Werbung

Brosamen für Deportierte

»Zug der Erinnerung« demonstriert anlässlich des Bahn-Jubliläums

  • Von Leonhard F. Seidl
  • Lesedauer: 2 Min.
Diese Woche feiert die Deutsche Bahn AG in Nürnberg 175 Jahre deutsches Eisenbahnwesen. Am Samstag forderten Demonstranten, Zwangsarbeiter und Deportierte des Dritten Reichs angemessen zu entschädigen.

Trotz klirrender Kälte folgten 500 Demonstranten dem Aufruf des Vereins »Zug der Erinnerung«. Er hatte zu Protesten aufgerufen, weil zahlreiche der Millionen Menschen, die im Dritten Reich von der Reichsbahn in Konzentrationslager deportiert oder zu Zwangsarbeit gezwungen wurden, bis heute keine oder nur geringe Entschädigungszahlungen erhalten haben. Mit Bildern von deportierten Kindern und Transparenten, welche die DB AG zur Verantwortung mahnten, wurden Passanten auf die Thematik aufmerksam gemacht. Ein Mitzwanziger zeigte lediglich Verständnis für die Bahn, die ja staatlich gewesen sei: »Was hätte sie denn machen sollen?«

Am Gedenkstein der Sinti und Roma stoppte der Zug, um an die heute und damals Diskriminierten zu erinnern. Wo einst die jüdische Synagoge stand, erzählte der 85-jährige Holocaust-Überlebende Josef Jakubowicz aus seinem Leben. Er leistete zweieinhalb Jahre für die Reichsbahn Zwangsarbeit, wurde in elf verschiedene Lager deportiert. Barfuß, bei 300 Gramm Brot pro Tag musste er Schwerstarbeit verrichten. Er berichtete »von Bahnangestellten in Uniform, die Kinder mit Puppen gemeinsam mit der SS in die Gaskammern getrieben haben«.

Hans-Rüdiger Minow, Vorstandssprecher des »Zugs der Erinnerung« warf dem Eisenbahnmuseum, wo die Feierlichkeiten stattfinden werden, vor, die E-Lok 19 der Reichsbahn bewusst für die Feierlichkeiten ausgelagert zu haben. Rainer Mertens, der Leiter des Museums, sprach ND gegenüber von »übler Verleumdung«, da dies aus baulichen Gründen geschehen sei. Minow aber geht es auch darum, »dass sie als SS-Devotionalie existiert und 100 000 von Euro in die Restauration gesteckt wurden.« Betroffene in Osteuropa dagegen wurden mit einem Sachwert von 25 Euro pro Person »abgespeist.« »Man müsste die Feiern in das Verhältnis zu dem setzen, was die Opfer erhalten. Das sind nur Brotkrumen, die von den Lachsschnittchen vom Tisch fallen.«

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Als unabhängige linke Journalist*innen stellen wir unsere Artikel jeden Tag mehr als 25.000 digitalen Leser*innen bereit. Die meisten Artikel können Sie frei aufrufen, wir verzichten teilweise auf eine Bezahlschranke. Bereits jetzt zahlen 2.600 Digitalabonnent*innen und hunderte Online-Leser*innen.

Das ist gut, aber da geht noch mehr!

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen und noch besser zu werden! Jetzt mit wenigen Klicks beitragen!  

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!