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Der lange Schatten der Geschichte

Schiffsname erhitzt Gemüter – 350 Jahre nach ihrem Tod wird wieder über Leonora Christina gestritten

  • Von Andreas Knudsen, Kopenhagen
  • Lesedauer: 2 Min.

Im nächsten Jahr nimmt die staatliche Fährgesellschaft BornholmsFähre ein neues Schiff in Dienst. Vor wenigen Tagen lüftete die Reederei nun den Schleier, welchen Namen es bekommen soll, und löste damit einen Streit aus, der mehr als nur ein Sturm im Wasserglas ist. Obwohl der Name Leonora Christina sehr unschuldig klingt, rührte er am Selbstverständnis der Bornholmer.

Leonora Christina war die Frau von Corfitz Ulfeldt, der als größter Landesverräter in der dänischen Geschichte betrachtet wird. Er bekleidete in der Mitte des 17. Jahrhunderts einige der höchsten Hofämter, fiel aber in Ungnade in ging in schwedische Dienste. 1658 kämpfte er auf der Seite des Erbfeindes gegen sein Vaterland.

Ihm werden auch einige der harten Bedingungen zugeschrieben, denen Dänemark sich unterwerfen musste, als der Krieg verloren wurde, unter anderem die Abtretung Bornholms an Schweden. Ulfeldt wurde in Abwesenheit zum Tode verurteilt und eine Puppe symbolisch hingerichtet, während seine Frau den Jubel der Massen in ihrer Gefängniszelle hören konnte. Leonora Christina war 22 Jahre dafür eingekerkert, mit dem falschen Mann verheiratet zu sein und dies nicht zu bereuen.

Man könnte meinen, dass gut 350 Jahre nach diesen dramatischen Ereignissen die Zeit zu Großmut gekommen wäre, doch weit gefehlt. Gerade das Festhalten an ihrem Mann wird Leonora Christina vorgeworfen und Vergleiche in der dänischen Presse zu einer Eva Braun gezogen, die auch bis zum Letzten an der Seite ihre Mannes ausharrte. Besinnlichere Stimmen weisen solche Vergleiche zurück, aber erklären gleichfalls, dass man Fähren, die Bornholm mit dem dänischen Mutterland verbinden, nicht nach einer solchen Person benennen kann. Die jetzigen sind nach Povl Anker, Jens Kofod und Villum Clausen benannt, die 1658 den Aufstand der Bornholmer gegen die neuen schwedischen Herren leiteten.

Diese relativ unblutige Selbstbefreiung ist sehr wichtig für das Selbstverständnis der Inselbewohner. Ihnen glückte etwas, was der dänischen Königsmacht gelingen wollte und um das die Einwohner Schonens lange unter großen Opfern vergeblich kämpften – die Schweden schlagen und bei Dänemark bleiben.

Deshalb schlagen nun die Wellen hoch, doch die Reederei wies zurück, einen anderen Namen wie etwa den der Kronprinzessin Mary zu wählen.

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