Lebensansichten eines Melancholikers

Woody Allen schenkt sich zu seinem 75. Geburtstag einen neuen Film: »Ich sehe den Mann deiner Träume«

Zwei in der Krise: Sally (Naomi Watts) und ihr Vater Alfie (Anthony Hopkins) Fotos: 2010 Concorde Filmverleih GmbH
Zwei in der Krise: Sally (Naomi Watts) und ihr Vater Alfie (Anthony Hopkins) Fotos: 2010 Concorde Filmverleih GmbH

Es ist alles wie immer in seinem neuen Film. Der erste Satz ist von Shakespeare, doch er könnte das Motto jedes seiner Filme sein: »Das Leben ist voller Lärm und Raserei, letztlich aber bedeutungslos.« Woody Allen bekämpft seit über vierzig Jahren die latente Panik, vielleicht ein verfehltes Leben zu führen. Regelmäßig wie ein Uhrwerk legt er jedes Jahr einen neuen Film vor, den er selbst geschrieben hat, bei dem er selbst Regie führt und sehr oft auch die Hauptrolle spielt. Zumindest Letzteres scheint seltener zu werden.

In »Scoop« an der Seite von Scarlett Johansson spielte er noch einmal selbst die klassische Woody-Allen-Szenerie durch: Der drittklassige Magier Splendini trifft auf die junge Journalistikstudentin Sondra Pransky, die von Dentalhygiene sichtlich mehr versteht als vom Schreiben. Augenblicklich verliebt sie sich in das Objekt ihrer gefährlichen Recherche, einen smarten Millionärssohn, der vielleicht ein berüchtigter Serienkiller ist. Der Tipp für die Story kam vom toten Starreporter Joe Strombel, der in Splendinis müder Zaubershow reinkarniert wird – sehr zur Überraschung des vor Routine und Unglauben an alles Spirituelle ganz grau gewordenen Zauberkünstlers.

Es sind Szenen wie diese, die bleiben: Strombel auf dem Totenschiff hört von einem Mitpassagier, der toten Sekretärin des Millionärssohns, dass sie vergiftet wurde – sein Instinkt sagt ihm, dass da die ganz große Geschichte dran hängt. Nur leider, leider kann er den Fall nicht mehr selbst in die Hand nehmen. Aber er besitzt noch soviel posthume Vitalität, dass er dem Tod heimlich immer wieder kurzzeitig entwischt, um dem müden Magier und der dentalfixierten Journalistikstudentin die entscheidenden Hinweise zur Lösung des Falls zu geben. So, glaube ich, stellt Allen sich das mit seinem Nachleben auch vor.

Das Leben hat die Angewohnheit, sich in alltäglichster Prosa mit aller Intensität unlösbar zu verstricken, so dass es am Ende schlicht absurd scheint. Schließlich wird Allens Alter Ego Splendini, als er seiner jungen Freundin in seinem Smart auf kurvenreicher Straße zur Hilfe eilt, das Opfer des englischen Linksverkehrs, an den sich der Amerikaner nicht gewöhnen kann. Am Ende ist eben alles im Leben Zufall, nur der Tod kommt mit Notwendigkeit.

Das Besondere an Allens Filmen ist, dass sie alle irgendwie – mal mehr, mal weniger – autobiografisch sind. Die Hysterie des modernen Großstadtlebens trifft auf die Neurose ihres Chronisten. »Annie Hall« (deutscher Verleihtitel: »Der Stadtneurotiker«) von 1977 ist darum zu einer Ikone des Intellektuellen des 20. Jahrhunderts geworden, ein Sinnbild seines an den Schwellen zum Pathologischen stehenden Spaltungsbewusstseins: allmächtig und ohnmächtig zugleich.

Woody Allen wirkt wie eine Sentenz Nietzsches, der einen Satz von Hegel ruiniert und rettet zugleich. Ein lebendiges Paradox. Wie alle echten Ironiker ist er schwer melancholisch. Eine seiner letzten großen Hauptrollen, vor dem langsamen Zur-Seite-Treten in die Kulissen des Alters, spielte er in »Deconstructing Harry« (dt. »Harry außer sich«) von 1998, in einer Zeit, da gegen ihn eine hässliche Medienkampagne lief und sich seine Frau Mia Farrow gerade von ihm trennte. Da drehte er einen Film über sich selbst als Narziss in der Krise.

Das Geheimnis des schwarzen Humors ist, dass es eigentlich immer um todernste Dinge geht. Um Krankheit, notorische Bindungsunfähigkeit, Versagen und Tod. Man kann sich entscheiden, ob man darüber weinen oder lachen will. Von beidem ein wenig, wäre die wahre, von Allen zu lernende Lebenskunst. Er selbst beherrscht sie nur mangelhaft. Warum sonst drehte er einen Film nach dem anderen? Einen Tag nach seinem 75. Geburtstag kommt »Ich sehe den Mann meiner Träume« bei uns ins Kino, mit dem bereits erwähnten Shakespeare-Zitat aus dem Off zur Einstimmung auf jene menschliche Komödie, die wir – leider völlig vergeblich – zur Todesvermeidung aufführen, so lange, bis das Ende sich beim besten Willen nicht länger vermeiden lässt. Anthony Hopkins in einer herrlichen Rolle als alternder Mann, der eines Tages beschließt, seine Frau allein weiter altern zu lassen und wieder das Leben eines ungebundenen Mittdreißigers zu führen. Ein verzweifelte Posse natürlich, denn in den Augen jungen Frauen wirkt er natürlich noch älter als in denen von älteren. Am Ende landet er bei einer Prostituierten, die ihn in den finanziellen Ruin treibt. Heilt ihn das? Nein, denn das Leben ist und bleibt eine unheilbare Krankheit, die nur der Tod (allzu) gründlich kuriert. Und gerade weil der schon vor der Tür steht, kann man ihn auch noch etwas warten lassen.

Es gibt eine Schicht in Woody Allens Filmen, da wird er sehr dunkel-existenzialistisch. Man sehe sich »Stardust Memories« an, da spürt man die aus innerer Leere geborene Sehnsucht nach einer Erlösung, die es für Steuerbürger nicht gibt. Hier ist er seinem Vorbild Ingmar Bergman nah, der die moderne Seele zugleich als erlösungsbedürftig und erlösungsunfähig ansieht. Viel Trauer schwingt dabei mit über unsere verlorene Unschuld und die Angst vor dem, was das für Folgen haben wird: ein Exerzitium der Hoffnungslosigkeit.

Auch in »Ich sehe den Mann meiner Träume« kommt keiner unbeschädigt davon. Wir alle sind emotional Amputierte, seelisch Schwerbehinderte – aber gelegentlich verhilft einem gerade dieses Handicap zu einer neuen Leichtigkeit des Seins. Diese dauert natürlich nur kurz, wie ein Sekundenschlaf, ein kurzer erfrischender Rausch, der sich, je länger er andauert, als hässlicher Drogentrip herausstellt. Unsere Religionsersatzstoffe haben eben alle arge Nebenwirkungen. Aber die metaphysischen Entzugserscheinungen sind der Preis für das Vorhandensein des modernen aufgeklärten Großstädters, der mit seiner Kreditkarte täglich neu das Schicksal herausfordert.

Dieser Film ist wie jeder neue Woody-Allen-Film wieder der schönste. Ein echtes Alterswerk in den Farben Woody Allens, also Schwarz in Schwarz. Hier wandert der menschliche Irrsinn auf eine wunderbar lebenserhaltende Weise immer im Kreise. Die Frau jenes von plötzlicher Alterspanik ergriffenen Mannes, den Anthony Hopkins auf die Streckbank des Fitness-Studios bringt (niemand altert schneller als der, der mit verbissenem Willen versucht jung zu bleiben!) entdeckt plötzlich das kostspielige Metier der Geisterseherei. Zahlen sie bar oder mit Scheck? In der Beiläufigkeit dieser in der Praxis der Wahrsagerin gestellten Frage schwingt schon alles kommende Unglück mit. Der Abgrund unserer modernen und doch so antiquierten Existenz ist immer noch die schnöde Sachlichkeit. Der größte Schrecken bleibt das profane Kalkül.

Die Tochter des plötzlich so ungleich alten Ehepaares, Sally (Naomi Watts), ist mit einem glücklosen Schriftsteller (Josh Brolin) verheiratet, der im plötzlichen Tod eines befreundeten Schriftstellers seine große Chance sieht. Alle jagen sie hier tiefunglücklich ihrem Traum vom Glück hinterher. Das ist komisch nur für den, der sich davon nicht betroffen glaubt. Aber dass wir jemals vom Leben und seinen Katastrophen nicht betroffen sein könnten, ist die Illusion, mit der Allen immer aufs Neue spielt. Eigentlich aber ist es die Illusion, die mit uns spielt. Oder wie es in »Ich sehe den Mann deiner Träume« heißt: »Manchmal wirken Illusionen besser als Tabletten.« Hoffen wir, dass dies für Woody Allen, diese letzte Hoffnungsinstanz aller Schwarzseher, noch lange gilt!

»Ich habe keine Angst vor dem Tod, ich möchte nur nicht dabei sein, wenn's passiert.«

»Neulich sagte jemand zu mir, dass ich in den Herzen meiner Landsleute weiterleben werde. Ich will aber in meinem Appartement weiterleben!«

»Natürlich gibt es eine jenseitige Welt. Die Frage ist nur: wie weit ist sie von der Innenstadt entfernt, und wie lange hat sie offen.«

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