in den Beiträgen der Medien über den Künstler und seine Zeit. Auch das Boulevardblattgemäße, das Filmreife (und tatsächlich Verfilmte) dieser Vita, das selbst kunstferne Menschen für den alten Meister – der früh starb, unter mysteriösen Umständen – zu interessieren vermochte. Ja, dieser frühbarocke Italiener, Michelangelo Merisi da Caravaggio (1571-1610), führte ein bewegtes Leben, das mitzudenken beim Blick auf seine Gemälde einen kleinen prickelnden Akzent setzen kann. Aber die Hauptsache ist seine revolutionäre Malweise, die damals bereits für Aufsehen sorgte, Stoff war für Neider, Verehrer und Nachahmer. Der damals als skandalös empfundene dramatische Realismus der Darstellungen, indem er das Himmlische auf die Erde holte, die unglaubliche Lichtregie – die sensationelle Chiaroscuro-, d.h. die Hell-Dunkel-Malerei – und die Erzählhaltung des Ausnahmetalents, all das fasziniert bis heute und wurde also ausgiebig gewürdigt.

Und so ist man erst einmal skeptisch gestimmt, ohne große Erwartung an eine weitere Schau, aber eben doch neugierig, was sich – zum Ausgang des Caravaggio-Jahres – nun auch die Berliner Gemäldegalerie noch hat einfallen lassen. Ob sie mit etwas Unerhörtem, einer neuen Perspektive oder sonst wie Gemüterhitzendem aufwarten kann. Sie tut es.

Tatsächlich hatte sie ja den frechen »Amor als Sieger« (1601/02) aus ihrer Sammlung zur grandiosen Schau in Rom ausgeliehen, dorthin, wo nur zweifelsfreie Caravaggios präsentiert wurden und nur in Rom entstandene, und dieser kesse Nackedei ist ein solcher. Den Dank aus Italien für die großzügige Leihgabe kann man jetzt neben dem so einmalig alle engen Konventionen vergessen lassenden Liebesgott in Augenschein nehmen: das Gemälde »Johannes der Täufer« (um 1601), ein ähnlich schamloser nackter Knabe, wie er auf dem Gemälde vom Triumph der Liebe zu sehen ist. Eine begeisternde Darstellung des Heiligen, eine wundervolle Umsetzung des Themas Erlösung. Und für beide Werke soll Cecco del Caravaggio als Modell gedient haben. Ein Bursche, mit dem Caravaggio auch das Bett teilte, und dessen Schüler er war. Also später selbst Maler wurde, wie man heute weiß – als Francesco Boneri wurde er 1991 identifiziert. So fügt es sich günstig, dass die Gemäldegalerie aus ihrem Bestand »Die Austreibung der Wechsler aus dem Tempel« (1613-1620) präsentieren kann, das dessen Hand entstammt.

Neben dem »Amor als Sieger« gibt es in den deutschen Sammlungen nur noch ein zweites Gemälde der Malerlegende: den »Ungläubigen Thomas«. Es ist in der Bildergalerie von Schloss Sanssouci beheimatet. Beide Bilder entstanden für den Marchese Vincenzo Giustiniani; sie kamen im Jahr 1815 mit dem Ankauf dessen Sammlung durch Preußenkönig Friedrich Wilhelm III. nach Berlin. Dass in Potsdam gerade renoviert wird, verschaffte das einzigartige Glück – das Bild steht auf der schwarzen Liste der Werke, die niemals wieder reisen dürfen –, es mit seinem ursprünglichen Partner vereint präsentiert zu sehen. Neben diesem Bild vom Staunen, von der Macht des Augensinns darf man ein Werkstattbild des Franzosen Georges de la Tour bewundern, »Die Auffindung des Heiligen Sebastian« (um 1649). Eine ferne Verwandtschaft, ist es doch zwar in der Lichtinszenierung an Caravaggio geschult, in seinem statuarischen Nachtdunkel steht es zur Dramatik des »Ungläubigen Thomas« jedoch in krassem Gegensatz.

Überhaupt richtet die kleine Hommage den Blick auf jene Bildmotive, die schon zu Lebzeiten Caravaggios nachgeahmt und variiert wurden – in ganz Europa kam es zu einer nach ihm benannten Strömung innerhalb der Barockmalerei, dem »Caravaggismo«. Sie bietet Werke von Freunden und Verehrern auf – die im Hause sonst in anderem Zusammenhang gezeigt werden –, aber auch von einem erklärten Feind wie Giovanni Baglione. Mit »Der himmlische Amor besiegt den irdischen Amor« (um 1601/02) zum Beispiel war er seinem Konkurrenten auf der Spur. Wer von den beiden Malern letztlich siegte, ist bekannt. Namen wie Velázquez, Rembrandt, Honthorst, Gentileschi, Rubens, Manfredi oder Ribera (einem »Leckerbissen« der Ausstellung, wie die Museumsleute frohlocken) im Zusammenklang mit Caravaggio erleben zu können, schon das allein lohnte die Sonderpräsentation.

Kurator Roberto Contini wartet aber sogar mit einer Neuentdeckung auf: ein statt wie sonst auf die Leinwand ausnahmsweise auf Pappelholz gemaltes »Bildnis eines Mannes mit Schwert und Handschuhen« aus Privatbesitz, das von 1609 datiert ist. Da der Meister seine Gemälde nie signierte, war bislang die leidenschaftliche Perfektion der Ausführung der bekannten Caravaggio-Innovationen, untersucht im peniblen Detail-Vergleich, zumeist entscheidend für die Zuschreibung. Ob nun dieses Spätwerk als bisher unentdeckter Caravaggio von der Fachwissenschaft anerkannt wird, muss sich zeigen.

Dunkel wie das Bildnis des schwarzgekleideten Herrn sind die in einem separaten Kabinett ausgestellten drei Gemälde, oder besser gesagt die in ursprünglicher Größe gebotenen Fotografien von ihnen, denn die Originale sind seit 1945 verschollen: »Der heilige Matthäus mit dem Engel« (um 1602), das »Brustbild einer jungen Frau« und »Christus am Ölberg«, die selbst als Schwarz-Weiß-Reproduktion eine ungeheure Faszination ausüben. Mit dieser Art Erinnerung an sie wird auch die Hoffnung wachgehalten, dass sie eines Tages wieder auftauchen, vielleicht in einem russischen Depot.

Das Berliner Kupferstichkabinett knüpft Spekulationen anderer Art: Eine kleine begleitende Ausstellung ist den Zeichnungen von Zeitgenossen und Nachahmern Caravaggios gewidmet. Vom Maler selbst nimmt man an, dass er nie gezeichnet habe, auch nicht die Gemälde durch Zeichnungen vorbereitet. Das wird jetzt bezweifelt. Man hofft nun, beim Durchforschen grafischer Sammlungen Blätter von ihm zu finden, die bislang aber unter anderen Namen firmierten. Insofern könnte man den Charakter der Berliner Caravaggio-Präsentation als eine des mehr Ab- als Anwesenden bezeichnen.

Staatliche Museen zu Berlin, Gemäldegalerie, Kulturforum: Hommage an Caravaggio 1610 – 2010. Bis 6. März 2011. Di u. Mi, Fr-So 10-18, Do 10-22 Uhr, Mo geschl. Katalog.

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