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Zu viel Geld zum Spekulieren

Neuerscheinungen über den »vertrackten Kern des Kapitalismus«

  • Von Hermannus Pfeiffer
  • Lesedauer: 3 Min.
Herausragende Neuerscheinungen über heutige und zukünftige Finanzkrisen kommen in diesem Bücherherbst von zwei linken Autoren.

Kürzlich übernahm ein Finanzinvestor für einige hundert Millionen Euro einen namhaften Kindersitzhersteller. Damit konnte der Fonds nach langer Suche wenigstens die Hälfte seines Volumens von 4,3 Milliarden Euro investieren. Für zwei Milliarden Euro sucht Nordic Capital weiterhin händeringend nach einem lohnenden Anlageziel. Diese Beispiele belegen, es ist nicht zu wenig, sondern zu viel Geld auf der Welt. Wer das verstehen will, sollte zu dem neuen Buch von Jörg Huffschmid greifen. Ein Jahr nach seinem Tod ist sein Werk aktuell wie seit Jahrzehnten.

Der linke Ökonom, der in Bremen und New York lehrte, argumentierte lange vor der großen Krise, dass die sich bildende Spekulationsblase platzen musste. Und sagte voraus, dass immer neue Spekulationsblasen den »finanzmarktgetriebenen Kapitalismus« auch zukünftig in Krisen stürzen werden. Dass er damit Recht behalten dürfte und warum die notdürftigen Regulierungen der Regierungen nichts gegen die kommenden Krisen ausrichten, zeigt neben dem Reprint »Reformalternative« und der von Rudolf Hickel und Axel Troost einfühlsam editierten Aufsatzsammlung auch das neue Buch des Kolumnisten der »Financial Times«, Lucas Zeise.

Geld regiert die Welt. Davon gehen Zeise wie Huffschmid aus. Es darf gestaunt werden, dass die herrschende Lehre in der Berliner Politik, im Sachverständigenrat und an den deutschen Hochschulen gar keinen handfesten Begriff vom Geld hat. So hat Geld einen inneren, quasi echten Wert. Die Menge Geld, die jemand besitzt, entspricht dem Anteil am Sozialprodukt, den er erwerben könnte. Dieses Sozialprodukt steht für die menschliche Arbeit, die in einem Jahr geleistet wird. Insofern bestimmt die Arbeit den »echten« Wert allen Geldes, die tatsächliche Kaufkraft. Würde jeder sein Geld ausgeben, würden wir sehr schnell merken, dass es gar nicht genügend Waren dafür gibt.

Genauso sieht es in der Realität der Globalisierung aus. Gab es bis in die 1970er Jahre weltweit mehr Waren als Geld, gibt es heute – je nach Studie – drei oder vier Mal so viel Geld wie Waren. Der angehäufte monetäre Reichtum der Begüterten und Finanz-Fonds ist also fiktiv. Und das macht Reichtum zu einer faustischen Falle: Denn (fast) jeder, der etwas Geld übrig hat, versucht für sein Erspartes möglichst hohe Zinsen und Renditen zu ergattern. Mehr oder weniger auf Teufel komm raus wird spekuliert. Bis sich dann, wie jetzt in Irland, der Beelzebub zeigt.

Dass der nächste Krach bestimmt kommt, legt nicht allein Zeises von Huffschmid inspirierte Geld-Analyse über den »vertrackten Kern des Kapitalismus« nahe, sondern auch Huffschmids eigene Klassiker-Texte. Seit den 1980er Jahren untersuchte er die Loslösung der Geldgeschäfte von der realen Produktion als Folge der wachsenden Kluft zwischen Arm und Reich. Da es für den faustischen Reichtum weder genügend Luxusartikel noch reale Anlagemöglichkeiten gibt, fließt das überflüssige Geld als Kapital auf die Finanzmärkte und sucht dort nach möglichst hohen Renditen. Diese gibt es aber nur für hohes Risiko – und das tritt irgendwann einmal ein.

Jörg Huffschmid: Kapitalismuskritik heute, hrsg. von Rudolf Hickel und Axel Troost, VSA Verlag, Hamburg, 214 S., 16,80 Euro.
Jörg Huffschmid und Heinz Jung: Reformalternative, Reprint von 1988, 174 S., IMSF e.V., Frankfurt am Main, 10,00 Euro.
Lucas Zeise: Geld – der vertrackte Kern des Kapitalismus, 192 S., Papyrossa Verlag, Köln, 12,90 Euro.

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