Werbung

Weil Gähnen gefährlich ist

  • Von Irmtraud Gutschke
  • Lesedauer: 3 Min.

Sagen wir es gleich: Peter Hacks' »Das Windloch« ist auf dem Buchmarkt derzeit auch preisgünstiger zu haben – für 14,80 Euro, sogar zusammen mit der Fortsetzung, »Das Turmverließ«, illustriert von Eberhard Binder-Staßfurt, entsprechend der DDR-Erstauflage, die 1957 bei Neues Leben erschien. Allerdings war sie damals als dritte Auflage ausgewiesen, denn es hatte vorher schon zwei Auflagen bei Bertelsmann gegeben. Gesamtdeutsches Denken auf dem Buchmarkt – vier Jahre vor dem Mauerbau.

Peter Hacks war aber auch ein Sonderfall. 1928 in Breslau geboren, hatte er zunächst in Wuppertal Abitur gemacht, in München studiert und promoviert. 1955 entschloss er sich zur Übersiedlung in die DDR. Als er »Das Windloch« schrieb, war er gerade mal 28. Solche fantastischen Sachen würden ihm auch später aus der Feder fließen, aber dieses Frühwerk zeigt schon den Gewitzten, den Gescheiten, den, der sich mit anderen ein Späßchen macht und, hops, über die Barrieren springt, die sie ihm aufgebaut haben. So einer ist sich seines Besondersseins bewusst und ist sich gewiss, sein Spiel zu gewinnen.

Nachdem sich in der frühen Bertelsmann-Ausgabe Paul Flora des Textes angenommen und, wie gesagt, Eberhard Binder-Staßfurt freundlich-kindgerecht die DDR-Premiere mit auf den Weg gebracht hat, gewann der Verlag Faber & Faber für die Ausgabe in der Reihe »Die Graphischen Bücher. Erstlingswerke deutscher Autoren des 20. Jahrhunderts« die Künstlerin Antoinette, 1956 geboren, Meisterschülerin von Professor Bernhard Heisig.

Mit ihren filigranen Zeichnungen nimmt sie die rätselhaft-skurrile Stimmung des Textes auf, freut sich am Absurden, gibt dem Werk eine andere Wichtung, rückt es vom Kindermärchen weg. Denn Peter Hacks' humoristisches Fabulieren hat Hintersinn, auch wenn dieser sich ernsthafter Erklärung verweigert. Zunächst ist es die Freude am fantastischen Einfall, die den Autor treibt. Da kommt eine Nixe aus der Dusche, und Kuchen aus Sand werden mit Appetit verspeist. Ein Affe namens Gaylord versteht, die Hausordnung zu befolgen, ein Rabe in Gummistiefeln lacht vom Baum herab. Ein Schneemann verwandelt sich in den, der ihn baute. Ein Stein redet nicht nur, er weint sogar...

»Nichts ist verwirrender als das normale, alltägliche Leben«, wird behauptet – und bewiesen, denn im »normalen Leben« ist sozusagen alles möglich, wenn Henriette und/ oder Onkel Titus es sich einfallen lassen. Meinen sie, auf einer Verkehrsinsel tatsächlich mitten im Meer zu sein, schwimmt zum Beweis ein blauer Walfisch herbei, der sich auch noch Hyazinth nennt. »Es kommt doch nicht darauf an, was man sieht«, meint der. Ja, so ist es wohl: Die Welt ist im Kopf.

Und noch ganz andere Geschichten entstehen, wenn man die handelnden Personen betrachtet: den Kapitän, der sich langweilt und dem Geschichten erzählt werden müssen, damit er durch sein Gähnen nicht ein »Windloch« erzeugt, Onkel Titus, von dem man nicht so recht weiß, in welchem Verhältnis er zu Henriette steht – manchmal reden sie einander auch mit Clemens und Berta an – und den Herrn Mopp, der auch Leo heißt, und in einem rosaseidenen Schlafrock aufs Schiff gekommen ist. Aber das ist auf jeden Fall etwas für Erwachsene.

Peter Hacks: Das Windloch. Geschichten von Henriette und Onkel Titus. Mit Zeichnungen von Antoinette. Faber & Faber, 74 S., Leinen, 74 €.

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung