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Von der Messe in ein Tanzlokal

Foto von Che Guevaras Besuch in der DDR vor 50 Jahren entdeckt. Eine Erstveröffentlichung

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Ché in Leipzig, umringt von lateinamerikanischen Studenten; hintere Reihe links: Tamara Bunke
Ché in Leipzig, umringt von lateinamerikanischen Studenten; hintere Reihe links: Tamara Bunke

Das »Neue Deutschland« veröffentlichte eine in trockenen Worten abgefasste Agenturmeldung von ADN. Nüchtern wurden die Fakten vermeldet: Empfang in Berlin durch Volkskammerpräsident Johannes Dieckmann, Fahrt nach Leuna, Gespräch mit kubanischen Studenten in Leipzig, Rückkehr nach Berlin. Der Leiter der kubanischen Wirtschaftsdelegation wurde mit seinem bürgerlichen Namen genannt: Dr. Ernesto Guevara. Der Name Ché wird erst einige Jahre später weltweit zum Fanal von Millionen, die gegen Ausbeutung und Unterdrückung kämpfen.

Der Präsident der Nationalbank des revolutionären Kuba besuchte im Rahmen einer zweimonatigen Reise in die sozialistischen Länder Osteuropas und Asiens vor 50 Jahren auch die DDR – vom 13. bis 17. Dezember 1960. Er kam, um Zucker anzubieten, den die westlichen Länder aus feindlichem Kalkül kaum noch abnahmen, und um Waren einzukaufen, von denen die Karibik-Insel immer schmerzlicher abgeschnitten wurde.

Guevara blieb mit seinem Revolutionsdress schon äußerlich etwas Besonderes im Kreis der Funktionäre, die mit ihm in Berlin verhandelten und ihm die Düngemittelproduktion in Leuna zeigten, wo die Arbeiter dem Kubaner begeistert zujubelten. Nach diesem offiziellen Programmpunkt reiste er am Donnerstag, den 15. Dezember, ins nahe Leipzig. Dies muss spontan eingefädelt worden sein. Der 1927 geborene Karl-Heinz Blaurock, langjähriger Wirtschaftsfunktionär und seinerzeit stellvertretender Leipziger Oberbürgermeister, erinnert sich 50 Jahre später, die Information über den hohen Besuch sei »kurzfristig« gekommen; zumindest schien die »Leipziger Volkszeitung« so überrascht gewesen zu sein, dass sich am Folgetag keine Zeile über den prominenten Besucher im Blatt fand. Das Hauptinteresse Guevaras galt der Leipziger Messe. Blaurock und Rudolf Lemser, der Generaldirektor der Messe, betreuten ihn während seines halbtägigen Leipzig-Besuchs. Seitens der DDR-Regierung war Gerhard Weiß, damals stellvertretender Außenhandelsminister, zugegen.

Die siegreiche kubanische Revolution war in jenen Tagen noch keine zwei Jahre alt. Die von den USA an allen Fronten betriebene Isolation des karibischen Inselstaates vor ihrer Haustür nahm bedrohlich zu. Kuba war dringend auf zuverlässige Bündnispartner und auf neue Absatz- und Beschaffungsmärkte angewiesen. Die Revolutionäre um Fidel Castro benötigten tatkräftige Solidarität. Kinder in der DDR sammelten Bleistifte und Schulhefte für ihre Altersgenossen in Kuba, der Außenhandel war gefordert, benötigte Waren bereitzustellen. Da kam die Leipziger Messe wie gerufen. Was Dr. Guevara hier vereinbarte, mündete in den viel beachteten ersten Auftritt Kubas auf der Leipziger Frühjahrsmesse 1961.

Zwischen den Wirtschaftsgesprächen traf sich Guevara am 15. Dezember mit jungen Kubanern und anderen lateinamerikanischen Jugendlichen im Institut für Ausländerstudium der Karl-Marx-Universität. Den damals acht eingeschriebenen Studenten aus Kuba sollten in den folgenden drei Jahrzehnten Hunderte weitere folgen. So weit das heute noch zu ermitteln ist, schien das offizielle Protokoll nach dem Besuch bei den angehenden Akademikern beendet gewesen zu sein. Doch Guevara wäre nicht Guevara gewesen, wenn er nach den gelungenen Kontakten jenes Tages sofort wieder zurück nach Berlin gefahren wäre. Eine Tanzgaststätte wolle er noch gern besuchen, äußerte der gebürtige Argentinier. Daraufhin luden Blaurock, Lemser und Weiß ihn ins Ring-Cafe im Stadtzentrum ein. Am kleinen Tisch abseits der Tanzkapelle unterhielt man sich in entspannter Atmosphäre. Guevara berichtete über die kubanische Revolution – und trank nur Mineralwasser, was ihm zusätzliche Bewunderung seiner Gastgeber eintrug.

Fotos von diesem Abend existieren nicht, wohl aber vom Treffen Guevaras mit kubanischen Studenten. Die Aufnahmen stammen von Horst Sturm, einem ADN-Fotografen, der den Gast während seines gesamten fünftägigen Aufenthalts in der DDR begleitete. Die Suche nach den nun schon ein halbes Jahrhundert alten Fotos war im Bundesarchiv erfolgreich. Gefunden wurde dort auch eine Aufnahme, auf der erstmals Guevara und Tamara Bunke, seine spätere Kampfgefährtin Tania, la Guerrillera, zusammen zu sehen sind. Im Partisanenkampf gegen eine gegnerische Übermacht, fanden beide im Oktober 1967 im bolivianischen Urwald den Tod.

Horst Sturm, der ADN-Fotograf, lebt heute 87-jährig in Berlin-Wilmersdorf. Ein halbes Jahrhundert nach Chés Besuch in der DDR wird seine damalige Aufnahme hier erstmals veröffentlicht. »Ich freue mich sehr«, kommentiert der Bildreporter dieses Ereignis mit verhaltenem Stolz, »dass das erste gemeinsame Foto von Ché und Tamara jetzt wieder entdeckt und noch zu meinen Lebzeiten veröffentlicht wird«.

Zur Erinnerung an Chés Aufenthalt in Leipzig laden Cuba sí und die Rosa-Luxemburg-Stiftung Sachsen zum kulturell-politischen Abend am 15. Dezember, 19 Uhr, ins Ring-Café am Roßplatz in Leipzig.

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